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Mr & Mrs Arsenal

Erika und Ulrich Gregor prägen seit fast 70 Jahre die Filmstadt Berlin mit: Gründung des Kinos Arsenal, Gründung des Forums der Berlinale. Filmbesessen. Nun eröffnet das Arsenal im Wedding neu. Wer könnte das besser einordnen als „die Gregors“
Text: Bert Rebhandl
Veröffentlicht am: 24.04.2026
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Ein Traumpaar: Ulrich und Erika Gregor kamen in den 1950er Jahren in die Stadt und sind seither miteinander und mit dem Kino verheiratet © Jana Vollmer

Ein Haus in einer ruhigen Gegend hinter der S-Bahn-Station Messe Süd im Westen von Berlin. Die Räume sind bis zur Decke voll mit Büchern, Papieren, DVDs und Zeug. Seit 1969 wohnen Erika und Ulrich Gregor hier. Sie sind das First Couple des Kinos in Berlin. Beide waren maßgeblich beteiligt an der Gründung der Freunde der Deutschen Kinemathek, eines Vereins, der 1970 das Kino Arsenal eröffnete und seit damals auch für die Sektion Forum in der Berlinale verantwortlich ist. Die Filmstadt Berlin sähe ohne die Gregors vollkommen anders aus – nicht auszudenken. Anfang Mai eröffnet das Arsenal seinen neuen dritten Standort im Wedding. Zugleich leert sich ganz langsam das Haus am Eichkatzweg. Das Archiv der Gregors geht sukzessive in die Bestände des Arsenal Filminstituts über. Höchste Zeit also für einen Besuch, solange Erika und Ulrich Gregor noch inmitten ihrer Lebenssammlung anzutreffen sind.

Wie lange sind Sie nun schon in Berlin?

Ulrich Gregor Gute Frage. Ich bin seit 1956 hier. Ich war vorher in Paris, als Student. Zur Schule bin ich in Hamburg gegangen. Berlin war mir als neuer Aufenthaltsort sympathisch, da herrschte, als ich hier ankam, noch nicht das Wirtschaftswunder, und es gab zwei Berlins nebeneinander, zwei Regimes und zwei Lebensformen. Ich hatte von meiner Pariser Zeit her Bekanntschaften im Osten.

Erika Gregor Ich bin gewandert, denn ich wollte immer Fremdes kennenlernen. Nach dem Abitur erhielt ich nach zwei Semestern in Göttingen ein Austauschsemester nach London. Anschließend ging ich nach München. Dort war es sehr schön, aber es gab zu wenig Realität. In Berlin lebte ein Großonkel, und so beschloss ich, hierhin zu gehen.

Es war das Berlin vor der Mauer.

Ulrich Gregor Meine Freunde aus Ost-Berlin besuchten auch Veranstaltungen an der FU, wir selbst organisierten ja schon den dortigen Filmclub. Es war damals in den 50er Jahren ohne Weiteres möglich, zwischen West- und Ostberlin hin und her zu fahren.

Erika Gregor Ich wohnte nahe der S-Bahn-Station Sundgauer Straße. Der Filmclub an der FU war immer am Mittwoch. Ich wollte den Ofen nicht anheizen, also ging ich weg. Ein großer dünner Mann hielt eine Einführung. Der Film gefiel mir überhaupt nicht. Es handelte sich um „Menschen am Sonntag“ von 1929, noch als Stummfilm gedreht. Alle waren der Ansicht, es wäre ein wunderbarer Film. Damals hat ein Mädchen selten die Hand gehoben. Ich fand den Film frauenfeindlich. Der Mann, der die Diskussion geleitet hatte, kam mir nach, und versuchte, mich aufzuhalten: Bitte kommen Sie doch wieder, die Diskussion war lange nicht mehr so lebendig!

Sie sind wiedergekommen. Woher kam denn die Liebe zum Kino, so bald nach dem Zweiten Weltkrieg?

