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Explodierende Träume: „Reality 2.0“

Reality 2.0

Wenn man den Namen Manuel Mendez Leyva in eine Suchmaschine eingibt, dann kommt man auf Webseiten mit unheimlichen Namen wie „Bloodfiles“, „Gorearea“ oder „Youpain“. Das hat damit zu tun, dass von Leyvas Tod ein Clip existiert, der nun im Internet zirkuliert: eine Hinrichtung durch Enthauptung, eines von vielen grausamen Verbrechen in den Auseinandersetzungen der mexikanischen Drogenkartelle.
Für den Filmemacher Victor Orozco Ramirez wurde Leyva ausgerechnet in dem Moment eine Obsession, als er sein Land verließ und nach Deutschland kam. In dem Animationsfilm „Reality 2.0“ sehen wir, wie das Flugzeug, mit dem er hier ankommt, kurz vor der Landung explodiert. Doch es ist in Wahrheit sein Kopf, der sich anfühlt, als müsste er explodieren. Und das filmische Medium, zumal das einfache Zeichentrickverfahren, das Ramirez benützt, erlaubt es ihm, seiner wilden Fantasie die Zügel schießen zu lassen.
In elf dichten Minuten können wir in „Reality 2.0“ eine besondere Fremdheitserfahrung nachvollziehen. Ramirez kam nach Deutschland, um hier Film zu studieren. Doch gerade hier ließ ihn das „surreale“ Mexiko nicht los. Er kippte, wie seine sanfte Stimme in dem Film aus dem Off erklärt, in eine Beschäftigung mit einer Kultur des Todes, wie man sie Mexiko immer wieder zuschreibt. Er surfte von Clip zu Clip, von Nachrichtenseite zu Blognotiz, und er fertigte von seinen Suchbewegungen besondere Screenshots an, nämlich gezeichnete, in denen die digitalen Oberflächen einen vertrauenerweckend handgefertigten Charakter annehmen. Und aus diesen Bildern unter anderem ist „Reality 2.0“ gefertigt.
Orozco wurde dafür im September mit dem Preis der Nationalgalerie für junge Filmkunst ausgezeichnet, was zur Folge hat, dass der Film nun noch bis in das neue Jahr im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Die Jury war mit Vertretern des Kunstfelds und der Deutschen Filmakademie besetzt. Die Entscheidung bekommt dadurch einen etwas anderen repräsentativen Charakter als zumeist. Denn obwohl der Brückenschlag zwischen Kunst und Kino eines der wichtigsten Themen der letzten Zeit in diesem Bereich ist, missverstehen die beiden Felder einander immer noch häufig.
„Reality 2.0“ zählt zu den Arbeiten, die in beiden Kontexten gut funktionieren. Ramirez wählt eine scheinbar altmodische Technik, die sich aber gerade angesichts der übermächtigen digitalen Zusammenhänge, auf die er hinaus will, als angemessen und fast schon wieder ein bisschen subversiv erweist. Der „Krieg gegen die Drogen“, der in Mexiko auch ein „Krieg gegen die Bevölkerung“ ist, wird zunehmend auch mit den Mitteln der Internet-Propaganda geführt. Gezielt verbreitete Snuff-Videos wie das von Manuel Mendez Leyva dienen dabei auch dazu, den Institutionen eine lange Nase zu zeigen oder den Rivalen im Bandenkrieg eine Botschaft zu senden.
Ramirez, der mit „Reality 2.0“ sein Filmstudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg abschloss, nutzt die Animation mit ihrer transparenten Ästhetik für eine Meditation über entfesselte Dämonen und vermeintliche Ordnung: In Deutschland, so heißt es, werden Ratten zu Hasen, in Mexiko hingegen sind überall nur Ratten. Die Sonne, die in Mittelamerika heißer scheint, lässt Leichen schneller verrotten. „Reality 2.0“ ist eine Realität, die diese prekäre Sinnlichkeit zum Verschwinden bringen möchte. Ramirez macht sie wieder spürbar.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Victor Orozco Ramirez / Reality 2.0

Reality 2.0, ?Deutschland/Mexiko 2012, ?Regie: Victor Orozco Ramirez, 11 Minuten

Preis der Nationalgalerie für junge Filmkunst im Hamburger Bahnhof, bis 12.1.

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