Der Himmel über Berlin

Die Geschichte von Jessie und Melli und ihrer Mutter Ella beginnt ganz alltäglich an einem der vielen S-Bahnhöfe von Berlin. Die beiden Mädchen diskutieren über die Verhältnisse in der Wohnung. Melli ist zwar noch klein, aber sie braucht nun auch allmählich mehr Raum. Jessie ist schon fast groß, ausgezogen ist sie aber noch lange nicht. Dabei ist die Wohnung gar nicht allzu eng, es gibt sogar ein Piano drin, und auch Lux, der Freund von Jessie, findet noch Platz, wenn er zu Besuch kommt. Alles also ganz normal, alles so wie in vielen Familien. Bis zu dem Moment, in dem Jessie aus dem Leben fällt. Die Szene in Sandra Wollners „Everytime“ ist spektakulär und kompliziert, und von diesem Moment an ist klar, dass das Alltägliche nur eine Seite dieses Films ist. Die andere weist auf Dimensionen des Lebens, die einem unheimlich werden können.
Sandra Wollner erzählt im Gespräch mit dem tipBerlin, dass die Spannung zwischen einem schrecklichen Verlust und Möglichkeiten einer Wiederkehr in ihrem Kopf mit einer einzigen Szene begann. Sie stellte sich vor, dass Ella auf einem Sofa liegt, erschöpft von ihrer Trauer. Und dann hört sie, wie auf dem Gang jemand die Treppe hoch kommt, wie sich die Wohnungstür öffnet, wie jemand die Schuhe auszieht, und ein paar Töne auf dem Piano anschlägt. „In dieser ersten Idee gab es das Kind, das verloren geht, und die Mutter.“ Und es gab eine Andeutung eines Wunders, eine Andeutung des Unmöglichen: dass ein Mädchen, das vom Dach gefallen ist, ins Leben zurückkehren könnte. In ihr eigenes Leben, in das Leben ihrer Familie. In den Alltag.
„Everytime“ war in Cannes ein großer Erfolg
„Everytime“ hat sich in den zwei Jahren, in denen Sandra Wollner an dem Drehbuch gearbeitet hat, noch deutlich verändert oder entwickelt. Aber im Kern blieb eine Familiengeschichte, mit Birgit Minichmayer in der Hauptrolle der Mutter Ella, mit Lotte Shirin Keiling in der Rolle der kleinen Melli, und mit dem Himmel über Berlin als einem bedeutungstragenden Element. Im Mai hatte „Everytime“ schließlich in Cannes Premiere und wurde dort zu einem großen Erfolg, mit internationalen Reaktionen voller Euphorie. Das Festivalpublikum kam wohl auch mit bestimmten Erwartungen. Denn Sandra Wollner, gebürtige Österreicherin, seit vielen Jahren in Berlin zu Hause, hat schon mit dem Film „The Trouble with Being Born“ eine aufregende Gratwanderung zwischen alltäglichem Drama und den Paradoxien des Übernatürlichen und Hypertechnischen vorgelegt – einen Thriller aus der Perspektive eines Robotermädchens, das einem pädophilen Mann gehört.
