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Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao zeichnet ein Bild von Shakespeare als Mystiker

Chloé Zhao, Regisseurin von „Nomadland“, erzählt in „Hamnet“ von der Familie von William Shakespeare. Ihre Hauptdarstellerin Jessie Buckley räumte für ihre eindringliche Darstellung von Shakespeares Frau einen Oscar ab.
Text: Bert Rebhandl
Veröffentlicht am: 22.01.2026
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„Hamnet“ von Chloé Zhao mit Jessie Buckley in der Hauptrolle. Foto: Agata Grzybowska/Focus Features 

Bei dem Titel „Hamnet“ denkt man automatisch an den großen Mann der englischen Dramatik. William Shakespeare ist ein Rätsel. Ein Stückeschreiber, der im Übergang vom 16. ins 17. Jahrhundert ein Repertoire schuf, von dem Bühnen in aller Welt seither zehren. Und nicht nur das Theater lebt von den unergründlichen Klassikern wie „König Lear“ oder „Macbeth“, auch im Kino gibt es zahllose Adaptionen. Wie konnte ein einfacher Mann in der Englischen Renaissance so genial sein? Wie konnte ein einzelnes Individuum so viel von den Menschen, von der Welt, von Komödie und Tragödie wissen? Roland Emmerich hat mit seinem Film „Anonymous“ (2011) die berühmte These vertreten, Shakespeare wäre in Wirklichkeit ein Adliger gewesen, aber an der Grundfrage ändert das nicht viel. In „Shakespeare in Love“ (1998), einem bis heute beliebten Film, sieht alles so aus, als wäre „Romeo und Julia“ nur entstanden, weil der Dichter knietief im Dispo war. Auch das hilft nicht wirklich bei der Lösung des Rätsels.

Mit „Hamnet“ bietet Chloé Zhao einen neuen Vorschlag, Shakespeare zu verstehen

Die chinesisch-amerikanischen Filmemacherin Chloé Zhao macht nun einen neuen Vorschlag, Shakespeare zu verstehen. Sie sieht ihn als Mystiker. Ihr Film „Hamnet“ beginnt in der englischen Provinz, wo eine junge Frau und ein junger Mann im Wald und auf der Heide aufeinandertreffen: Agnes und Will. Ihre Beziehung, so könnte man sagen, wird von der Natur gestiftet. Die Bäume mit ihrem tiefen Wurzelwerk sind ihr Tinder. Agnes, die aufmüpfige Tochter einer frommen Familie. Agnes, der manchmal das Wort „Hexe“ hinterhergeflüstert. Will, der Lateinlehrer, ein Mann, der mit der Sprache vertraut sind. Ein ideales Paar, um etwas Außergewöhnliches hervorzubringen. Zum Beispiel die Tragödie von „Hamlet“, die in einem der berühmtesten Sätze der westlichen Kultur gipfelt: „To be or not to be – that is the question.“

Jessie Buckley und Paul Mescal als die Eheleute Shakespeare in „Hamnet“. Foto: Agata Grzybowska/Focus Features

Zwischen „Hamnet“, dem Film, und „Hamlet“, dem Bühnenwerk, ändert sich nur ein Buchstabe. Aber in diesem Übergang steckt für Chloé Zhao alles. Sie hatte einen sehr erfolgreichen Roman von Maggie O’Farrell als Ausgangspunkt, gemeinsam mit der Autorin hat sie ein Drehbuch geschrieben, das von dem Übergang erzählt, der vom Leben in die Kunst führt. Agnes und Will sind ein Paar, sie sind aber auch zwei Pole, sie sind das Yin und Yang des Schöpferischen. „Hamnet“ erzählt davon auf eine Weise, die ihrem Film eine Favoritenrolle bei den diesjährigen Oscars eingebracht hat. Bester Film, beste Regie, beste Schauspielerin Jessie Buckley – alles scheint denkbar!

