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Neue „Bravo“-Doku: Schlecht gealtert?

Von Aufklärung, über Klatsch, zu Schwärmen: Die „Bravo“ war 70 Jahre lang die Bibel der deutschen Jugend. Heute verblasst sie in romantisierten Erinnerungen. Dabei war sie vor allem eines: kontrovers
Text: Luca Heinze
Veröffentlicht am: 01.06.2026
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Blümchen und Senna von Monrose sind zwei von vielen alten Bekannten in der Dokureihe „Bravo: Headlines, Hypes & Herzschmerz“. © ARD Kultur/Benjamin Kahlmeyer/Hendrik Jüngst/Colourbox

Es ist Ende der 90er: Strasssteine schmücken Jeans, Britney Spears, Avril Lavigne und Christina Aguilera machen Low-waist-Hosen, bauchfreie Tops und Schiebermützen cool, Boybands wie N-Sync und Backstreet Boys stürmen die Charts. Popkulturell ist viel los, auch in Deutschland. Und diese Popkultur findet vor allem an einem Ort statt: In der „Bravo“. Mit bis zu 1,8 Millionen wöchentlichen Auflagen Anfang der 90er gehörte sie als Jugend-Bibel zu den erfolgreichsten Magazinen Deutschlands. Gerade zur Wende kamen Unmengen interessierter Jugendlicher aus der DDR als Leser hinzu. Was denkt Blümchen über ihr erstes Mal? Wie ist die Kelly Family so ganz privat? Die „Bravo“ sprach das an, was die Jugend wirklich interessierte.

Neue Doku „Bravo: Headlines, Hypes & Herzschmerz“

Dieses Jahr wird die „Bravo“ 70 Jahre alt. Denn ja: Es gibt sie tatsächlich noch. Zwar nur noch monatlich und hauptsächlich online, aber auch 2026 erscheint sie im Print. Zum Jubiläum hat die ARD die dreiteilige Doku-Serie „Bravo: Headlines, Hypes & Herzschmerz“ produziert, die sich mit den erfolgreichsten Jahren zwischen 1991 und 2015 beschäftigt. Dafür werden die 90er, die 2000er und die 10er Jahre je mit einer Folge dokumentiert. Stellvertretend für die Leser:innen begleiten die Comedians Gazelle Vollhase und Aurel Mertz sowie Podcasterin Ariana Baborie die „Bravo“-Epochen. Die drei leben heute alle in Berlin und sind mit dem Heft aufgewachsen.

Außerdem erzählen Stars von ihren Erfahrungen mit der „Bravo“. So auch Jasmin Wagner alias Blümchen, wie die Zeitschrift sie in den 90ern berühmt machte. Aber auch die Schattenseiten der „bravorösen“ Berichterstattung finden Einzug: Eloy de Jong, Sänger der Band „Caught in the Act“ teilt, wie die „Bravo“-Liebesgeschichten mit ihm inszenierte und seine Homosexualität geheimhielt, um ihn weiter als Mädchenschwarm vermarkten zu können. Nur um das spätere „Outing“ mit entblößenden Geschichten und Zitaten auszuschlachten.

Von Outings und „Dr. Sommer“

Eines der erfolgreichsten Formate der „Bravo“ waren die „Dr. Sommer“-Seiten. Hier erfuhren Jugendliche seit Ende der 60er alles über Liebe, Sex und Anatomie. Dafür druckte man echte Fragen der Jugendlichen und beantwortete sie. Darunter waren skurrile Einsendungen, zum Beispiel vom 16-jährigen Karlson: „Ich verwende ein Kondom mehrmals – wasche es aus – und trockne es auf der Heizung. Wie oft kann ich das machen?“ Bevor es das Internet gab, hatten Jugendliche viele Fragen, die sie nicht ihre Eltern oder im Sexualunterricht fragen wollten. Ein Team aus Psycholog:innen, Pädagog:innen und Erzieher:innen waren Dr. Sommer. Neben den „lustigen“ Einsendungen erhielte das Team auch viele Berichte von Missbrauch und Gewalt. „Dr. Sommer war der erste woran sich die Jugendlichen gewendet haben“, erzählt die ehemalige „Dr. Sommer“-Redakteurin Jutta Stiehler „Wir haben das dann begleitet und dafür gesorgt, dass sie sich Hilfe suchen.“ Gleichzeitig gerieten sie auch immer wieder in Kritik. Denn auf den Seiten zeigten sich wöchentlich Minderjährige nackt. Was für Jugendliche höchst informativ war, wies in Sachen Kinderschutz höchst problematische Seiten auf.