Ulrich Gregor Meine Liebe zum Film entstand schon während der Schulzeit in Hamburg. Ich hatte eine Tante, die lebte in Baden-Baden und war sehr filminteressiert. Sie signalisierte mir, welche wichtigen neuen Filme ich sehen sollte. Außerdem schickte sie mir die Zeitschrift „Filmforum“, herausgegeben vom Verband der deutschen Filmclubs. In dieser Zeitschrift fanden sich auch Artikel, aus dem Französischen übersetzt, Filmkritiken und auch theoretische Abhandlungen. Ich dachte, ich muss die Autoren dieser Texte kennenlernen. So habe ich mir von Georges Sadoul die „Geschichte des Films“ besorgt. In Hamburg gab es nicht so viele Gelegenheiten, interessante ausländische Filme zu sehen; in Deutschland war es schwierig, ein Filmstudium zu betreiben. Also ging ich nach Paris. Am ersten Tag besuchte ich sofort die Cinémathèque Française, die hatte damals einen kleinen Vorführraum in der Avenue de Courcelles. Im Foyer hing eine große, aus Papier ausgeschnittene Silhouette der Schauspielerin Musidora. Und an diesem Abend lief „Der Mantel“, ein sowjetischer Stummfilm von Kosinzew und Trauberg, die zur Gruppe des Exzentrischen Schauspielers (FEKS) gehörten. Später habe ich Lotte Eisner, die zusammen mit Henri Langlois die Cinémathèque Française betrieb, meine Situation als Student, der zum Filmesehen nach Paris gekommen war, erklärt und bekam von ihr einen Ausweis, woraufhin ich pro Film nur einen Centime bezahlen musste. Von da an habe ich jeden Tag in Paris bei der Cinémathèque mehrere Filme gesehen.

Erika Gregor Wir waren englische Zone, wo ich herkomme, aus Sulingen bei Bremen. Meine Liebe galt dem Theater. Eine Großmutter lebte in Göttingen, da gab es das Deutsche Theater von Heinz Hilpert. Da habe ich Shakespeare zum ersten Mal gesehen und praktisch alles Geld in dieses Theater getragen. Für London habe ich mich beworben, um ins Theater zu gehen. Ein junges Mädchen wird nie kontrolliert, wenn es zielstrebig durch den Bühneneingang geht. So habe ich Laurence Olivier bei den Proben gesehen. Erst in Berlin kam das Kino hinzu. Das kam durch den Filmclub an der FU.

Ulrich Gregor „Menschen am Sonntag“ ist ein schöner, lebendiger, wichtiger Film mit satirischen Elementen, die sind eigentlich wunderbar. Und der Film ist ein Zeitzeugnis. Bis heute frage ich mich, von wo aus die erste Einstellung am Bahnhof Zoo eigentlich gedreht worden ist? Die Kamera steht hoch oben und schaut nach unten, auf die Straßenkreuzung mit Menschengewimmel und Straßenbahn.

Erika Gregor Eine Woche nach „Menschen am Sonntag“ gab es „Toni“ von Jean Renoir, und wir sprachen auch über andere Filme. Da kam die Rede auf einen sehr berüchtigten Film, „Jud Süß“, den antisemitischen NS-Propagandafilm von Veit Harlan. Im Institut für Publizistik der FU gab es eine Kopie des Film, die konnte man am Schneidetisch sehen. Nach Sichtung des Films, Rolle für Rolle mit langen Diskussionspausen, waren wir geschockt und angeekelt.

Der Nationalsozialismus lag knapp ein Jahrzehnt zurück, als Sie in Berlin zusammenkamen. Was wusste man denn damals von dieser Zeit, die Sie als Kinder erlebt haben?

Erika Gregor Man wusste vieles. Ich war acht Jahre, und wusste, dass es KZs gibt. Die Juden waren plötzlich weg in unserer kleinen Stadt. Es war klar, dass sie nicht wiederkommen würden. Das Finanzamt versteigerte ihre Hinterlassenschaften. Mein Onkel schickte noch in der NS-Zeit einen Brief aus Berlin und erwähnte, dass die Juden weggebracht wurden, und man sage, dass sie alle umgebracht werden würden. Wir sind Protestanten gewesen, und dachten heimlich, so schrieb mein Onkel: Gott lässt sich nicht spotten. Nur mein Vater wollte es nicht wahr haben. Er war sich sicher: Deutsche tun so etwas nicht. Er wurde schließlich zum Volkssturm eingezogen und kam als Kriegsgefangener nach Frankreich in ein Lager in der Nähe von Perpignan nach Rivesaltes. Da ist er dann gestorben, im Dezember 1945. Ich denke fast jeden Tag an ihn und wünschte, dass ich noch einmal mit im hätte sprechen können. Über dieses Lager gibt es einen Film der Schweizer Dokumentaristin Jacqueline ­Veuve, es war während der deutschen Besetzung Sammellager für die Juden der Region auf ihrem Weg nach Auschwitz. Wir hatten in meiner Heimatstadt Sulingen auch sowjetische Kriegsgefangene. Sie können sich nicht vorstellen, wie elend die waren. Diese Gestalten sehe ich noch heute vor mir. Im Konfirmationsunterricht hieß es 1947 dann auch noch: die Juden seien selber schuld, denn sie haben unseren Herrn Jesus Christus umgebracht. An all das erinnerte ich mich, als ich später Hannah Arendt bei Günter Gaus im Fernsehen sah.

