ABO
Film

Premiere in Cannes: Volker Schlöndorff mit „Heimsuchung“

Der Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck fand ein großes Publikum. Nun hat Volker Schlöndorff beim Festival in Cannes seine Verfilmung präsentiert – mit Stars wie Lars Eidinger und Martina Gedeck. Michael Meyns war für den tipBerlin dabei
Text: Michael Meyns
Veröffentlicht am: 17.05.2026
Home » Kultur » Film » Premiere in Cannes: Volker Schlöndorff mit „Heimsuchung“
Lars Eidinger, Volker Schlöndorff und Martina Gedeck bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2026 © Imago/Bestimage/Jacovides Moreau

Nach Jahren, in denen der deutsche Film in Cannes eher durch Abwesenheit glänzte, scheinen die Kuratoren wieder Geschmack an deutschen Themen und Filmen zu finden. Über Valeska Grisebachs Wettbewerbsbeitrag berichten wir ebenfalls, aber auch in etlichen Nebenreihen finden sich deutsche Filme, darunter das neue Werk von Volker Schlöndorff, der zwar ebenso wie sein Regiekollege und Altersgenosse Wim Wenders in der Heimat oft nur noch belächelt wird, die aber eben immer noch die einzigen beiden Deutschen sind, die jemals die Goldene Palme gewinnen konnten. Und allein das macht Schlöndorff im kinoverrückten und traditionsbewussten Frankreich zum Cannes-Adel, der nun zum achten Mal an der Croisette eingeladen war. 

„Heimsuchung“: Schlöndorff hat sich einen deutschen Erfolgsroman vorgenommen

Natürlich erneut mit einer Literaturverfilmung, das Genre, in dem Schlöndorff seit Beginn seiner Karriere am liebsten und erfrolgreichsten arbeitete, angefangen bei seinem Debüt „Der junge Törless“, bis zu seinem Cannes- und Oscar-Gewinner „Die Blechtrommel.“ Nun hat sich Schlöndorff einen der deutschen Erfolgsromane der letzten Jahre vorgenommen, Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“, ein Generationen umspannendes Epos, das den auch internationalen Erfolg der Berliner Autorin begründete.

Ein Haus an einem See in Brandenburg ist in gewisser Weise die Hauptfigur eines Films, der in der Nazizeit beginnt und nach dem Fall der Mauer endet, von den Verwerfungen der deutschen Geschichte erzählt, anhand zahlreicher paradigmatischer Figuren. Der Architekt, die Schriftstellerin, der Journalist heißen einige der Figuren nur, Eigennamen tragen nur die wenigsten, gespielt werden sie von einem Staraufgebot deutscher Schauspieler: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Angela Winkler, und etliche mehr.

Sehr nah an der Vorlage entlang erzählt Schlöndorff, was auch bedeutet: episodisch. Wo in kaum zwei Stunden von gut 70 Jahren deutscher Geschichte erzählt werden soll, muss es Schlag auf Schlag gehen, Umbruch auf Umbruch folgen, Nazizeit, Krieg, die Russen, Wiederaufbau, Stillstand, Wende, Restitution von enteignetem Besitz: Zeit zum Innehalten bleibt kaum, Leerstellen werden immer wieder von einer Erzählstimme aus dem Off überbrückt, manchmal auch durch dokumentarische Aufnahmen, die dem Reigen den Anschein des Authentischen verleihen sollen.

Freundlicher Beifall in Cannes für eine gediegene Literaturverfilmung

Berührende Momente folgen auf banale, die meist in Moll klingende Musik sorgt für zusätzliche Bedeutungsschwere, die vielen Kinder für kleine Momente der Leichtigkeit.

Ja, die Geschichte des 20. Jahrhunderts, gerade die deutsche, war voller Brüche und Verwerfungen. Am Ende bleibt das, was man von Volker Schlöndorff seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten kennt: eine gediegene, sehr ernsthafte, aber auch konventionelle Literaturverfilmung, die das Premierenpublikum am Samstag Abend – auch Wim Wenders hatte sich die Ehre gegeben – mit freundlichem Beifall bedachte.

Heimsuchung D/F 2026; 118 Min.; R: Volker Schlöndorff; D: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff; Kinostart: Herbst 2026


Mehr zum Thema

„Mein Potenzial erscheint mir unerschöpflich“: Unser Interview mit Lars Eidinger lest ihr hier. Ein Epos, das der Welt eine Vision geben könnte: unsere Rezension zu „Palästina 36“ lest ihr hier. Kontroverses Märchen um den King of Pop: Hier lest ihr unsere Kritik zum Michael-Jackson-Biopic „Michael“ von Antoine Fuqua. Tarantino in Bestform:„Kill Bill: The Whole Bloody Affair“. Geschichte aus der Gruft: Hier besprechen wir „Lee Cronin’s The Mummy“. Er stiehlt die Show: Jude Law spielt Putin in „Der Magier im Kreml“. Ein Todesfall bringt eine überforderte Psychiaterin in „Paris Murder Mystery“ auf die Spur eines amüsant-absurden Krimiplots. In der Hauptrolle: Jodie Foster – wir haben sie interviewt. Sandra Hüller schickt Ryan Gosling ins All: „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist Sci-Fi-Mittelmaß. Der Letzte seiner Art in Berlin: Götz Valien malt Kinoplakate. Keine Lust mehr auf die Streaming-Riesen? Berliner Alternativen zu Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ und Co. Blick zurück aufs Kinojahr 2025: Die Lieblingsfilme der tipBerlin-Redaktion. Was läuft sonst? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Mehr aus der Filmwelt lest ihr in unserer Film-Rubrik.

Das könnte dich auch interessieren