„Staatsschutz“ von Faraz Shariat ist ein Film der politischen Stunde

Deutschland ist ein Rechtsstaat. Dieser einfache Satz wird heute gelegentlich mit einer gewissen Verunsicherung ausgesprochen. Denn genießen tatsächlich alle Menschen im Land den gleichen Schutz? Der Thriller „Staatsschutz“ von Faraz Shariat lässt jedenfalls deutlich Zweifel erkennen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau. Sie heißt Seyo Kim, hat Jura studiert und arbeitet nun bei der Staatsanwaltschaft in einer fiktiven Stadt namens Neuwerda. Dass sie koreanische Wurzeln hat, kann man aus ihrem Namen und ihrem Aussehen schließen. Die Schauspielerin Chen Emilie Yan verleiht der Figur eine komplizierte Aura von Widerspenstigkeit und Einsamkeit. Als auf Kim ein Anschlag verübt wird, findet sie sich plötzlich in einer Doppelrolle wieder – auch ihrer Institution gegenüber. Damit hat Faraz Shariat die Voraussetzungen für eine Geschichte geschaffen, in der Kim immer stärker ins Risiko gehen muss: denn ihr Fall steht bald für einen größeren Kontext, in dem es letzlich um die Gefahr einer rechten Unterwanderung der Justiz geht. Und um die Frage, inwieweit Deutschland weiterhin ein Rechtsstaat ist.
Faraz Shariat ist bei den Vorbereitungen zu seinem Film selbst auf diese These gestoßen: Das deutsche Rechtsystem ist das objektivste der Welt. „Das findet man so vor.“ Und so wird es auch im Film formuliert. Und so wird es problematisiert: „Was bedeutet diese Idee von Objektivität, wenn man einen gesellschaftlichen Rechtsruck erfährt?“ Kim merkt rasch, dass ihr Fall deutliche Parallelen zu früheren aufweist. Damit geht es um den Zugang zu den Archiven. Wie kommt sie an Akten von früher? Für Shariat ist Kim eine „Person zwischen Stühlen. Die ist einerseits ganz konform, andererseits ist der Unterschied immer sichtbar“. Und überhaupt: kann man sich als progressiver Mensch vorstellen, für den Staat zu arbeiten? Der Gedanke, anfangs eine „flapsige Provokation“, wurde zur „Prämisse des Films“.

„Staatschutz“: Faraz Shariat ist der ideale Regisseur für ein hochaktuelles Drehbuch
Deutlich sind bei „Staatsschutz“ viele Vorgänge in der Republik aus den Jahren seit der Wende erkennbar. Aus Berliner Sicht wären die Anschläge in Neukölln hervorzuheben, „bei denen der Verfassungsschutz die Opfer nicht geschützt hat“. Der NSU-Komplex in seiner ganzen riesigen Dimension ist natürlich auch zu nennen. Und so viel mehr. Das Drehbuch zu „Staatsschutz“ stammt von Claudia Schaefer, die Shariat über Asli Özarslan und Fatma Aydemir kennengelernt hat. Zwei Jahre lag das Buch schon herum, Aussichten auf Realisierung schien es nicht zu geben, dann aber ging es schließlich schnell. Denn Shariat war die ideale Person, hier Regie zu führen. Er gilt seit seinem Film „Futur Drei“ als eine zentrale Figur für ein postmigrantisches, queeres Kino in Deutschland. Und mit diesen Themen ist er auch an „Staatsschutz“ herangegangen. Neuwerda muss sich dabei einerseits im Osten vorstellen, das wichtigste Gebäude von den Schauplätzen ist aber deutlich westdeutsch. „Wir wollten verschiedene Signale senden, um das Thema in seiner Allgemeinheit zu erfassen.“
Mit „Staatsschutz“ ist Faraz Shariat nun auch beruflich vollständig in Berlin angekommen. Die Produktionsfirma Jünglinge hat er noch in Hildesheim gegründet, wo der gebürtige Kölner studiert und dann „Futur Drei“ gemacht hat. Auf 2015 datiert er seinen Wechsel nach Berlin, wo er zuerst „eine sehr radikale Partykultur“ entdeckte. Inzwischen kann er sagen: „Ich hab hier eine wahnsinnig tolle Community.“
Politisch hat ihn nicht zuletzt der Wahlkampf für die vergangene Bundestagswahl geprägt. Er ist großer Fan der „Klingelkampagnen und Haustüraktionen“, denen vor allem die Linkspartei einen bedeutenden Anteil an ihrem Erfolg zurechnet. Für Shariat sind das „Beispiele dafür, wie man, lokal gedacht, politischen Wandel möglich machen kann. Wahlen sind einer der mächtigsten Wege“. Für Seyo Kim hingegen hat er in „Staatsschutz“ einen anderen Weg vorgesehen. Die Figur bekommt zum Ende hin Andeutungen einer Superheldin.