Im Filmclub der FU sind wir uns nähergekommen

Ulrich Gregor
Wie lange dauerte es, bis aus der FU-Bekanntschaft Liebe wurde?

Ulrich Gregor Lange hat es nicht gedauert, aber es gab noch ein gewisses Intervall. Beim Filmclub gab es immer Sachen zum Vorbereiten, zur Programmplanung, zur Herstellung von Informationen. Auf diesem Wege sind wir uns nähergekommen.

Erika Gregor Ulrich war der Klügste von allen. Ich kannte mich in englischer und ein wenig in amerikanischer Literatur aus. Wir konnten uns immer was erzählen. In den Semesterferien 1960 habe ich vier Wochen in einer Fabrik, einem Kabelwerk gearbeitet. Du fuhrst nach Cannes. Dann kam ein Anruf von unserem Freund aus Ost-Berlin, der inzwischen schon in Westberlin war. Ulrich sollte auf keinen Fall auf dem Weg nach Berlin durch die DDR fahren. Da habe ich Angst gehabt um ihn, er war ja mit der Vespa unterwegs, da hätte man ihn abfangen können. Er ist schließlich nach Hamburg gefahren und von dort nach Berlin geflogen. Da habe ich verstanden, wie wichtig er mir ist.

Ulrich Gregor Unsere Freunde, eine kleine Gruppe, hatten sich ein Manifest zur Reformierung der DDR ausgedacht, und das an einige Persönlichkeiten geschickt. Das galt als Konspiration und wurde hart bestraft. Ich war eine Zeit lang in diesem Kreis gewesen. Gibt es nicht einen Film, in dem ein Echo von diesen Ereignissen vorkommt?

Erika Gregor „Das Kaninchen bin ich“ (1964/65) von Kurt Maetzig – da ist ein Echo drin, das junge Mädchen, das den Bruder im Gefängnis besucht. Einer der sogenannten Verbotsfilme der DEFA, der erst nach der Wende gezeigt werden konnte.

Ulrich Gregor Wir wurden in Leipzig einmal von einem hohen Funktionär angesprochen: Eigentlich gehörten wir mit unseren Einstellungen doch in die DDR. Ob wir denn schon einmal darüber nachgedacht hätten, den „großen Sprung“ zu machen? Ich habe geantwortet: wir suchen uns gern mit eigener Wahl die Zeitung aus, die wir morgens zum Frühstück lesen. Da blieb unserem Gegenüber nur eine ideologische Floskel: Ja, das wäre ein bürgerliches Privileg, darauf müssten wir eben verzichten!

In Frankreich waren nach dem Krieg die Filmclubs ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Aufbruchs. Sie haben 1963 die Freunde der deutschen Kinemathek gegründet.

Ulrich Gregor Die Freunde der Deutschen Kinemathek haben sich aus der Filmclub-Bewegung heraus entwickelt. Der Filmjournalist Gero Gandert, den ich von der FU her kannte, hatte die Idee, einen Verein zu gründen. 1963 war für Film in Berlin ein wichtiges Jahr. Da wurde die Deutsche Kinemathek gegründet auf Basis der Filmsammlung von Gerhard Lamprecht. Endlich gab es in Deutschland ein Filmarchiv. Wir suchten Herrn Lamprecht auf, um mit ihm zu besprechen, was man mit seiner Filmsammlung anfangen, wie man sie der Öffentlichkeit bekanntmachen könnte. Lamprecht aber entgegnete uns, um mit den Filmen eine Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, wie wir es vorhatten, dazu sei er zu alt, wir sollten doch als jüngere Generation diese Arbeit selbst betreiben. So gründete sich unser Verein mit sieben Leuten. Wir konnten sogar die Kritiker Friedrich Luft und Karena Niehoff und den Regisseur Helmut Käutner als Mitglieder gewinnen. Das war 1963 eine Zäsur, auch in unserem Leben. Danach hatten wir jahrelang Veranstaltungen in der Akademie der Künste, teilweise waren das Ereignisse, die Wellen schlugen. Wir zeigten einen Nazi-Durchhaltefilm „Kolberg“ mit kritischer Einführung, um zu demonstrieren, wie die Nazis mit Film gearbeitet hatten.

