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Ferdinand von Schirach im Gespräch über Verbrechen

Ferdinand von SchirachWir haben mit Ferdinand von Schirach über die Nähe von Täter und Opfer, die stimulierende Wirkung der Medien und die Kunst gesprochen, komplizierte Dinge klar auszudrücken.

tip Herr von Schirach, die Berliner Polizei hat gerade die achte Mordkommission reaktiviert. Ist der Aufklärungsbedarf denn so groß?
Ferdinand von Schirach Ich kenne die Statistik nicht, aber es gibt eine gute Tradition in Deutschland, dass fast alle Morde aufgeklärt werden – was oft nicht unbedingt an der Güte der Mordkommission liegt, sondern an der Art der Verbrechen. Tötungsdelikte passieren meist in der Familie und im engen Bekanntenkreis. Wenn das Mädchen tot ist, dann war es im Zweifel der eifersüchtige Freund. Und den findet man schnell.

tip Wer jemanden umbringt, landet also ziemlich sicher im Knast?
von Schirach Das nun auch wieder nicht. Wir haben in Deutschland etwa 2300 Tötungsdelikte im Jahr. Es gibt seriöse Gerichtsmediziner, die sagen, dass noch mal so viele Todesfälle nicht als Verbrechen erkannt werden. Fälle wie die der Großmutter, der ein Enkel das Kissen aufs Gesicht drückt, um zu erben. Kein Gerichtsmediziner schaut die alte Dame an, der Hausarzt stellt den Totenschein aus, sie wird einfach begraben.

tip Morde, bei denen das Motiv nicht gleich erkennbar ist, sind also schwieriger aufzuklären?
von Schirach Natürlich. Es gibt Menschen, die töten aus Mordlust. Ein Beispiel: Sie nehmen einen Hammer, setzen sich in den Zug nach Hannover, gehen dort in den Park, erschlagen eine alte Frau, die Tauben füttert. Dann fahren Sie zurück und essen mit Ihrer Freundin zu Abend. Diesen Mord kann man nicht aufklären. (Pause) Sie schauen so ernst, als würden Sie tatsächlich darüber nachdenken. Vergessen Sie es bitte sofort wieder (lacht).

tip Ein Verbrechen, von dem wir nie erfahren werden. Sie als Strafverteidiger auch nicht.
von Schirach Genau. Ein anderes Beispiel ist die sogenannte Alpenscheidung. Sie gehen mit Ihrer Frau, von der Sie sich trennen wollen, sich das aber nicht trauen, in den Alpen wandern. Sie schauen sich das wunderbare Panorama an, Sie gehen ganz vor an die Kante des Felsens. Und dann geben Sie ihr einen Schubs, Ihre Frau fällt 240 Meter in die Tiefe und ist tot. Wenn es keine Zeugen gibt, wird daraus nie ein Verfahren.

tip Gut, dass wir in Berlin keine hohen Berge haben.
von Schirach Wir haben hohe Gebäude, die S-Bahn und genügend andere Möglichkeiten.

tip Sie haben an die 800 Verfahren bestritten. Haben Sie eine Topografie des Verbrechens vor Augen, wenn Sie durch Berlin gehen?
von Schirach Es gibt schon bestimmte Gebäude. Auf dem Weg zum Flughafen steht ein Haus, in dessen Keller ein Stunden dauerndes Abschlach­ten war. Daran denke ich manchmal, wenn ich vorbeifahre.

tip In den Tageszeitungen gehören Berichte über spektakuläre Kriminalfälle schon seit jeher zu den am meisten gelesenen Artikeln. Woher kommt die merkwürdige Faszination für Verbrechen?
von Schirach Wir leben in einer scheinbar sicheren Welt. Alles ist durch Gebote und Verbote geregelt. Wenn Sie morgens im Büro ankommen, haben Sie schon 40 Verbote beachtet. Der Verbrecher hält sich an nichts. Er macht, was er will. Wir wissen, dass er erwischt wird, aber vielleicht gefällt es uns, dass er so frei ist. Ein gutes Beispiel ist Dagobert. Wir haben alle gern gelesen, wie er die Polizei gefoppt hat. Für diesen einen Moment ist er so etwas wie ein Held. Wir projizierten unsere Freiheitsbedürfnisse auf ihn.

