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Eva Apraku über „Das Ende der Geduld“

Eva Apraku über

Martina Gedeck als Kirsten Heisig beziehungsweise Corinna Kleist, eine der Heisig nachempfundene Figur? Bei der Hauptrollenbesetzung des am 19. November ausgestrahlten ARD-Fernsehfilms „Das Ende der Geduld“, eine Art fiktionales Portrait der bundesweit bekannten Neuköllner Jugendrichterin, die 2010 durch Suizid starb, kamen zunächst einmal Zweifel auf. Die Schauspielerin wirkt optisch soviel properer, vitaler als die zu ihren Lebzeiten in Fernsehaufnahmen und auf Fotos häufig übernächtigt erscheinende Jugendrichterin, die mit ihren beschleunigten Gerichtsverfahren, dem sogenannten „Neuköllner Modell“ weit über die Grenzen Berlins hinaus für Furore gesorgt hatte.
Doch Martina Gedeck erfasste sehr schnell das Spannungsfeld, das in dem Leben der berühmten Richterin herrschte: Angetrieben von echtemInteresse an ihrer Klientel sowie von beruflicher und persönlicher Erfahrung, aber aufgerieben und ausgebremst von einer unflexiblen Behörde und Zweiflern, die ihr unlautere Motive unterstellen, war die sensible Kirsten Heisig tatsächlich alles andere als eine „Richterin gnadenlos“, als die sie immer wieder bezeichnet wurde.
Kirsten Heisig ging es, und das macht auch der Film um die fiktive Corinna Kleist deutlich, vor allem um die Erziehung der straffällig gewordenen Jugendlichen. Die nicht funktionieren kann – das weiß jeder, der Kinder hat – wenn Konsequenzen von Fehlverhalten gar nicht oder viel zu spät erfolgt. Dass in Neukölln die jugendlichen Deliquenten häufig migrantischer Herkunft sind, war natürlich auch in „Das Ende der Geduld“ zentrales Thema. Und wurde, soweit dieser komplexe Hintergrund in 90 Minuten auch nur halbwegs lebensnah dargestellt werden kann, vielschichtiger gezeichnet, als sonst üblich. Sogar die durch deutsche Gesetze erzwungene Arbeitslosigkeit arabischer Flüchtlingseltern, aber auch die Verhätschelung ihrer männlichen Kinder, der clan-interne Kampf um Machorollen, blitzte in Szenen auf, ohne etwas Oberlehrerhaftes zu haben.
Verwirrend wirkte allenfalls das Zeitfenster, in dem Corinna Kleist/ Kirsten Heisig zu wirken schien: Nicht nur die Jahreszeit änderte sich nicht und schien festgefahren auf die Fußball-WM 2010. Auch ihr berufliches Gegenüber konzentrierte sich im Film im Wesentlichen auf eine Familie, die dadurch wieder etwas arg Klischeehaftes bekamen.

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Noch immer zuviel Geduld mit den Tätern? Die anschließende Diskussion bei Anne Will

Geht es um Jugendgewalt, zumal Gewalt von Jugendlichenmigrantischer Herkunft, sind Diskussionen in Fernsehrunden meist schwer erträglich. „Hardliner“, die derartige Jugendliche am liebsten für lange Zeit ins Gefängnis einbuchten, wenn nicht gleich ausweisen wollen, treffen dann üblicherweise auf Alles-Versteher, die den migrantischen Nachwuchs als arme Opfer einer es mit ihnen nicht gut meinenden Gesellschaft sehen. Austausch findet in solchen Runden praktisch nie statt, der Erkenntnisgewinn für Zuschauer tendiert gegen Null. Umso überraschend angenehmer unterschied sich die Talk-Runde, die nach dem ARD-Film „Das Ende der Geduld“ bei Anne Will zusammensaß, um darüber zu reden, wie mit Jugendgewalt umzugehen sei.

Zum Gespräch angetreten waren Corinna Sassenroth, Jugendrichterin in Berlin, derzeit Lichtenberg. Außerdem Michael von Hagen, Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Berlin. Die Berliner Journalistin Güner Jasmin Balci wurde als Autorin des Buches „Arabboy“ vorgestellt, hat aber mit „ArabQueen“ und „Aliyahs Flucht“ längst zwei weitere themenbezogene Werke vorgelegt, in denen es um Gewalt, migrantische Herkunft und Machismo geht.  Und auch der Talk-Rundenteilnehmer Christian Stahl, ebenfalls Journalist, verfügt über tiefe Einblicke: Seit rund zehnJahren verfolgt er die Entwicklung von Yehya E., einem jungen Neuköllner Intensivtäter palästinensischer Herkunft, über den er einen Film gedreht und ein Buch geschrieben hat.

Justiz gegen Profi-Versteher beziehungsweise -Migrantin? Weit gefehlt. Mit Sassenroth und von Hagen waren die Vertreter der BerlinerGerichte mit sehr reflektierten Persönlichkeiten besetzt, die ihren Berufsalltag nicht nur sehr vielschichtig darstellten, sondern die auch an den Ausführungen besonders von Güner Balci echtes Interesse zeigten. Diese thematisierte nicht nur überkommene Rollenverständnisse in eingewanderten, patriachalisch-orientierten Familien oder die Problematik des Schuleschwänzens. Sie machte auch auf innerfamiliäre Gewalt als Ursache einer Gewaltspirale aufmerksam und beklagte, dass die Bekämpfung von Jugendgewalt finanziell oft zu Lasten vorbeugender Jugendarbeit gehe.

Wie wichtig sichere Aufenthaltsverhältnisse nebst derErlaubnis, arbeiten gehen zu dürfen, gerade für die positiven Perspektiven von langjährig geduldeten Flüchtlingsfamilien – viele der jungen Neuköllner Täter stammen aus solchen Familien – ist, erläuterte Christian Stahl. Ohne jedoch eine simple Ursache-Wirkung-Rechnung aufzumachen. Was in dieser Runde dankenswerterweise ohnehin eigentlich niemand tat: Statt lediglich die in anderen Talkrunden sonst  fest zementierten Antworten zu geben, wurden von allen Beteiligten vor allem Fragen gestellt: Wieso wird der eine straffällig und der andere, der in einer scheinbar ähnlichen Situation lebt, nicht? Was passiert, wenn Jugendliche viel zu spät bestraft werden? Und wie kann man das Schuleschwänzen, das von allen eindeutig als Anfang einer problematischen „Karriere“ identifiziert wird, verhindern? Nicht gefragt wurde jedoch leider, warum Kinder und Jugendlicheüberhaupt mit dem Schulschwänzen anfangen? Ob sie in der Schule vielleicht nur Erlebnisse von Versagen haben? Ob Kinder aus Einwanderer- oder bildungsfernen Familien vielleicht viel zu wenig Unterstützung erfahren? Und ob sie dann beginnen, ihre „Erfolgserlebnisse“ woanders zu holen?

Wie dem auch sei: Es tat gut, diesen aufrichtig interessierten Menschen beim Austausch zuzugucken. Auch und gerade, weil ihre Perspektiven sehr unterschiedlich sind. Dass sie eine gemeinsame Ebene gefunden hatten, lag an einer fast revolutionären Erkenntnis: Ob Richterin, Staatsanwalt oder thematisch ausgewiesene Journalisten – das Thema Jugendgewalt betrachteten alle eindeutig als ein deutsches Problem. Egal, woher die Familien der Jugendlichen ursprünglich kamen.

Text: Eva Apraku

Fotos: BR/ CWP Film/ Oliver Vaccaro

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