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Katastrophe

Feuer in Los Angeles: Villa Aurora und Thomas-Mann-Haus in Gefahr

Am Dienstag brachen in Los Angeles verheerende Waldbrände aus. Davon bedroht sind auch zwei bedeutende deutsche Kulturinstitutionen: Das Thomas-Mann-Haus und die Villa Aurora. „Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“, schrieben Mitarbeitende auf Social Media. Unsere Autorin war vor zwei Jahren in der Villa Aurora und ist geschockt: Von einer Katastrophe, die sich ausgerechnet jetzt ereignet, wo diese Orte so dringend gebraucht werden.

Los Angeles in der Nacht zu Mittwoch, 8.1.: Die Feuer, die am Vortag ausgebrochen waren, haben in weiten Teilen von Pacific Palisades große Zerstörung hinterlassen. Foto: Imago/ZUMA Press Wire/Michael Ho Wai Lee

Kulturinstitutionen in L.A. drohen in Flammen aufzugehen

Mit Schock und Mitgefühl blicken Berliner:innen auf die Westküste der USA: Seit Dienstagabend verbreiteten sich mehrere Waldbrände rund um Los Angeles in Rekordgeschwindigkeit. Die größten Feuer wüten in den Hügeln von Pacific Palisades. Genau hier befinden sich mit der Villa Aurora und dem Thomas-Mann-Haus zwei wichtige deutsche Kulturstätten.

Die beiden Häuser eint ihre gemeinsame Geschichte des Exils während der NS-Zeit: Sie sind die ehemaligen Wohnhäuser des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, der mit seiner Familie von 1942 bis 1952 dort lebte, sowie des jüdischen Schriftstellers Lion Feuchtwanger, der gemeinsam mit seiner Frau Marta in der damals heruntergekommenen Villa Aurora ein neues Zuhause fand.

Die Villa Aurora wird bereits seit den Neunzigern als Künstler:innenresidenz genutzt; im Jahr 2016 kaufte die deutsche Bundesregierung das Thomas-Mann-Haus. Seitdem gehören beide Häuser zu einer gemeinsamen Organisation, die einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt für den transatlantischen Austausch bietet. Die Villa Aurora richtet etwa jährlich den Empfang zu Ehren der deutschen Oscar-Nominierten aus, mit Prominenz wie Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Schauspielerin Sandra Hüller unter den Gästen.

Das Thomas-Mann-Haus am San Remo Drive in Pacific Palisades wurde 1941/42 vom Architekten Julius Ralph Davidson entworfen. Bislang wurde es von den Feuern in Pacific Palisades verschont, befindet sich jedoch weiterhin in der Gefahrenzone. Foto: VATMH/Mike Kelley

Villa Aurora und Thomas-Mann-Haus: Mitarbeitende und Gäste wurden evakuiert

Die beiden Häuser liegen unmittelbar in der Gefahrenzone der aktuellen Feuer, vor allem die Villa könnte es mit großer Wahrscheinlichkeit schwer getroffen haben. Die Mitarbeiter:innen und Fellows brachten sich zum Glück rechtzeitig vor dem Feuer in Sicherheit; dies teilten die Verantwortlichen am späten Dienstagabend via Instagram mit. „Wir können unsere Gefühle derzeit nicht in Worte fassen“, heißt es in dem Post, und beim Anblick der Bilder in den Sozialen Medien geht es mir ähnlich.

Seit gestern früh scrolle ich durch meinen Instagram-Feed und sehe, wie die Häuser am Pacific Coast Highway, der entlang der Küste von Venice Beach nach Malibu führt, buchstäblich in Flammen aufgehen. Häuser, an denen ich während meines Praktikums in der Villa Aurora vor zwei Jahren jeden Tag vorbeigefahren bin. Architektonische Ikonen, bekannte und beliebte Restaurants, in denen ich die besten Fish Tacos außerhalb Mexikos gegessen habe. Riesige, rötliche Rauchschwaden ziehen über den Himmel an diesem Strand, an dem ich so viele Sonnenuntergänge beobachtet und die Chance verpasst habe, dort selbst endlich einmal surfen zu gehen.

