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„Die Odyssee“ von Christopher Nolan ist großartiges Kino

Der Monumentalfilm mit Star-Besetzung ist viel zurückhaltender inszeniert, als man es vom Regisseur kennt – und überzeugt unseren Kritiker
Text: Michael Meyns
Veröffentlicht am: 15.07.2026
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Matt Damon und Zendaya als Odysseus und Athena in Christopher Nolans „Die Odyssee“.  © Universal Studios. All Rights Reserved

Manchmal erweist es sich als Glücksfall, wenn aus einem Filmprojekt nichts wird: Vor gut 20 Jahren war Christopher Nolan für kurze Zeit als Regisseur von „Troja“ engagiert, da der ursprüngliche Regisseur Wolfgang Petersen sich für ein anderes Projekt interessierte. Für den jungen Nolan wäre dieser teure, mit Stars besetzte Film ein weiterer wichtiger Karriereschritt gewesen, nachdem er mit „Insomnia“ dem Studio Warner Bros. seine Fähigkeiten bewiesen hatte. Doch dann entschied sich Petersen, doch bei „Troja“ Regie zu führen. Nolan wurde das Projekt wieder weggenommen, und ein Ersatz angeboten: „Batman Begins“.

Auf „Die Odyssee“ lief alles in Christopher Nolans Karriere hin

Der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt – eine Geschichte, die den inzwischen 55-jährigen Briten zu einem der erfolgreichsten Regisseure der letzten Jahrzehnte hat werden lassen, vor allem einem der wenigen Regisseure, der mit großem Budget Originalstoffe verfilmen kann und nicht nur Fortsetzungen und Superheldenfilme. Fast ironisch also, dass Christopher Nolan die Macht, die er nach dem kommerziellen und Oscar-Erfolg von „Oppenheimer“ in Hollywood besaß, dazu nutze, nicht einfach nur einen Stoff der klassischen Literatur zu verfilmen, sondern praktisch den Urtext westlicher Kultur: Die „Odyssee“.

Von Sindbad dem Seefahrer bis zu James Joyces epochalem Roman „Ulysses“ reichen die Einflüsse, die sich im Kino zum Beispiel bei „O Brother, Where Art Thou“ von den Coen-Brüdern finden, und natürlich bei Kubricks „2001: A Space Odyssey.“ Natürlich nicht zufällig einer von Nolans Lieblingsfilmen, man merkt, eigentlich lief alles in seiner Karriere auf diesen Stoff hinaus, der ihn im Laufe seiner bisherigen zwölf Filme immer wieder inspirierte; besonders frappierend in „Inception“, wo sich nicht nur das Motiv eines Mannes findet, der nicht nach Hause zurückkehren kann, sondern auch das einer Traumwelt, in der das von Leonardo DiCaprio und Marion Cotillard gespielte Paar gestrandet ist und die Zeit vergisst. In der „Odyssee“ findet sich nun eine zentrale Sequenz, in der der von Matt Damon gespielte Odysseus jahrelang bei der schönen Kalypso (Charlize Theron) lebt und durch den Konsum der berauschenden Lotusblüten seine Intention, in seine Heimat Ithaka, zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland) zurückzukehren, vergessen hat.

In Nolans „Odyssee“ herrscht Brutalität und Düsternis

Natürlich erzählt Nolan das nicht linear, was praktischerweise genau der Erzählform Homers entspricht: Hin und her zwischen den Ereignissen im Palast von Ithaka geht es, wo Penelope sich der zahllosen Freier erwehrt, die Odysseus‘ Platz einnehmen wollen, und der Heimfahrt, der Irrfahrt von Odysseus und seinen Männern. Ein wenig pro forma werden die berühmten Abenteuer, wie die Begegnung mit dem Zyklop abgehandelt, souverän inszeniert, aber viel zurückhaltender, als man es von Nolan gewöhnt ist. Die Wucht, mit der er in „Tenet“ Actionsequenzen inszenierte, vom Bombast der Batman-Trilogie ganz zu schweigen, findet sich hier selbst dann nicht, wenn in kurzen Momenten die Eroberung Trojas gezeigt wird, die eher einem Massaker gleicht. Und das ist Nolans Punkt, das ist der Kern dieser Interpretation der „Odyssee“, in diesem Sinne macht auch die viel diskutierte Besetzung mit Menschen aller kulturellen Hintergründe Sinn, nicht zuletzt die schöne Helena, die diesmal nicht von einer blonden, weißen Frau gespielt wird, sondern von Lupita Nyong’o.

Vom Gesetz des Zeus ist immer wieder die Rede, von den Verpflichtungen der Gastfreundschaft, von den Regeln, die Leben und Sterben der Menschen bestimmen, klassischerweise natürlich das Leben der weißen Menschen und das Sterben der Anderen. Ein Heroismus ist den klassischen Sagen der Antike inne, dem sich etwa ein Wolfgang Petersen nicht entziehen konnte: Wenn in seinem „Troja“ Brad Pitt seine Mannen mit den Worten „Wisst ihr, was hinter diesen Mauern liegt? Unsterblichkeit!“ in den Kampf und den Tod führt, wirkt das Pathos ungebrochen. In Nolans „Odyssee“ herrscht dagegen Brutalität und Düsternis, erfreuen sich die Toten im Hades nicht ihres ehrenvollen Todes, sondern beklagen ihr brutales Ende. Das Gesetz des Zeus fordert viele Opfer, besonders die Frauen leiden, die, die zu Hause auf ihre Männer warten, und die, die auf dem Schlachtfeld vergewaltigt werden,

Am Ende ist Nolans „Odyssee“ kaum weniger als eine Dekonstruktion jener heroischen Geschichten, die die westliche Kultur und damit auch das Kino seit jeher prägen, die die Basis von Geschichten und Legenden formten, die immer neue Generationen junger Männer in immer neue Kriege trieben.

Die Odyssee (The Odyssey) USA 2026; 172 Min.; R: Christopher Nolan; D: Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland; Kinostart: 16.7.


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