Das englische Wort „mysticism“ ist nicht ganz leicht zu übersetzen. Mystik ist eigentlich zu einfach, es geht um ein Wissen hinter dem Wissen, um ein Eingeweihtsein in Geheimnisse, die der Wissenschaft oder der Vernunft verborgen bleiben. Chloé Zhao lässt bei einem Gespräch in Berlin nach der Premiere von „Hamnet“ im Dezember keinen Zweifel daran, dass sie sich selbst in einer vergleichbaren Position zu Shakespeare sieht. Sie möchte sich nicht mit ihm messen, darum geht es nicht. Aber „Geschichtenerzähler haben eine große Verantwortung in der modernen Gesellschaft“. Sie müssen in der Lage sein, „die Ewigkeit in einer Stunde“ zu erfassen (oder in zwei oder drei, wie im Theater oder im Kino). Chloé Zhao zitiert den Dichter Willam Blake (1757 bis 1827), der für sie ein „Druide“ ist, ein heidnischer Priester in einer Welt, die der von Agnes noch sehr nahe ist.

Maggie O’Farrell schrieb die Buchvorlage und zusammen mit Chloé Zhao auch das Drehbuch zu „Hamnet“

Das Buch von Maggie O’Farrell hatte zuerst einmal ein sehr berechtigtes Anliegen: es wollte die Geschichte der Frau von William Shakespeare erzählen. Sie bleibt in der Kleinstadt, als Will schon immer häufiger in London ist, wo er Dinge tut, die Agnes nicht versteht. Sie bekommt eine Tochter, Susanna, und dann auch noch Zwillinge, Judith und Hamnet. Sie muss mitansehen, wie die Pest durch das Land zieht, und schließlich den geliebten Sohn das Leben kostet. Sie muss mit ihrer Trauer zurechtkommen, und weiß dabei nicht so recht, ob ihr Mann eigentlich noch an ihrer Seite ist, oder ob er sich dem Leben der Familie schon entfremdet hat. London ist für sie nicht ein paar Kilometer, sondern ein paar Welten entfernt.

„Wir haben in unserem Drehbuch die Rolle von Will größer gemacht. Es sollte wirklich die Geschichte eines Paares sein, es sollte um zwei Figuren gehen, eine Hand ergreift die andere. Und wir haben das Stück größer gemacht“, erzählt Chloé Zhao von ihrer Schreibarbeit mit Maggie O’Farrell. Das Stück, das ist eben „Hamlet, Prinz von Dänemark“, die Tragödie eines jungen Mannes, dessen Mutter nach dem Tod des alten Königs ausgerechnet dessen Mörder heiratet. Hamlet will Rache nehmen für seinen Vater, der ihm als Geist erscheint. Es ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wie sich diese Geschichte zu der Trauer um den kleinen Hamnet verhält. Aber der Film läuft genau auf den Moment hinaus, in dem Agnes diese Verbindung begreift – und damit das komplexe Verhältnis zwischen Kunst und Leben.

Die letzte halbe Stunde von „Hamnet“ führt in ein elisabethanisches Theater, und zeigt, wie man sich eine zeitgenössische Theaterproduktion vorstellen könnte. Das ist der Teil, den Chloé Zhao meint, wenn sie sagt, sie hätte „das Stück größer gemacht“. Es ist dieser Teil, der deutlich über den Roman hinausgeht, und der zugleich emotionaler wie intellektueller Höhepunkt eines sehr bewegenden Films ist. Agnes und Will gehen hier noch einmal eine andere Beziehung ein – eine Beziehung zwischen Autor und Publikum. Man kann in diesem Moment etwas von dem begreifen, was Theater einmal war – ein magisches oder mythisches Ritual, eine Möglichkeit, das eigene Leben in einem neuen Licht zu sehen.

Das Wort „Ritual“ ist für Chloé Zhao genau so wichtig wie „Mystik“. Sie wurde in der Volksrepublik China geboren, kam aber als Teenager auf ein englisches Internat, und ging von dort in die USA, wo sie schließlich eine Filmausbildung begann. Bekannt wurde sie 2015 mit „Songs My Brothers Taught Me“, den sie in South Dakota in einem Reservat für Native Americans vom Stamm der Lakota drehte. Es folgte der Neo-Western „The Rider“, und schließlich 2020 „Nomadland“, mit Frances MacDormand in der Hauptrolle einer Frau, die sich im Milieu von Wanderarbeiter:innen bewegt, die prekär und ohne festen Wohnsitz ein Auskommen suchen. Chloé Zhao wurde dafür mit einem Oscar für Beste Regie ausgezeichnet – als zweite Frau, nach Kathryn Bigelow, in der langen Geschichte des Preises.

