Überall Abenteuer: Höhepunkte beim Filmfest München

„Gentle Monster“ von Marie Kreutzer
Was tun, wenn der geliebte Mann ein Monster ist? Eines Tags wird Philip verhaftet; der Straftatbestand lautet „Besitz von Kinderpornografie“. Lucy fällt aus allen Wolken. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Marie Kreutzer steigt in ihrem aktuellen, nach eigenem Drehbuch inszenierten Film „Gentle Monster“ mit der Katastrophe ein; sie wirft sozusagen einen großen, schweren Brocken ins Wasser, und folgt den Schwingungen und Vibrationen, die er auslöst – und die schließlich den ganzen großen See erfassen. Denn auf Lucys Nicht-Wahrhaben-Wollen trifft Philips Nicht-Zugeben-Können. Winzige Bruchstücke von Wahrheit dringen nur sehr allmählich ans Licht, und mit jeder neuen Enthüllung verändert sich das bisher Bekannte neuerlich, auf jede halbe Lüge Philips reagiert Lucy mit Glauben. Bis die Zweifel überwiegen. Denn es steht ja nicht nur ihre bisherige Existenz und das sicher geglaubte Glück auf dem Spiel, sondern auch die eigene Identität: Wie konnte sie das nicht sehen? Trifft sie nicht ebenfalls Schuld? Hat der Vater den gemeinsamen Sohn missbraucht? Und Philip? Der hadert ja nicht zuletzt deswegen so quälend lange mit der Wahrheit, weil sie bedeutet, dass er sich selbst ins Gesicht sehen muss. „Gentle Monster“ ist ein Film über Wahrnehmung und Verhandlung, ein kluger und geduldiger Film, der dem Charakter von Wahrheit nachforscht und ihn in ihrer Flüchtigkeit findet.
Kinostart: 17. September
„Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach
Und schon wieder hat sie uns lange, arg lange warten lassen. Neun Jahre sind seit Valeska Grisebachs Film „Western“ vergangen. Davor klafft eine elfjährige Lücke zu „Sehnsucht“ und davor waren es („nur“) fünf Jahre bis zu ihrem Erstling „Mein Stern“. Aber was soll man sagen: Wenn am Ende ein Film wie „Das geträumte Abenteuer“ steht, dann hat sich die Warterei gelohnt, und zwar doppelt und dreifach. Wie immer mit Laiendarsteller:innen besetzt und nach eigenem Drehbuch inszeniert, erzählt „Das geträumte Abenteuer“ von der Archäologin Veska, die in der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzregion Ausgrabungen an einer Turmruine leitet. Zufällig trifft sie auf einen alten Bekannten, den ein schwindliger Benzin-Deal in die Gegend verschlagen hat, und der dann plötzlich nicht mehr auffindbar ist. Ehe einem noch die Verhältnisse zwischen den zahlreichen Figuren klar werden, die in der Folge die Geschichte in historische Tiefen und gesellschaftliche Verästelungen führen, steht man schon mittendrin und staunt über die Weite des Themenfelds, das Grisebach vermisst. Ein Traum von einem Abenteuer, Ausschläge ins Nachtmahrige inklusive. Beim diesjährigen Festival in Cannes wurde Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
Kinostart: 24. September
„Im Spiegel meiner Mutter“ von Jutta Brückner

Auch Jutta Brückner hat lange auf einen Film warten lassen; der letzte war (vor 21 Jahren!) „Die Hitlerkantate“. Nun also endlich „Im Spiegel meiner Mutter“, in dem tatsächlich ebenfalls eine Archäologin im Zentrum steht. Allerdings ist Ursula Scheuner nicht im Feld tätig, sondern lehrt an der Uni und schlägt sich mit Bauarbeiten im Institut sowie ihrer dementen Mutter im Heim herum, während im Keller ihre Assistentin Mel eine weibliche Moorleiche präpariert, die ein Kind im Arm hält. Mit Hildegard Schmahl (Mutter), Corinna Harfouch (Ursula) und Carla Juri (Mel) versammelt Brückner ein Spitzenensemble, das ihr bereitwillig in die sumpfigen Untiefen des Unterbewußten folgt. Denn so gut wie nichts ist in diesem Film wörtlich zu nehmen, und eigentlich alles verweist auf den Mutter-Tochter-Komplex, der bekanntermaßen vielschichtig ist und jede Menge Sprengstoff lagert. Die Psychologie als Bezugsrahmen der Erzählung sorgt mit ihren Projektionen und Verdrängungen für Verschiebungen und Überlagerungen und gedankenreiche Unterhaltung.
