Vaterlos in Ungarn: „Andor Hirsch“ von Regie-Star László Nemes

Ungarn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Witwe Klára holt ihren Jungen aus einem Waisenhaus ab, wo er anscheinend die vergangenen Jahre verbracht hat. Bevor sie ihn in ein Auto steigen lässt, streift sie ihm mit einer diskreten Bewegung die Kippa vom Kopf und steckt sie in ihre Manteltasche. Die Bewegung könnte man leicht übersehen, sie ist aber entscheidend für den Film „Andor Hirsch“ von László Nemes. Denn in der Folge wird immer unklarer, ob der Bub tatsächlich einen jüdischen Vater hat, wie er fest glaubt – schließlich hat man ihm immer erzählt, dass er Andor Hirsch heißt. Alles deutet darauf hin, dass er ein „Waise“ ist, weil Ungarn in den letzten Monaten des Kriegs noch viele jüdische Menschen in den Tod geschickt hat.
„Andor Hirsch“-Regisseur László Nemes ist seit „Son of Saul“ 2015 der internationale Star des ungarischen Kinos
„Waise“ („Árva“) ist auch der Originaltitel des Films, der nun in Deutschland mit dem Namen seiner kindlichen Hauptfigur in die Kinos kommt. Der Regisseur László Nemes ist seit „Son of Saul“ (2015) der internationale Star des ungarischen Kinos. Mit der virtuosen, aber auch ambivalenten Innenansicht des Vernichtungslagers Auschwitz aus der Sicht einiger Aufständischer sorgte er für Furore, aber auch für Diskussionen. 2018 ließ er mit „Sunset“ einen weiteren Geschichtsfilm mit meisterlicher Erzählgeste folgen: „Sunset“ ließ das alte Budapest vor 1914 lebendig werden. Mit „Andor Hirsch“ fügt er ein weiteres historische Kapitel hinzu: dieses Mal steht das Jahr 1957 im Mittelpunkt, ein Jahr nach dem Aufstand gegen die Herrschaft der Kommunisten, der von der Sowjetunion niedergeschlagen wurde.
Andor Hirsch ist der kindliche Zeuge, der sich durch eine Stadt bewegt, die aus Ruinen zu bestehen scheint. Als in der Gestalt des Metzgers Berend (gespielt vom dem französische Star Grégory Gadebois) ein Mann auftaucht, bei dem sich Andors Mutter Klára während des Krieges verstecken konnte, wird die Frage der Identität des Sohnes immer unklarer – zumal er nach äußerlichem Anschein eher dem Klischee eines „reinen“ Ungarn entspricht als dem eines Juden. Wie schon die Filme von Nemes davor ist auch „Andor Hirsch“ eine formale Gratwanderung. Nemes arbeitet mit einer Mischung aus Studiokino und traumähnlichen Bildern, und überhöht damit die Wahrnehmung des verunsicherten Andor.