Andreas Pichler: Ein Berliner Original

Für machen Menschen ist das eine erträumte Zukunft des Verkehrs: mit dem Auto fahren, ohne dabei auf die Straße zu schauen. In Amerika und anderswo wird längst an Modellen gearbeitet, in denen man nicht mehr lenken und reagieren muss, sondern in denen Sensoren alles mitkriegen, was rundherum los ist, und dementsprechend bewegt dann der Computer das Lenkrad. Man selbst kann derweil telefonieren, scrollen, oder sich überlegen, ob man im Stau auf der Autobahn zwischen Berlin und München weniger Verspätung einfährt als mit der Bahn. Ganz serienreif ist der Autopilot aber noch nicht, das ist allgemein bekannt und geht auch aus dem Dokumentarfilm „Elon Musk Uncovered – Das Tesla Experiment“ von Andreas Pichler hervor. Da kommen nämlich Leute zu Wort, die dem Tech-Mogul sehr kritisch gegenüberstehen. Weil sie nämlich früher für ihn gearbeitet haben, in leitender Funktion. Und weil sie finden, dass Musk auf seinem Weg in die Zukunft ab und zu ein paar Schritte überspringt. Zum Beispiel beim automatisierten Fahren.
Das Weltbild hinter dem Tesla-Mogul: „Elon Musk Uncovered“
Wie aber kommt es, dass eine Produktionsfirma aus Berlin mit einem Regisseur aus Südtirol einen Film über den reichsten Mann der Welt macht? Andreas Pichler erzählt, dass es dazu eine Geschichte gibt, die bis in die ganz frühen neunziger Jahre zurückreicht. Damals kam er aus Bologna, wo er an der Uni beim starren italienischen Studiensystem nicht glücklich wurde, nach Berlin, und teilte bald mit Christian Beetz ein Büro. Der leitet heute mit seinem Bruder Reinhardt die Firma Beetz Brothers, die nun eben „Elon Musk Uncovered – Das Tesla Experiment“ auf die Beine gestellt hat. „Vor fünf Jahren hatten wir schon einmal ein Projekt über einen amerikanischen Tech-Giganten“, erzählt Andreas Pichler, aber der Film über Google kam nicht zustande. Nun kommt der Film über Musk zu einem Zeitpunkt ins Kino, da der Unternehmer durch seine Allianz und später das Zerwürfnis mit Donald Trump auch als politischer Akteur in aller Munde ist. „Ursprünglich ging es in unserem Film um den Autobauer Elon Musk, um die Firma Tesla. Doch unweigerlich wurde das Projekt immer politischer.“

Pichler interessiert an Musk nicht nur der Mensch Elon Musk, den man in seinem Film zum Beispiel anhand markanter Auftritte kennenlernen kann. „Mir ging es auch darum, was für ein Weltbild dahinter steht. Musk ist ja Transhumanist, sehr geprägt von Science Fiction. Er hat eine Technikvision, die den Menschen so ein bisschen obsolet machen soll.“
Andreas Pichler macht die Welt von Berlin aus übersichtlich
Was seinen Beruf angeht, ist Pichler immer noch Berliner: „Ich bin oft hier, der Großteil meines Arbeitsumfeldes ist in der Stadt.“ Persönlich aber ist er mit seiner Familie im Jahr 2006 zurück nach Südtirol gezogen. Damit ging für ihn ein Lebensabschnitt zu Ende, der auch mit einer Generationenerfahrung einher ging. Denn er war dabei, als das Berlin der neunziger Jahre „eine Explosion an Ideen und Möglichkeiten“ ergab – „da war man einfach mittendrinnen“. Den Rückzug aus familiären Gründen trat er zu einem Zeitpunkt an, als die Stadt sich (vor allem jetzt im Rückblick) „fast noch ein wenig idyllisch anmutete, vor der großen Durchkapitalisierung“. Diese begann ausgerechnet nach der Finanzkrise von 2008. Pichler macht Filme über unterschiedlichste Themen, mit „Die Lithium Revolution“ (2012) war er seiner Zeit, und auf jeden Fall der deutschen Politik, voraus. „Gefährlich nah – Wenn Bären töten“, auch mit Beetz Brothers, kam aus seiner ländlichen Lebenswelt. Nach Berlin fährt Pichler am liebsten mit dem Zug und nützt die Fahrt zu „einem guten Arbeitstag“. Es gibt aber auch, wer hätte das gedacht, ein paar Mal die Woche einen Direktflug von und nach Bozen. Das ist aber nur ein kleiner Sprung im Vergleich dazu, dass ein Mann, der sich vor dreißig Jahren in Friedrichshain im Milieu von Hausbesetzern bewegte, nun einen Film über Elon Musk gemacht hat. Die Welt ist groß, kann aber von Berlin aus auch übersichtlicher gemacht werden.