tip Dagobert war ein Perfektionist. Von den vielen Straftätern lässt sich das eher nicht sagen.
von Schirach Das stimmt, die meisten Verbrechen werden dilettantisch ausgeführt. Vermutlich liegt das daran, dass sie ungeplant geschehen. Kaum jemand nimmt sich lange vor, einen anderen zu töten. Die Menschen tun das spontan, sie tun es oft aus scheinbar nichtigem Anlass. Die Qualen, die dazu führten, dauerten lange, aber sie führen nicht dazu, dass man das Verbrechen plant. Oder denken Sie an die Drogenhändler: 90 Prozent werden verhaftet, weil ihre Telefone abgehört werden. Jeder weiß, dass das seit mehr als zehn Jahren möglich ist. Trotzdem telefonieren alle weiter, und am Ende werden sie erwischt.

tip Die meisten Fälle, die wir im Polizeibericht lesen, sind banal. Steht die Faszination für das Verbrechen nicht im Gegensatz zur täglichen Arbeit eines Strafverteidigers?
von Schirach Sie haben Recht, auf den ersten Blick sind die meisten Verbrechen erschreckend banal. Das Mädchen sagt aus Dummheit: „Du hast einen kleinen Penis.“ Und der Junge erschlägt sie aus Wut. Es ist banal und absurd. Genau dieser Satz war in einigen Fällen schon der Anlass. Dann aber schauen Sie hinter die Tat. Was war wirklich passiert, was ist die Geschichte? Plötzlich verändert sich das Bild: Es geht um die Schuld des Menschen. Die Schuld ist selten spektakulär, aber fast immer ist sie interessant.

tip Wie sieht Ihr täglicher Stundenplan des Verbrechens aus?
von Schirach Ich spreche mit Mandanten, ich lese Akten, ich denke nach. Ein Mandant, dem ein Mord oder ein Totschlag vorgeworfen wird, hat es verdient, dass man sich mit ihm beschäftigt. Er ist ein Mensch am Rande seiner Existenz. Aber ich bin natürlich nicht mehr so häufig im Gerichtssaal wie früher. Ich übernehme nur zehn bis 15 größere Fälle pro Jahr, nicht mehr. Die meisten Mandate lehne ich ab.

tip Wie muss ein Fall beschaffen sein, dass Sie ihn annehmen?
von Schirach Das ist schwer zu sagen. Es muss mich interessieren, und die Verteidigung darf nicht völlig aussichtslos sein. Und wenn mir nichts einfällt, dann lasse ich es lieber.

tip Für Ihr Buch „Verbrechen“ haben Sie wahre Fälle in pointierte Kurzgeschichten verwandelt. Dabei sind Sie sehr nahe bei den Tätern. Die werden oft zu Opfern – und die Opfer zu Tätern.
von Schirach Bei einem Tötungsverbrechen sind die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern oft nicht wirklich groß.

tip Nur dass der eine danach im Extremfall noch lebt, der andere nicht.
von Schirach

Das ist nur der sichtbare Unterschied. Es ist oft ein Zufall, ob jemand einen anderen Menschen umbringt, oder ob er sich selbst richtet. Es ist die Situation, die dazu führt, das Ausweglose, das Einsame. Natürlich ist der eine am Ende trotzdem der Täter, und er wird vermutlich bestraft. Aber man muss sich seine Geschichte anschauen. Die Begriffe „Opfer“ und „Täter“ sind also fließend.

tip Jeder kann also zum Täter werden? Sie, wir, die Kellnerin?


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