Im Vergleich zu diesem wagemutigen Film ist „Everytime“ deutlich stärker „geerdet“ – Sandra Wollner legte Wert auf dieses Wort, und so entwickelt sie mit Ella und Melli und Lux (und anfangs auch noch mit Jessie) ein Leben in Berlin, das mit den kleinen Fragen schon ausgelastet wäre: Wo macht Melli die Schulaufgaben? Was gibt es abends zu essen? Wie kriegt die Mutter neben der Betreuung der Kinder auch noch einen Job hin? „Ellas berufliche Situation wird nicht eigens betont. Ich stelle mir vor, dass sie eine freie Steuerberaterin ist, die nach Corona einfach im Home Office weitergemacht hat.“ Ein typisches Multitaskingleben, wie es für allein erziehende Mütter die Regel ist. „Eine pragmatische Frau, die keine Chance hat, sich der Trauer hinzugeben. Eine Mutter, die vor allem am Organisieren ist.“
Wie Kinder mit dem Jetzt umgehen, das ist unerhört
Sandra Wollner
In dieses Leben dringen allmählich keine Signale, dass irgendetwas nicht stimmt. Oder dass etwas zu sehr stimmt. Das erste Signal ist der Filmtitel. „Everytime“ deutet an, dass vielleicht nicht alles nur in eine Richtung gehen muss. Dass Ursache und Wirkung oder Wunsch und Erfüllung vielleicht durcheinander geraten könnten. Sandra Wollner möchte aber auch noch auf ein grundsätzlicheres Problem hinaus. Wer erzählt eigentlich? Wenn wir ins Kino gehen, sehen wir in der Regel das, was eine Regisseurin uns zeigen wollte, was sie für uns gesehen hat, oder was Figuren erleben, mit denen wir mitleben. Wollner aber sieht im Kino noch einen anderen Wunsch verkörpert: „Dass wir selbst gesehen werden. Wer sieht uns?“
Sie hat darauf auch eine Antwort, allerdings eine abstrakte: Es ist das Universum, das uns sieht. Oder auch nicht. Konkret wird diese anfangs nicht ganz einfach zu verstehende Umkehrung von Perspektiven an einem technischen Aspekt. Von ihrem Partner Timm Kroeger („Die Theorie von Allem“, 2023) bekam sie eine Kamera mit einem extrem starken Zoom geschenkt. Der Effekt, der sich damit erzielen lässt, erschien ihr „super absurd. Man kann Menschen aus sehr großer Entfernung ganz nah heranholen, man kann aber nicht eingreifen.“ Intimität und Distanz geraten in eine Konfusion. Bei der Schlüsselszene, in der Jessie mit Lux auf einem Hochhausdach in Mitte etwas zu sich nimmt, das alles verändert, kommt so eine Kamera zum Einsatz, in einer einzigen Einstellung über mehrere Minuten, die zum Aufregendsten und Komplexesten gehört, das man im neueren Kino finden kann.
Everytime
„Everytime“ ist auf der Suche nach unmöglichen Bildern
Wenn Wollner dazu einen weiteren Fachbegriff nennt, merkt man auch, dass sie einer Generation angehört, für die das digitale Leben schon früh ganz normal war. Sie spricht von „Virtualität“, wenn sie ihren filmischen Blick zu definieren versucht. Ihr erster Film, der ein größeres Publikum fand, trägt einen programmatischen Titel: „Das unmögliche Bild“. Wollner wollte immer schon mit der Kamera in Bereiche, in denen es nicht einfach darum geht, den menschlichen Sehsinn zu verdoppeln. Sie will mit ihren Filmen etwas zu sehen geben, was eigentlich unmöglich ist.
Und so führt in „Everytime“ eine Spur von einem Videobild, auf dem Jessie als Kleinkind zu sehen ist, zu einem Urlaub auf Teneriffa, wo sich dieses Bild in der Gegenwart wiederholt. Und damit stellt sich die Frage: Ist das real? Und für wen? Und auf welcher Ebene? In diesem Bild spielen auch die Töne eine wichtige Rolle, die von einem Spielzeugauto ausgehen – insgesamt hat „Everytime“ eine Tonspur, in der es auf jede Winzigkeit ankommt. Wichtige Elemente des Sounds kommen aus einem Computerspiel, in das sich Melli gelegentlich vertieft. „Ein Sandbox-Spiel, in dem die Welt aus Quadraten aufgebaut ist.“ In einem Film, in dem alles jederzeit („everytime“) aufeinander Bezug nimmt, wird auch diese „virtuelle“ Wahrnehmung von Melli noch wichtig.