Das Kino, oder das Erzählen von Geschichten, muss für sie eine Erlösung gewesen sein, denn sie erlebte ihre Kindheit und Jugend als „sehr verstörend. „In meinen Teenager-Jahren, in meinen Zwanzigern und sogar mit über 30 hatte ich viele Probleme mit meiner Körperlichkeit. Ich war von einer tiefen Angst beseelt, ich würde sterben, ohne Liebe erlebt zu haben oder der Wahrheit nahegekommen zu sein.“ Wenn man sie heute trifft, wirkt sie wie jemand, die in sich ruht, und sehr genau weiß, welche „Alchemie“ sie mit dem Medium Film zur Verfügung hat. William Shakespeare verwandelte den Geist seines Sohns Hamnet in den Geist, der Hamlet auf der Bühne erscheint. Das ist ein Akt, der den Schmerz nicht stillt, aber der ihn verwandelt.

Für „Hamnet“-Regisseurin Chloé Zhao ist Shakespeare ein Prophet

Hinter dieser Deutung steckt für Chloé Zhao eine Weisheit, die sie auf ihrem eigenen Lebensweg allmählich gefunden hat. Man kann mit ihr gut über westliche Philosophie reden, sie ist allerdings überzeugt, dass Platon und Aristoteles noch mit einer geheimen Lehre in Verbindung waren, die einen „Zugang zum Göttlichen“ ermöglichte. Auch von C.G. Jung hält sie sehr viel. „Der hat sich doch nur als Psychiater ausgegeben, weil sie ihn sonst ins Irrenhaus gesteckt hätten.“ Das „Rote Buch“, in dem Jung seine Träume und Visionen notierte, ist für sie wie eine Bibel. Und Shakespeare war auch jemand, der etwas „heraufbeschwören“ konnte, was im Prozess der Zivilisation verloren gegangen war. Der Tod ist demnach nur die eine Seite eines Übergangs, und nichts Endgültiges. Shakespeare ist für sie „ein Prophet, und vielleicht wurde er das durch Agnes“.

Im heutigen Amerika lebt Zhao in einem Land, in dem auch sie theoretisch jederzeit von ICE-Agenten in die Mangel genommen werden könnte. Sie ist längst Staatsbürgerin, und der Oscar und ihre Karriere sind ein guter Schutz. Aber sie hat auf ihrem Weg viele Erfahrungen mit den Umbrüchen in der Welt seit 1989 gemacht. Heute geht die Geschichte offensichtlich auf einen großen Übergang zu. „Ich glaube an Zyklen, an so etwas wie die Jahreszeiten, an eine Spiralbewegung in der Geschichte. Und wenn eine Jahreszeit zu Ende geht, und eine neue sich ankündigt, dann herrscht ein Durcheinander, dann gibt es Krisen.“

Eine Menschheit, die schon einige Jahrtausende mit diesen zyklischen Vorgängen durchlebt hat, sollte eigentlich genügend „Zeremonien und Rituale“ parat haben, um sich gerade im Durcheinander zurechtzufinden. Der Film „Hamnet“ wäre demnach auch so eine Zeremonie? Chloé Zhao nickt. „Das wäre meine Hoffnung. Ein Werk, dass die Menschen zusammenbringt.“ Mit Agnes und William Shakespeare an der Seite kann man sich getrost den Rätseln des Lebens stellen, und nebenbei gibt es auch spannende Hinweise für das Rätsel um den großen Dichter. „Hamnet“ ist ein intimer Film, der eine ganze Kosmologie enthält. Oscar oder nicht Oscar, das ist hier gar nicht die Frage. Es geht um Wichtigeres.

Hamnet USA 2025; 125 Min.; R: Chloé Zhao; D: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson; Kinostart: 22.1.


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