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Eva Apraku über den Preis der Freiheit

Eva Apraku über den Preis der Freiheit

Sie machten sich mithilfe selbst gebastelter Heißluftballons aus ihrem Land davon, zwängten sich in Hohlräume von Autos, um die Grenze zu überwinden, krabbelten durch brüchige Tunnel oder schwammen sogar kilometerweit durch die Ostsee: Wer vor über einem Vierteljahrhundert aus der damals noch existierenden DDR floh, riskierte nicht weniger als sein Leben. Entsprechend groß war die Bewunderung für diejenigen, die es schafften. In seitenlangen Reportagen und abendfüllenden Fernsehsendungen wurde der Einfallsreichtum und Mut von DDR-Flüchtlingen bewundert. Jeder verstand ihre Motive: Ein Land, in dem man seine Meinung nicht frei äußern und in dem die persönliche Weiterentwicklung nur durch Anpassung an das System erkauft werden konnte, war kein Ort, wo man bleiben konnte.
Auch die vielen Flüchtlinge, die Deutschland derzeit erreichen, haben alles auf eine Karte gesetzt: Wochenlang durchwanderten sie Wüsten, schipperten in schrottreifen Booten übers Mittelmeer oder passierten eingepfercht in Transportern steile Gebirgspässe, um Kriegen, aber eben auch Diktaturen und Korruption zu entkommen. Doch anstatt Anerkennung für ihre Courage zu ernten, werden Flüchtlinge bei uns von der Politik an den Rand gedrängt, stigmatisiert und mit Gesetzen wie der Residenzpflicht kriminalisiert.
Sicher, die politischen Hintergründe unterscheiden sich. Die DDR-Flüchtlinge waren ebenfalls Deutsche. Trotzdem sollte ein Land, das vor 25 Jahren unter anderem mithilfe der Besetzung der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag durch geflohene DDR-Bürger erst die Mauer zu Fall brachte und sich später wiedervereinigte, auch bei ausländischen Flüchtlingen weniger sauer­töpfisch reagieren.
Während etwa im Rahmen der – ebenfalls politisch motivierten – Besetzung des Kreuzberger Oranienplatzes oder der Gerhart-Hauptmann-Schule durch ausländische Flüchtlinge pingelig jedes Mittagessen der zur Sicherheit herbeigerufenen Polizisten in der Kostenrechnung aufgelistet und die Zahlen übellaunig in der Öffentlichkeit verbreitet wurden, sind die Ausgaben für die Besetzung der Deutschen Botschaft durch DDR-Flüchtlinge unbekannt. Dabei hatten Freiheit und Selbstbestimmung auch damals ihren Preis: Zusammengerechnet 17?000 DDR-Flüchtlinge sollen in der Prager Botschaft während weniger Monate versorgt worden sein.

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