Aus ihrer Kindheit erinnert sich Sandra Wollner an eine Freundin, mit der sie sich manchmal vorgestellt hat, „wie wir von Riesen betrachtet“ werden. Ihren Schulabschluss verbindet sie bis heute mit einem Unfall, bei dem sie sich schwer verletzte: Sie fiel aus einer gefährlichen Höhe. „Everytime“ kam nicht einfach aus dieser persönlichen, körperlichen Erfahrung. Eher kann man den Film auch als ein spannendes Protokoll sehen, das Variationen von Ideen auf eine Grundkonstellation bezieht. Die Schauspielerin Birgit Minichmayr, die ein großer Star ist, hat Wollner dabei geholfen, nicht zu radikal aus der Welt auszusteigen, die wir üblicherweise als die gemeinsame bezeichnen: „Sie hat ein ultragutes Gespür dafür, ob etwas glaubwürdig ist.“
„Everytime“ reißt die Abgründe zwischen den inneren und äußeren Welten weit auf
Diese Glaubwürdigkeit erlebt Sandra Wollner seit der Premiere des Films auch immer wieder, wenn Menschen sich mit eigenen Erfahrungen an sie wenden. „Everytime“ wirkt auf einer unmittelbaren Ebene. „So verrätselt der Film ist, auf eine Weise berührt er auch Menschen, die gar nicht das suchen, was ich im Kino suche.“ Sandra Wollner sucht auf jeden Fall etwas, das aus dem Alltag hinausführt. Sie steht damit in einer großen Tradition der künstlerischen Moderne, der es ja oft darum ging, das scheinbar Selbstverständliche zu problematisieren. Zugleich gibt es in „Everytime“ aber eben auch die Figur der Melli, die immer so ein bisschen mitläuft, in der zweiten Hälfte aber immer wichtiger wird. „Ich fand es immer schon erstaunlich, wie Kinder die Umstände oft einfach annehmen. Dieser kindliche Umgang mit dem Jetzt, das schien mir unerhört.“ Natürlich sind Kinder sich gefeit vor traumatischen Erfahrungen, aber es scheint manchmal, als gebe es einen Schutz der Unmittelbarkeit, eine Möglichkeit, sich schützend in eine Gegenwart zurückzuziehen, die von Verletzungen nichts weiß. Das lässt sich nicht immer durchhalten, und verschwinden werden Verletzungen nie.
Aber Wollners Film wird in dieser Hinsicht auch zu einer Studie der Lebensalter: Melli, das Kind, und Ella, die Mutter, stehen für zwei unterschiedliche Weisen, in der Welt zu sein. Für Sandra Wollner ist das Kino eine Kunst, mit der sie sich daran reiben kann, dass „wir nie wissen, wie jemand anderer die Welt sieht“. Spontan gehen wir davon aus, dass die Menschen neben uns die Welt so sehen, wie wir sie gerade sehen. Und auch Wollner, die sich beiläufig als „Konstruktivistin“ bezeichnet, sieht in dem Tisch, an dem das Gespräch stattfindet, einen Tisch. „Schon aus praktischen Gründen.“ Mit „Everytime“ aber reißt sie die möglichen Abgründe zwischen den inneren und äußeren Welten so weit auf, dass sich dazwischen schockierende und faszinierende Räume öffnen. Räume, in die man „jederzeit“ mit der eigenen Fantasie und eigenen Erfahrungen gehen kann, um sie vom Virtuellen ins Persönliche kippen zu lassen – und dann auch wieder zurück. Das ergibt insgesamt: großes Kino.
Zur Person
Sandra Wollner kam 1983 in Leoben in der Steiermark (Österreich) zur Welt. Sie studierte Film in Ludwigsburg, und ging von dort nach Berlin. Gemeinsam mit ihrem Partner Timm Kroeger und Roderick Warich sowie der Produzentin Viktoria Stolpe arbeitete sie auch unter dem Gruppennamen „Funeral Casino Blues“, inzwischen wurde daraus die Produktionsfirma The Barricades.