Der ehemalige Bravo-Chefredakteur Alex Gernandt war 25 Jahre lang bei der Bravo und sieht wenig überraschend vor allem die positiven Seiten des Magazins. ©  ARD Kultur/Looks Media/Benjamin

Das Ende der „Bravo“: Influencer:innen

Die letzte Folge dreht sich größtenteils um die Zeit zwischen 2010 und 2015 – der endgültige Aufstieg der sozialen Medien und ihren Stars. Youtuber:innen wie Dagi Bee oder Lionttv wurden zu den neuen Ikonen der Jugendlichen. Stars, die keine „Bravo“ mehr brauchten, um Privates zu teilen und die Fans näher an sich heranzulassen. Das hatten sie fortan selbst in der Hand. Wie bei vielen Medien brachen sie mit dem Boom des Internets ein. Von wöchentlich, zu zweiwöchentlich, zu monatlich ging die Auflage immer weiter zurück. Jugendliche brauchten keine Zeitschrift mehr, um auf dem neuesten Stand zu sein. Ein Blick ins Handy reichte völlig.

Das Ende eines der erfolgreichsten deutschen Magazine aller Zeiten. Naja Ende noch nicht ganz. Irgendwie sind sie ja immer noch da. Die Dokumentation betrachtet den Aufstieg sowie den Abstieg, die wertvollen wie schattigen Seiten der „Bravo“. Anlässlich des Geburtstags feiert man die „Bravo“ und ihren immensen Einfluss also nicht (nur), sondern widmet ihr ein ehrliches, nicht verschönendes Portrait.

Melancholie ja, Dramaturgie nein

Der Blick weg von der „Bravo“, hin zum Handwerklichen der Doku fällt nicht schwer. Denn man bricht immer wieder aus dem sich in die Jugend zurück träumen aus. Das liegt unter anderem an den einordnenden Szenen mit Baborie, Vollhase und Mertz. Mal ganz abgesehen davon, dass ihre Szenen immer mit einer sehr unangenehmen Zeitlupe eingeführt werden, wirken die drei etwas fehl am Platz. Gerade Mertz, der sonst auf der Bühne und in Instagram-Reels eher als Sonnenschein läuft, wirkt von Anfang an so als hätte er eigentlich keinen Bock dort zu sein. Die Miniserie hätte die Einordnungen in der Form vielleicht auch gar nicht gebraucht.

Abgesehen davon fühlt sich das Line-Up nicht nach vollem Potenzial an. Außer Blümchen und vielleicht noch Eko Fresh sind es jetzt keine absoluten Ikonen, die zu Wort kommen. Als hätte die ARD-Produktion nicht die bekanntesten „Bravo“-Cover-Stars wie die Kaulitz-Zwillinge, sondern nur B-Prominenz für die Doku gewinnen können. Also die Kelly Family und Jeanette Biedermann in allen Ehren, aber da gäbe es bestimmt noch Luft nach oben.

Gelungen wiederum ist das Aufgreifen der Melancholie: Wer die „Bravo“ porträtiert, muss Gefühle der Jugend hervorrufen. Das hat der Dreiteiler definitiv geschafft. Während der Folgen durchforstet man gedanklich jedes Poster, was man mal im Schrank hängen hatte, wer der erste Schwarm war etc. Außerdem ist die Doku für ein Jubiläumsprodukt überraschend reflektiert. Auch wenn der ehemalige Chefredakteur Alex Gernandt immer wieder die Zeitschrift in den Himmel lobt, werden auch die negativen Seiten beleuchtet. Aus heutiger Sicht ist nun mal vieles fragwürdig, was damals noch cool war. Grenzen überschritten hat die „Bravo“ schon immer: Damals konnte das ganze Karrieren zerstören oder erschaffen, heute interessiert sie niemanden mehr.

Bravo: Headlines, Hypes & Herzschmerz ARD Mediathek, seit 23.5., 3 Episoden à 30 Min, linear im Ersten am 1.6., 23:05 Uhr (Episode 1), im WDR am 3.6., 22:15 Uhr (alle 3 Episoden)


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