Zahlreiche Gebäude entlang des Pacific Coast Highway in Malibu fielen dem Feuer zum Opfer. Foto: Imago/Sandy Hooper/Imagn Images

Das Thomas-Mann-Haus und die Villa Aurora in L.A. sind mehr als Gebäude

Vieles wird man sicherlich wieder aufbauen können, wie das nach Naturkatastrophen eben so gemacht wird. Aber was wird bloß aus der Villa Aurora – einem Ort, der so viel mehr ist als ein Gebäude? Nachdem die Feuchtwangers die Villa 1943 im desolaten Zustand für wenig Geld erstanden hatten, wurde sie von Marta Feuchtwanger liebevoll eingerichtet. Lion Feuchtwanger baute seine Bibliothek, die er auf der Flucht vor den Nazis erst in Deutschland, dann in Frankreich zurücklassen musste, hier ein drittes Mal wieder auf. 22.000 Bände aus dieser Sammlung befinden sich bis heute in der Villa, darunter viele einzigartige, wertvolle Bücher – wie viele von ihnen werden von den Flammen verschont bleiben?

Die Villa wurde damals zum Treffpunkt für Künstler:innen, Intellektuelle und deutsche Emigrant:innen. Die Feuchtwangers veranstalteten regelmäßig Lesungen, Konzerte und Empfänge; auf der Steinbank auf der Terrasse nahm Bertholt Brecht Platz, Charlie Chaplin zeigte im Salon seine Stummfilme. Nach dem frühen Tod ihres Mannes führte Marta Feuchtwanger diese Tradition weiter, bis das Haus nach ihrem Tod wiederum in die Hände eines gemeinnützigen Vereins überging. Seit 1995 kommen nun jedes Jahr Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen und Komponist:innen hierher, oft aus Berlin, um zu arbeiten, Inspiration zu schöpfen und die Spree für ein paar Monate gegen den Pazifik zu tauschen. 

Lion Feuchtwanger baute seine Bibliothek, die er auf der Flucht erst in Deutschland, dann in Frankreich zurücklassen musste, hier ein drittes Mal wieder auf. Wie viele der einzigartigen, wertvollen Bücher werden von den Flammen verschont bleiben?

Historische Aufnahme der Bibliothek von Lion Feuchtwanger in der Villa Aurora. Foto: Feuchtwanger Memorial Library, USC

Zwischen den Wänden dieses Hauses leben so viele Kunstwerke, historisches Mobiliar, sogar eine eingebaute alte Orgel. Ich denke an die Fotografie von Lion Feuchtwanger, die ihn bei Gymnastikübungen zeigt (seine Frau Marta hatte ihm regelmäßige Bewegung verordnet). Oder an den alten Schreibtisch von Franz Werfel im oberen Stock, an dem ich oft noch spätabends saß und geschrieben habe. Von diesem Platz hat man einen weiten Blick über die Küste, im Dunkeln konnte man das Riesenrad auf dem Santa Monica Pier in der Ferne glitzern sehen.

Feuer um Los Angeles gehören zur Mythologie der Stadt

Mehr als 1000 Gebäude wurden in den letzten 36 Stunden von den Feuern zerstört – und ein Ende ist bislang nicht in Sicht. Am Mittwochabend entsprang ein weiteres Feuer oberhalb der Hollywood Hills. Gegenden um den Sunset Boulevard oder den Mulholland Drive, weltbekannte Schauplätze der amerikanischen Filmgeschichte also, sind nun ebenfalls evakuiert worden. Meine Freund:innen vor Ort teilen Informationen zu Schutzräumen in ihren Instagram-Storys, für Menschen und für Tiere. Viele Wildtiere, die vor den Feuern fliehen, werden in den Gärten der Stadt Zuflucht suchen.

Die Gegend um Südkalifornien war schon immer von Waldbränden bedroht. Ich erinnere mich, wie wir damals gleich am ersten Tag in der Villa Aurora eine ausführliche Einweisung bekamen, was im Fall eines Feuers in der Nähe zu tun ist. Pacific Palisades liegt direkt unterhalb eines großen Naturschutzgebiets. Die Hügel hier waren noch völlig unerschlossen, als die Villa Aurora in den 1920ern als Modellhaus der Stadt erbaut wurde, um die Gegend attraktiv zu machen für Menschen, die Ruhe und Natur weit weg vom Trubel in Downtown L.A. suchten. Heute zählt Pacific Palisades zu den wohlhabendsten Gegenden der Stadt.

