Er hat den Körper, sie hat das Geld

Als das mexikanische Spielzeug plötzlich in ihrem Townhouse in San Francisco im Bett liegt, sieht man ihrer irritierten Miene an, dass sie von diesem Besuch überrumpelt wurde, und dass er ihr womöglich nicht so ganz recht ist. Aber natürlich haben die US-Amerikanerin Jennifer und Fernando, der eben beim illegalen Grenzübertritt sein Leben riskierte, dann erst mal tollen Sex, denn darin sind sie gut, das hält sie nun schon eine Weile zusammen. Er hat den Körper, sie hat das Geld.
„Dreams“: Die Idee mag plakativ wirken, sieht aber dank hervorragender schauspielerischer Ausführung nicht so aus
Michel Franco, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent aus Mexiko, statuiert in seinem aktuellen Film „Dreams“ ein Exempel: Er setzt Klassen- und Geschlechterverhältnisse mit Herkunft, Macht und Charakter in Relation, und zwar so, dass sich die Agenten des Konflikts gleichermaßen allegorisch lesen lassen: Mann und Frau als Stellvertreter ihrer jeweiligen Heimatländer USA und Mexiko. Nachbarn, deren Verhältnis von Ausbeutung geprägt ist. Die Idee mag auf den ersten Blick plakativ wirken, sie sieht aber vor allem dank hervorragender schauspielerischer Ausführung keineswegs so aus.
Fernando ist Tänzer, klassisches Ballett, er wittert in den USA die Chance, es weit zu bringen. Jennifer steht eh schon oben in der Gesellschaft; gemeinsam mit ihrem Bruder Jake verwaltet sie das Vermögen des Vaters, die McCarthy Stiftung. Ständig wird irgendwo irgendwas eröffnet, dann stehen die Damen der High Society auf High Heels mit Cocktails in der Hand in der Gegend herum, und man applaudiert dem alten weißen Mann, der Gutes tut. Philanthropie ist eine Tradition der Eliten in den USA, wo Sozialsysteme und Kulturförderung nicht sonderlich ausgeprägt sind. Jennifers spezielles Interesse gilt dabei dem Nachbarland im Süden, aus dem die billigen Arbeitskräfte kommen; wir können uns gut vorstellen, dass Fernando und sie sich im Rahmen eines ihrer Hilfsprojekte kennengelernt haben. Eine kinderlose alleinstehende Frau im besten Alter hat Bedürfnisse, und ein junger Mann mit knackigem Hintern ebenfalls. „There are limits“, sagt mahnend der Papa zu seiner Prinzessin, als er von ihrem Loverboy erfährt.
In der Rolle des Fernando sorgt Isaac Hernández, 1990 in Guadalajara geboren und seit Anfang 2025 als Meistertänzer (d.i. Primoballerino) am New Yorker American Ballet Theatre engagiert, dafür, dass der physische Aspekt dieser Geschichte ansehnliche Gestalt annimmt. Ihn tanzen zu sehen, ist reine Freude – dies markiert auch eine Fallhöhe, die noch relevant werden wird. Er spielt außerdem untadelig die hoffnungsfrohe Jugend, deren Enttäuschung schreckliche Folgen zeitigt.
Kein Sex der Welt kann diesen Abgrund überbrücken
Jessica Chastain aber, so furchtlos wie risikofreudig, macht aus ihrer Figur einen grausamen Mechanismus des frei drehenden Kapitalismus: Jennifer ist es nicht nur gewohnt, zu bekommen, was sie will, sie ist auch außerstande, in ihrem Gegenüber etwas anderes zu erkennen als Warenwert. Ihr vom Besitzdenken bestimmter Blick auf die Welt spiegelt sich in einem Körper, der vor allem der Präsentation von Luxusgegenständen dient. Jennifer steht damit auch für ein ganz anderes Konzept von Physis – ihre Entfremdung zeigt sich in ihrer Unfähigkeit zur Empathie. Kein Sex der Welt kann diesen Abgrund überbrücken. Man kann es tragisch finden, dass sie davon noch nicht einmal einen Begriff entwickelt.