Kinostart: 13. August
„Kalter Hund“ von Pauline Roenneberg
Corinna Harfouch, die Zweite. Psycho-Verwirrnis und Familien-Hölle, die Zweite. Den Festlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag entzieht sich der Patriarch durch Selbstmord, die Matriarchin (Harfouch) will das nicht hinnehmen. Doch im Zuge ihrer Vertuschungsversuche tritt allerorten das Verdrängte zutage; es ist, als sei der Teppich nunmehr zu klein, unter den all das all die Jahre gekehrt wurde. Also kehrt es wieder. Selbst wenn Pauline Roennebergs Debütfilm „Kalter Hund“ etwas strukturierter und ruhig auch kürzer hätte ausfallen können, so imponiert er doch mit seiner Unbotmäßigkeit. Schwarzhumorig finsteres Treiben, das keine Geschmacksgrenzen kennt; zwei(!) ausführlich ausgespielte Familienaufstellungen, im Zuge derer aber auch rein gar nichts geklärt wird; ein offensichtlich qualgezüchteter Mops, der weder richtig atmen noch richtig laufen kann, als Accessoire der Hauptfigur; weder eine zielführende Dramaturgie noch eine befriedigende Lösung, dafür Abschweifungen und Einfälle, die zu Unfällen werden, zuhauf. Man weiß am Ende nicht, was angebrachter ist, Vorfreude oder Vorwarnung?
Kinostart 17. September
„Identitti“ von Randa Chahoud
Selbiges gilt auch für „Identitti“ von Randa Chahoud, Adaption des 2021 viel diskutierten Bestsellers von Mithu Sanyal, der wiederum sich auf den realen Skandal um Rachel Dolezal bezog, die in einem Akt kultureller Aneignung eine PoC-Identität vorgetäuscht hatte. Chahoud bewegt sich voll auf der Höhe des identitätspolitischen Tohuwabohus und setzt es dementsprechend ins Bild: Es geht drunter und drüber und kreuz und quer – und bleibt doch auf angenehme Art und Weise undogmatisch. Das Konfliktfeld wird vermessen, Positionen geklärt, Ideologien transparent gemacht und Polemik entlarvt. Wohlfeile schnelle Lösungen hat dieser Film nicht im Angebot. Dass er sich an ein jugendliches Zielpublikum richtet, ist ihm – alles andere als schön – anzuhören; zum Einsatz kamen GenZ-Languageconsultants, die sicher stellten, dass in „Identitti“ auch auf der Höhe der Zeit gesprochen wird. Möglicherweise ein Garant dafür, dass zum Starttermin im November das zum Einsatz kommende Kauderwelsch schon wieder veraltet ist. Dass zur Vorbeugung bereits eine Synchronfassung mit Sprechblasen voller Emojis in Arbeit ist, ist hingegen ein Gerücht.
Kinostart: 12. November
Die Verfilmung dieses Monumentawerks war schon lange vor dem Kinostarts umstritten: Jetzt ist Christopher Nolans „Die Odyssee“ im Kino zu sehen – und das ist großartig. Der Rächer der Enterbten ist zurück im Kino, und das ungewohnt brutal: In „The Death of Robin Hood“ zeigt Hugh Jackman das Handwerk des Tötens. Vom YouTube-Video zum starbesetzten Kinofilm: Unsere Kritik zum richtig gruseligen „Backrooms“ findet ihr hier. Der Tag der Wahrheit ist hier: In „Disclosure Day“ bekennt sich Steven Spielberg zu Aliens. Ein Epos, das der Welt eine Vision geben könnte: unsere Rezension zu „Palästina 36“ lest ihr hier. Hugh Jackmann liest Schafen Krimis vor: „Glennkill“ ist ein etwas klamaukiger, aber charmanter Krimi. Der Letzte seiner Art in Berlin: Götz Valien malt Kinoplakate. Keine Lust mehr auf die Streaming-Riesen? Berliner Alternativen zu Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ und Co. Blick zurück aufs Kinojahr 2025: Die Lieblingsfilme der tipBerlin-Redaktion. Was läuft sonst? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Mehr aus der Filmwelt lest ihr in unserer Kino-Rubrik.