Erika Gregor Ganz West-Berlin war damals unter Schock wegen der Mauer. Ulrich wollte „Der geteilte Himmel“ zeigen, den DDR-Film aus dem Jahr 1964, und da bin ich zu Konrad Wolf nach Ost-Berlin gefahren. um ihn zu fragen: Würden Sie kommen? Er sagte: Wenn Sie sich trauen, diesen Film in Westberlin zu zeigen, dann komme ich.

Ulrich Gregor Später haben wir „Der gewöhnliche Faschismus“ gezeigt, von Michail Romm, einem sowjetischen Regisseur. Den haben wir auch eingeladen, und er kam, weil Konrad Wolf für uns einstand. So hat es sich herumgesprochen: Wir sind „Towarischtschi“, also Genossen. Alles, was wir schon gemacht hatten, hat weitere Türen geöffnet.

Wir wundern uns, dass wir immer noch dabei sind

Erika Gregor
1970 haben Sie schließlich das Arsenal eröffnet. Die Freunde der Deutschen Kinemathek hatten damit ein eigenes Kino.

Ulrich Gregor Die Akademie der Künste, unser Hauptspielort in den sechziger Jahren, war ein schöner Ort, aber sie war nicht immer frei und kostete eine hohe Miete. Wir hatten Schwierigkeiten, in der Akademie Termine zu finden, zudem hatten wir mehr und mehr Ideen, deshalb sind wir sogar noch in andere Kinos ausgewichen. Irgendwann haben wir angefangen, uns in Berlin umzusehen. Das Kino in der Welser Straße war kurz davor, zu schließen, und schien passend für unsere Bedürfnisse.

Hatten Sie denn Unterstützung durch die Berliner Politik?

Ulrich Gregor 1970 brach die Berlinale zusammen, nach dem Skandal mit dem deutschen Vietnamfilm „O.K.“ von Michael Verhoeven. Und da brauchte man uns. Damals wurde das internationale Forum des Jungen Films, das wir mit den Freunden der Deutschen Kinemathek gegründet hatten, offiziell ein Teil der Berlinale. Danach konnten wir Vieles durchsetzen. Nach 1970 wurden wir nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt, und was wir im Arsenal machten, wurde in Kauf genommen.

Haben Sie eine Ahnung, wie viele Filme Sie in Ihrem Leben gesehen haben könnten?

Ulrich Gregor Die Frage wurde uns schon diverse Male gestellt. Ich müsste mich der Antwort mathematisch annähern, indem ich einen Durchschnittswert für ein Jahr errechne. Es gab Zeiten, da fuhren wir von einem Festival zum anderen und sahen fünf Filme am Tag. Bei sagen wir 1000 Filmen im Jahr über 70 Jahre kämen wir auf 70.000 Filme. Zuletzt wurde das Pensum aber schon kleiner.

Inzwischen haben die Freunde der Deutschen Kinemathek mehrfach den Namen gewechselt. Heute heißt der Verein Arsenal Filminstitut e.V. Und nach dreißig Jahren Kino in der Welser Straße und mehr als fünfundzwanzig Jahren am Potsdamer Platz geht es nun in den Wedding. Was erwarten Sie sich vom neuen Arsenal?

Ulrich Gregor Wir hoffen, dass es ein guter Ort wird. Man muss sich umstellen. Der Saal im Silent Green hatte ja früher einen kirchlichen Charakter. Aber der Innenraum ist jetzt auf großartige Weise neu gestaltet worden.

Erika Gregor Das wird ein lebendiger Ort werden. Man braucht Treffpunkte, an denen man diskutieren kann. Mir geht es um menschliche Orte. Für uns bricht jetzt mit dem Umzug vom Potsdamer Platz in den Wedding zum Silent Green noch einmal eine neue Epoche an, es ist schon der dritte Umzug. Wir wundern uns, dass wir immer noch dabei sind!.

Neueröffnung des Kinos Arsenal am 3. Mai ab 18 Uhr im Silent Green Kulturquartier im Wedding. Eröffnungsprogramm vom 4. bis 7. Mai, danach regulärer Betrieb, Website


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