Belastendes Material auf dem Rechner: „Gentle Monster“ erzählt von Pädokriminalität

Pädophilie ist etwas, wovon man in der Zeitung liest, worüber man beim Nachrichtenhören schockiert die Hand vor den Mund schlägt. Schätzungen zufolge ist jedes fünfte Kind in Europa von sexueller Gewalt betroffen. In „Gentle Monster“ wird dieses Unfassbare für Lucy greifbar, eine Frau, die Männern ohnehin misstraut. Die Pianistin covert Liebeslieder männlicher Künstler: „Männer sprechen selten über Gefühle, singen aber häufig über die Liebe. Deswegen nehme ich ihre Worte und stelle sie in Frage.“
Jella Haase und Léa Seydoux spielen die Hauptrollen in „Gentle Monster“
Da ihr Mann Philippe mit einem Burnout kämpft, zieht das Paar aufs bayerische Land. Fortan leben sie mit ihrem Sohn Johnny in einem riesigen Haus, charmant abgewrackt. Eines Morgens wird die Idylle jäh unterbrochen: Die Polizistin Kühn, gespielt von Jella Haase, steht mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür. Man habe auf Philippes Datenträgern „pädokriminelles Material“ gefunden.
Wie würde man selbst reagieren? Könnte man so etwas seinem eigenen Mann zutrauen? Diese Fragen stellt sich auch Lucy. Léa Seydoux spielt sie mit bemerkenswerter Zurückgenommenheit. Es reicht, dass sie eine Braue hebt, und dabei mehr sagt als mit Worten. Ihre anfängliche Unerschütterlichkeit wird Lucy über die folgenden Monate hinweghelfen.
Marie Kreutzer inszeniert den Film dabei nicht als atemlosen Thriller. Die Kamera von Judith Kaufmann lässt sich Zeit für lange Einstellungen des Landhauses, auf Musik verzichtet Kreutzer fast vollständig. In der schönsten Szene spazieren Lucy und Philippe nach Hause. Sie sehen sich an, lächeln. Bald darauf legt sich ein pinker Schleier über das Bild, alles verschwimmt – als würde dieser flüchtige Moment selbst zum Traum.
Dass Kreutzer so behutsam erzählt, erweist sich vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte als Glücksfall. Kurz nach der Premiere ihres Erfolgsfilmes „Corsage“ wurde der darin mitwirkende Florian Teichtmeister wegen des Besitzes kinderpornographischen Materials angeklagt. Kreutzer arbeitete damals bereits an „Gentle Monster“, und dachte zunächst, den Film nicht mehr machen zu können. Dann sei ihr klar geworden, dass sie ihn gerade deswegen machen müsse: „Rein statistisch betrachtet kennen wir alle Täter und Opfer von sexualisierter Gewalt an Kindern.“
So ergeht es auch der Polizistin Kühn: Ausgerechnet ihr Vater wird übergriffig. „Man darf doch wohl noch freundlich sein“, sagt er. „Gentle Monster“ macht aus Missbrauch das, was er allzu oft ist: etwas Alltägliches.