„Backrooms“ ist eine gruselige Reise ins Unterbewusstsein

Als Liminal Space bezeichnen Psychologen Zwischenräume, Orte des Übergangs, die für gewöhnlich gut besucht sind, aber gerade dann, wenn sie leer sind, eine seltsame, unwirkliche, auch bedrohliche Atmosphäre annehmen: Verlassene Parkplätze, leere Flughäfen und Provinzbahnhöfe oder Hinterzimmer, Backrooms. Eine labyrinthartige Aneinanderreihung solcher Orte ist der Schauplatz von „Backrooms“, dem erstaunlichen Regiedebüt des 21-jährigen Kane Parsons, der vorläufige Höhepunkt eines Memes, das vor sieben Jahren auf dem Messageboard 4chan begann, bei Youtube zu einem Phänomen wurde, und nun zumindest in den amerikanischen Kinos Rekorde bricht.
„Backrooms“ ist die Weiterentwicklung eines Youtube-Phänomens
2019 veröffentlichte jemand bei 4chan das Foto eines Backrooms, das einen leeren Ort zeigte, flackernde Leuchtstoffröhren beleuchteten den verblichenen Teppich und die hässlichen Tapeten, ein kurzer Text evozierte die endlosen Gänge und Räume, in denen man sich verlaufen konnte, so wie in den endlosen Schleifen seines Unterbewusstseins.
Ein paar Jahre später postete der damals 16-jährige Kane Parsons ein erstes Backrooms-Video bei Youtube, mit einer gewöhnlichen Videokamera gedreht, mit frei verfügbarer Software wie Adobe After Effects und Blender im Computer bearbeitet, das inzwischen über 80 Millionen mal geklickt wurde. Auf seinem Youtube-Kanal Kane Pixels erschienen weitere zwei Dutzend kurze Clips, die die Mythologie der Backrooms-Welt erweiterten und so erfolgreich waren, vor allem aber so gut, dass das Hollywood-Indie-Studio A24 auf Parsons aufmerksam wurde.
Das Drehbuch zur Kinoversion von „Backrooms“ stammt zwar vom erfahrenen Autor Will Soodik, aber der bei den Dreharbeiten gerade einmal 19 Jahre alte Parsons bekam ein Budget von zehn Millionen Dollar zur Verfügung und weitreichende kreative Freiheit. Ein Risiko, das sich für die Produzenten gelohnt hat, denn allein am ersten Wochenende spielte „Backrooms“ in den Kinos Nordamerikas über 80 Millionen Dollar ein, und ist inzwischen mit einem weltweiten Einspielergebnis von fast 300 Millionen Dollar einer der profitabelsten Filme seit langer Zeit.
Und das eindrucksvollste: „Backrooms“ ist auch gut. Vielleicht nicht ganz so gut, wie der enorme Hype verspricht, aber unbedingt ein Film, der ein erstaunliches Maß an Souveränität aufweist, der andeutet, was für ein reifer Filmemacher Parsons schon ist.
Wie bei so vielen guten psychologischen Thrillern ist auch der Plot von „Backrooms“ schnell erzählt: Clark (Chiwetel Ejiofor) betreibt ein Möbelgeschäft, das ebenso vor der Pleite steht wie seine Ehe, wegen dessen Ende er bei der Psychologin Mary (Renate Reinsve) in Behandlung ist. Eines Nachts findet Clark im Untergeschoss seines Geschäfts einen Übergang: Eine Wand erweist sich als Pforte zu einer anderen Dimension, in der er und bald auch Mary sich zunehmend verirren, und die man getrost als Visualisierung des Unterbewusstseins verstehen darf. Was dort passiert, sollte man sehen beziehungsweise erleben, ohne mehr darüber zu wissen. Denn „Backrooms“ ist einer der wenigen Filme, die nicht über eine klare Handlung funktionieren, die stringent auf ein kathartisches Ende zuläuft, sondern ein Film, der auf psychische Muster zielt. Und das mehr als effektiv, denn wie gesagt: Kane Parsons versteht es auf der Klaviatur der filmischen Möglichkeiten zu spielen, Stimmungen zu evozieren, mit einfachen Mitteln große Wirkung zu erzielen. Ob er das auch außerhalb der Backrooms-Welt kann, das wird sich zeigen – für den Moment ist ihm ein bemerkenswertes Debüt gelungen.