Sandra Hüller beim Empfang zu Ehren der deutschen Oscar-Nominierten 2017 in der Villa Aurora, Pacific Palisades. Auch 2024 war sie bei der Gala zu Gast, als sie für „Anatomie eines Falls“ als beste Hauptdarstellerin nominiert war. Foto: Imago/D. Bedrosian/Future Image

Brände im Januar: Die Folgen der Klimakrise werden spürbar

Die Nähe zur zerstörerischen Naturgewalt gehört zur Mythologie dieser Stadt wie das Hollywood Sign, wie die endlosen Highways, wie der Widerspruch zwischen der Plastikwelt der Reichen und Schönen und der Obdachlosigkeit auf Skid Row. In Los Angeles lebt man mit dieser Realität. Die Menschen sind es gewöhnt, dass es in ihren Vierteln manchmal nach Rauch riecht, dass im Spätsommer und Herbst regelmäßig „wildfire season“ ist.

Doch seit einigen Jahren gibt es keine „wildfire season“ mehr: Mit Waldbränden ist im Grunde das ganze Jahr über zu rechnen, extreme Trockenheit und Wasserknappheit verstärken die Brände und erschweren ihre Bekämpfung. Dieser Januar ist einer der trockensten seit Langem in der Region. Dazu kommt, dass die beiden vergangenen Winter durch starke Unwetter außergewöhnlich feucht waren: Dadurch ist viel Grün gewachsen, sodass es nun umso mehr Brennstoff gibt. Die Feuer gelten schon jetzt als die zerstörerischsten in der Geschichte von Los Angeles.

Anwohner:innen beobachten die Brände in Pacific Palisades und Malibu. Mehr als 130.000 Menschen mussten mittlerweile ihre Häuser verlassen, teilweise flohen sie zu Fuß vor den Flammen. Foto: Imago/ZUMA Press Wire/Amy Katz

Ein düsteres Omen für die USA und Deutschland

Zwischen Schock und Verzweiflung wird nun also auch Wut laut: Werden diese heftigen Brände endlich für mehr Bewusstsein über die Zerstörung sorgen, die die Klimakrise schon jetzt anrichtet? Zwei Wochen, bevor Donald Trump seine zweite Amtszeit als US-Präsident antritt, wirken die Bilder von L.A. in Flammen wie ein böses Omen: eine Katastrophe, die nicht überraschend kommt und uns trotzdem überrollt.  

Dass nun ausgerechnet Orte wie die Villa Aurora und das Thomas-Mann-Haus drohen, in Flammen aufzugehen, darin steckt eine bittere Symbolik – in derselben Woche, in der Mark Zuckerberg im Silicon Valley ankündigt, fact-checking auf Meta-Plattformen abzuschaffen, Donald Trumps Wahlsieg in Washington, D.C. offiziell bestätigt wird, und Friedrich Merz davon spricht, Menschen in Deutschland die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Lion Feuchtwanger wurde 1933 durch das NS-Regime ausgebürgert. Wie dringend doch diese Räume gerade jetzt gebraucht werden: Institutionen, die sowohl in ihrer historischen als auch in ihrer aktuellen Verantwortung für Zusammenhalt und Austausch stehen, in denen für den Erhalt der Demokratie gekämpft wird. 

Update 23.1.25: Thomas-Mann-Haus und Villa Aurora wurden vom Feuer verschont

Inzwischen gibt es Anlass für ein wenig Erleichterung: Nach jetzigem Stand ist das Thomas-Mann-Haus unversehrt. Die Villa Aurora hat durch die Brände der vergangenen Wochen keinen sichtbaren Schaden genommen, auch wenn das Feuer hier bis in den Garten vorgedrungen ist. Eine detaillierte Schadensbewertung mit Blick auf die Inneneinrichtung und die Folgen der Rauchentwicklung mithilfe eines toxikologischen Gutachtens, sowie eine Untersuchung der Stabilität des Hanges, auf dem das Gebäude liegt, stehen jedoch noch aus, denn das Gelände ist weiterhin nicht begehbar. „Die langfristigen Auswirkungen der Brände auf die Infrastruktur, wie etwa die Wasser- und Stromversorgung, sind noch nicht absehbar“, schreiben die Verantwortlichen im jüngsten Update auf der Website. Darin heißt es weiter: „Unzählige Menschen, darunter Freund:innen, Nachbar:innen und Partner von uns und unserem Team haben alles verloren. Das schmerzhafte Ausmaß dieser Ereignisse zu verstehen, wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Unsere Gedanken und unser tiefes Mitgefühl gelten den Betroffenen aller Communities in und um Los Angeles.“


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