• Kultur
  • Fernbusse liegen im Trend

Kultur

Fernbusse liegen im Trend

Fernbusse

Freitagabend nahe der S-Bahnstation Messe Nord/ICC. Unzählige Menschen, bewaffnet mit Rollkoffern oder Rucksäcken, stapfen zum Zentralen Omnibusbahnhof Berlin (ZOB), einem der meist-angefahrenen Fernbusbahnhöfe Deutschlands.
Seit der Liberalisierung des deutschen Fernbusmarktes Anfang 2013 – sie ermöglicht den Einsatz privater Fernbusse in Konkurrenz zur Bahn – ist die Anzahl der Busfahrten am ZOB rasant angestiegen. Wurden 2012 noch circa 64?000 An- und Abfahrten gezählt, so rechnet der ZOB-Betreiber, die Internationale Omnibus-Gesellschaft (IOB), für das Jahr 2014 mit 175?000 Fahrten. Zu den wichtigsten Linienbus-Playern gehören dabei Mein-FernBus, Berlin Linien Bus, Postbus, FlixBus und die Deutsche Touring.
Aber auch an vielen anderen Haltestellen in Berlin tut sich was. Laut einer Prognose des Betreibers, der Deutschen Bahn AG, sollen nächstes Jahr 25?000 Busse am Südkreuz halten. Zudem wolle die Bahn in den nächsten Monaten Haltestellen am Ostbahnhof und am Bahnhof Gesundbrunnen errichten. „Viele Fernbusunternehmen berichten heute, dass der ZOB kaum noch Platz zu attraktiven Fahrzeiten anbieten kann. Auch diese Nachfrage bedienen wir damit“, meint Jan Nöppert von der DB Station & Service.
ZOB BerlinDie 27 einzeln anfahrbaren Haltestellen am ZOB sind von Ticketschaltern gesäumt, dazwischen Kioske mit Sandwiches und ein zeltartiges Verkaufshäuschen mitten auf dem Gehweg. Die Sitzbänke in der Wartehalle sind gefragt, manche Leute sitzen auch auf der Heizung. Ein paar Busse haben Verspätung, die meisten sind aber halbwegs pünktlich.
Ab Ende 2015/Anfang 2016 soll der ZOB für zunächst 3,9 Millionen Euro vom Land Berlin umgebaut werden. „Es ist spürbar, dass mehr Fahrgäste vom ZOB abfahren oder dort ankommen“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Im Zuge der Grundinstandsetzung und Kapazitätserweiterung sollen unter anderem zehn zusätzliche Haltestellen entstehen. Und das ist nur der erste Bauabschnitt, Ende 2016 soll ein zweiter kommen.
Junge, Alte, Familien und Studenten warten an den Bussteigen, um ab acht Euro nach Hamburg, ab neun Euro nach Dresden oder ab 13 Euro nach Köln zu fahren. Jana, eine Musikerin aus Dresden, die früher vor allem über Mitfahrgelegenheiten reiste, sagt: „Im Bus habe ich wenigstens meinen Platz sicher. Und die Fahrt fällt nicht aus.“ Eine 75-jährige Rentnerin, die ihre Enkelin in Potsdam besuchte und nun wieder heimreist, ergänzt: „Ich bin vor Kurzem das erste Mal mit dem Fernbus gefahren, weil die Bahn gestreikt hat, und habe dabei gemerkt, wie günstig das ist. Jetzt fahre ich öfter.“
ZOB BerlinDie Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) haben den Fernbusverkehr in der Tat beflügelt: MeinFernbus hatte währenddessen von Berlin aus vier Mal mehr Fahrgäste als üblich befördert, der Postbus hatte 50 Prozent mehr Buchungen.
Ein Bus fährt in die Haltebucht ein. Sofort strömen Passagiere aus der Wartehalle. Zischend gleitet die Fahrzeugtür zur Seite. Der Busfahrer ist innerhalb von Sekunden von Menschen umringt, prüft zügig die Tickets. Zwischendurch sprintet sein Kollege mit einem riesigen schwarzen Müllsack aus der Bustoilette zur nächsten Tonne. Die Fahrt geht direkt nach der Ankunft zurück nach Köln. Ist das ohne Pause überhaupt legal? Immerhin müssen Busfahrer laut Gesetz nach 4,5 Stunden Fahrt eine Pause von 45 Minuten einlegen. Oder sich beim Fahren abwechseln.
Die Gewerkschaft ver.di verfolge die Entwicklung des Fernbusverkehrs mit Besorgnis, sagt Vorstandsmitglied Christine Behle: „Wir haben festgestellt, dass die enorme Wettbewerbssituation häufig leider auch zulasten der Sicherheit geht.!“ So seien bei einer Kontrolle der Polizei Hannover im März 2014 bei der Überprüfung von 17 innerdeutschen Buslinien 99 Verstöße festgestellt worden. Dem Fernsehsender Das Erste erzählten Busfahrer im August anonym von Verstößen gegen Lenk- und Ruhezeiten, Fahren ohne Fahrer-karte – eine Straftat – und harten Arbeitszeiten.
Eine Studie des Forschungsinstituts für Infrastruktur und Gesundheit (IGES) von 2014 besagt, dass sich Reisende komfortablere Busbahnhöfe und WLAN für unterwegs wünschen. Zwar bieten die meisten Busse eine Toilette, eine Steckdose zwischen den Sitzen, oft eine Snackbar sowie freies WLAN an. Doch erfahrene Fernbusreisende wissen: Bustoiletten riechen schnell. Und das WLAN funktioniert oft nicht oder bricht unter der Last der Mitsurfenden zusammen. Kürzlich ist das britische Fernbusunternehmen city2city ausgestiegen, Deinbus ist pleite, und das „ADAC“ vor dem Postbus gibt es auch nicht mehr. „
„Langfristig wird es weniger günstige Angebote geben. Aber der Normalpreis bleibt stabil und wird immer unter den Preisen für Auto, Bahn oder Flugzeug liegen“, meint Matthias Schröter, Sprecher beim Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen (bdo). Lars Wagner, Pressesprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, prognostiziert zudem: „Man darf nicht verkennen, dass die gesetzlichen Anforderungen, allen voran bei der Barrierefreiheit, auch den Fernbusmarkt schon sehr bald vor zusätzliche Investitionen stellen werden.“
Es bleibt viel zu tun.

Text: Sabrina Gaisbauer

Foto oben und mittig: David von Becker

Foto unten: Sabrina Gaisbauer 

Fernbusse im Aufwind
Drehkreuz Berlin
Laut der Plattform www.busliniensuche.de suchten rund 20 Prozent der Nutzer nach dem Abfahrts- oder Ankunftsort Berlin.
Interconnex im Aus
Der Bahn-Wettbewerber Interconnex musste angesichts billiger Fernbuspreise die Strecke Rostock–Berlin–Leipzig aufgeben.

Mehr über Cookies erfahren