„Die Camino-Therapie“: Aggressiver Jugendlicher auf dem Jakobsweg

Wenn Adam ausrastet, dann wirft er nicht nur mit dem Mobiliar um sich, er attackiert auch andere körperlich. Und wenn er ein Messer dabei hat, dann kann das für sein Gegenüber lebensgefährlich werden. Der Achtzehnjährige hat eine lange Geschichte aus Heimerziehung und Schulverweisen hinter sich, ist immer wieder rückfällig geworden, jetzt bietet sich ihm eine allerletzte Chance, wenn er nicht seine Zukunft im Gefängnis verbringen will. Vermittelt durch einen Verein, der sich der Resozialisierung jugendlicher Straftäter widmet, soll er in Begleitung der ehemaligen Lehrerin Fred den Jakobsweg beschreiten.
Filme, in denen Menschen in einer Krise den Jakobsweg zum spanischen Santiago de Compostela beschreiten, kann man mittlerweile nicht mehr an zwei Händen abzählen, das Muster ist weitgehend immer dasselbe: Im Verlauf der Pilgerreise lernen sie sich selber, aber auch andere, besser zu verstehen.
In diesem Rahmen ist „Die Camino-Therapie“ durchaus eine angenehme Überraschung, weil er sich auf zwei Protagonisten beschränkt und aus ihrer Gegensätzlichkeit Kapital schlägt. Zu Adam hält er den Zuschauer anfangs auf Distanz, so wie er immer wieder die Kontrolle verliert. Die Lehrerin Fred dagegen erscheint als Sympathieträger, die Ohrfeige, die sie einer Schülerin gab (woraufhin sie suspendiert wurde), wird aus dem Kontext nachvollziehbar. Fred ist eine Frau unter Druck, von ihrem Ehemann verlassen, während sie und ihre pubertierende Tochter sich entweder anschweigen oder mit gegenseitigen Vorwürfen überziehen. Die Mischung aus Annäherung und Distanz, die im Verlauf des langen gemeinsamen Weges zwischen Fred und Adam immer wieder kippt, verleiht dem Film dabei ein solides Fundament.
Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg (Compostelle) F 2026; 113 Min.; R: Yann Samuell; D: Alexandra Lamy, Julien Le Berre, Maelle Vidou; Start: 2.7.
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