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Kulturpolitik

Fehlende Kompetenz: Der Versuch eines Interviews mit der Vizedirektorin des Polnischen Instituts

Die Vizedirektorin des Polnischen Instituts Małgorzata Bochwic-Ivanovska steht für eine rechtsnationale Kulturpolitik Polens – mitten in Berlin. Der Versuch eines Interviews

Demo, in Solidaritaet mit Polen, 17 Dezember 2016. Foto: Anna Krenz

Małgorzata Bochwic-Ivanovska hat es nicht leicht in der Stadt der Freiheit. Seit letztem Herbst lebt die 41-jährige Warschauerin in Berlin. Sie kam als Vizedirektorin ans Polnische Institut, eine dem polnischen Außenministerium unterstellte Einrichtung, die weltweit an zwei Dutzend Orten polnische Kunst und Kultur präsentiert, aber auch Sprachunterricht fördert. Anfangs leitete noch Katarzyna Wielga-Skolimowska das Haus in der Burgstraße in Mitte,  die aber zum Ende des Jahres vor Ablauf ihres Vertrags überraschend und ohne Angabe von Gründen abberufen wurde.

Bochwic-Ivanovska führt seitdem die Geschäfte, doch die Stadt ist ihr nicht wohlgesonnen. Es hagelte kritische Meldungen in der Presse, was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass ihre Vorgängerin einer breit aufgestellten Aufräumaktion der rechtsnationalen PiS-Partei um Jarosław Kaczyński zum Opfer fiel. 13 von insgesamt 24 Leitern der Polnischen Institute mussten in den letzten Wochen vorzeitig gehen und wurden von wenig qualifizierten, dafür aber linientreuen Funktionären ersetzt.

Das fällt in Berlin auf, Polen ist nicht weit – und die hiesige Community rege. Doch im Prinzip ist dieser Fall symptomatisch für die politische Entwicklung in ganz Europa. Allerorts erlangen nationalistische, autoritäre und antieuropäische Parteien mehr Macht.

In Österreich, Ungarn und Holland genauso wie in der Slowakei, England und demnächst vielleicht auch in Frankreich. Polen ist dabei nur ein Puzzleteil. Der Fall des Polnischen Instituts zeigt aber, wie zukünftig so eine Politik, auch im Hinblick auf die Kultur, gestaltet werden kann.

Bislang organisierte das Polnische Institut von Zeit zu Zeit eine Ausstellung, förderte Musiker oder Theatergruppen und trat vor allem mit dem Filmfestival „Film Polska“ in Erscheinung. Ein ordentliches Programm, das Akzente im Berliner Kulturkosmos setzte und die Aufmerksamkeit auf die vielfältige Szene jenseits der Oder lenkte. Das dürfte sich in Zukunft ändern, da das PiS-Regime die Institute als propagandistischen Arm ihrer Kulturpolitik vehement nutzen will und wird. Es sollen nur noch der Partei-genehme Künstler vorgestellt und das „gute Ansehen Polens“ gepflegt werden.

Wir wollten der Sache nachgehen und baten um ein Interview mit der amtierenden Direktorin, das auch gewährt wurde. Das Gespräch fand an einem Montagmittag statt und dauerte gut 40 Minuten. Es war angespannt, aber durchaus konstruktiv. Natürlich sprachen wir über die Personalpolitik, aber auch über das künftige Programm. So konnte man erfahren, dass die Schwerpunkte auf eher historische Themen gelegt werden, auf 100 Jahre polnischer Unabhängigkeit oder auch die Kunst der 1980er-Jahre.

Am nächsten Morgen erreichte die Redaktion eine E-Mail von unserer Gesprächspartnerin, in der uns fehlende journalistische Kompetenz vorgeworfen und ein Abdruck des Interviews komplett untersagt wurde. Dies geschah, bevor der Text Frau Małgorzata Bochwic-Ivanovska überhaupt zur Autorisierung vorgelegt wurde. Das Gespräch war zu jenem Zeitpunkt nicht einmal abgetippt.Sie hat es also kategorisch verboten, ohne es gelesen zu haben. Als Grund des Verbots wurde angegeben, wir hätten die PiS-Regierung als „totalitär“ bezeichnet. Was wir auch taten.
Die faktische Gleichschaltung der öffentlich-rechtlichen Medien, die Entmachtung des Verfassungsgerichts, die Um- und Neuschreibung der jüngsten Geschichte Polens, die Verschärfung der Abtreibungsgesetze, eine aggressive bis zerstörerische Politik gegenüber der Opposition und Minderheiten, der Schulterschluss mit erzkonservativem Katholizismus und rechtsradikalen Gruppierungen, eine feindselige Europapolitik und nicht zuletzt ein geradezu religiös anmutender Kult um den Parteivorsitzenden Jarosław Kaczyński (der ungehemmt über die Premierministerin Beata Szydło und den Staatspräsidenten Andrzej Duda gebietet) weisen in ihrer Summe autoritäre bis totalitäre Tendenzen auf.

Diese Ablehnung könnte aber tatsächlich eher in der von uns infragegestellten Qualifikation der Vizedirektorin gründen. Es ist kein Geheimnis, dass die studierte Sprachwissenschaftlerin bis zur ihrer Berufung ans Polnische Institut über nahezu keine Erfahrungen im Kulturmanagement verfügte. Sie arbeitete von 2000 bis 2005 für die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft an einem Projekt zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter, lebte danach in Polen und verdiente ihr Geld als Übersetzerin.

Neben Diätbüchern und dem Thriller „Todesschiff“ der isländischen Autorin Yrsa Sigurðardóttir übertrug sie auch Jürgen Elsässers „Wie der Dschihad nach Europa kam“ ins Polnische. Von dem Chefredakteur des rechtspopulistischen Monatsmagazins „Compact“ und Pegida-Redner mochte sie sich auf unsere Nachfrage hin nicht distanzieren. Die offen mit der PiS sympathisierende Bochwic-Ivanovska kann man getrost als Nutznießerin der sogenannten „dobra zmiana“ (Gute Veränderung) bezeichnen. Unter diesem Schlagwort besetzte die PiS 2016 tausende Stellen im öffentlichen Sektor mit fraglich geeignetem, aber linientreuem Personal.
Das ist der Geist der neuen polnischen Kulturpolitik, der auch ein Stück weit nach Berlin geweht ist. Mittlerweile organisierte das Institut etwa eine Aufführung des Propagandafilms „Smolensk“, in dem die Verschwörungstheorie zur Staatsräson erklärt wird, dass die Russen für den Absturz der polnischen Staatsmaschine bei Smolensk im April 2010 verantwortlich seien.

In einer Welt der Trumps, Orbans, Putins, Erdogans und Kaczyńskis erzählt diese Umwälzung am Polnischen Institut von einer wenig erfreulichen Zukunft. Einer Zukunft, in der Zensur, Hass und Propaganda an der Tagesordnung stehen und Kunst- und Medienfreiheit zum bedrohten Gut werden. Auch hier, mitten in Berlin, der vermeintlichen Stadt der Freiheit.

Lesen Sie die gestellten Interviewfragen auf: www.tip-berlin.de/polnisches-institut-fragen

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