Premiere in Cannes: Volker Schlöndorff mit „Heimsuchung“

Nach Jahren, in denen der deutsche Film in Cannes eher durch Abwesenheit glänzte, scheinen die Kuratoren wieder Geschmack an deutschen Themen und Filmen zu finden. Über Valeska Grisebachs Wettbewerbsbeitrag berichten wir ebenfalls, aber auch in etlichen Nebenreihen finden sich deutsche Filme, darunter das neue Werk von Volker Schlöndorff, der zwar ebenso wie sein Regiekollege und Altersgenosse Wim Wenders in der Heimat oft nur noch belächelt wird, die aber eben immer noch die einzigen beiden Deutschen sind, die jemals die Goldene Palme gewinnen konnten. Und allein das macht Schlöndorff im kinoverrückten und traditionsbewussten Frankreich zum Cannes-Adel, der nun zum achten Mal an der Croisette eingeladen war.
„Heimsuchung“: Schlöndorff hat sich einen deutschen Erfolgsroman vorgenommen
Natürlich erneut mit einer Literaturverfilmung, das Genre, in dem Schlöndorff seit Beginn seiner Karriere am liebsten und erfrolgreichsten arbeitete, angefangen bei seinem Debüt „Der junge Törless“, bis zu seinem Cannes- und Oscar-Gewinner „Die Blechtrommel.“ Nun hat sich Schlöndorff einen der deutschen Erfolgsromane der letzten Jahre vorgenommen, Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“, ein Generationen umspannendes Epos, das den auch internationalen Erfolg der Berliner Autorin begründete.
Ein Haus an einem See in Brandenburg ist in gewisser Weise die Hauptfigur eines Films, der in der Nazizeit beginnt und nach dem Fall der Mauer endet, von den Verwerfungen der deutschen Geschichte erzählt, anhand zahlreicher paradigmatischer Figuren. Der Architekt, die Schriftstellerin, der Journalist heißen einige der Figuren nur, Eigennamen tragen nur die wenigsten, gespielt werden sie von einem Staraufgebot deutscher Schauspieler: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Angela Winkler, und etliche mehr.
Sehr nah an der Vorlage entlang erzählt Schlöndorff, was auch bedeutet: episodisch. Wo in kaum zwei Stunden von gut 70 Jahren deutscher Geschichte erzählt werden soll, muss es Schlag auf Schlag gehen, Umbruch auf Umbruch folgen, Nazizeit, Krieg, die Russen, Wiederaufbau, Stillstand, Wende, Restitution von enteignetem Besitz: Zeit zum Innehalten bleibt kaum, Leerstellen werden immer wieder von einer Erzählstimme aus dem Off überbrückt, manchmal auch durch dokumentarische Aufnahmen, die dem Reigen den Anschein des Authentischen verleihen sollen.
Freundlicher Beifall in Cannes für eine gediegene Literaturverfilmung
Berührende Momente folgen auf banale, die meist in Moll klingende Musik sorgt für zusätzliche Bedeutungsschwere, die vielen Kinder für kleine Momente der Leichtigkeit.
Ja, die Geschichte des 20. Jahrhunderts, gerade die deutsche, war voller Brüche und Verwerfungen. Am Ende bleibt das, was man von Volker Schlöndorff seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten kennt: eine gediegene, sehr ernsthafte, aber auch konventionelle Literaturverfilmung, die das Premierenpublikum am Samstag Abend – auch Wim Wenders hatte sich die Ehre gegeben – mit freundlichem Beifall bedachte.