„Hiddensee“: Insel der Freigeister

Hiddensee war schon immer mehr als ein idyllisches Urlaubsziel im Norden: einst DDR-Grenzgebiet, bis heute strikt autofreie Zone und Nacktbade-Paradies. Sehnsuchtsort und Mythos, Heimat und Zuflucht zugleich. Ein Treffpunkt für Andersdenkende und Aussteiger. Die letzte Rettung, vielleicht.
Einige der prominentesten ehemals auf der Ostseeinsel Gestrandeten zählt Annekatrin Hendel gleich zu Beginn ihres Films auf: Asta Nielsen, Mascha Kaléko, Thomas Mann, Sigmund Freud, Billy Wilder und viele andere – die Liste ist lang. Man kommt nicht vorbei an diesen Namen, wenn man wie Hendel die Insel und ihre Geschichte durchstreift. Aber es sind nicht vornehmlich die großen Künstler und Intellektuellen, die hier im Mittelpunkt stehen. Vielmehr lässt die gebürtige Ost-Berliner Regisseurin jene Menschen erzählen, die wie sie selbst in den 1980er-Jahren zum ersten Mal auf die Insel kamen, aus Neugier oder Freiheitsdrang. Leben und leben lassen, weiß Hendel aus eigener Erfahrung, hat dort wie nirgends sonst in der DDR funktioniert.
„Hiddensee:“ Zwischen Gegenwart und Vergangenheit
Nach ihrer erfrischend unvoreingenommen Dokumentation über den Fußballverein Union Berlin wirft die Regisseurin in „Hiddensee“ nun einen zutiefst persönlichen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart der Ostseeinsel. Gleichzeitig gelingt es ihr fast beiläufig, 100 Jahre deutsche Geschichte aufzurollen, komprimiert auf 17 Kilometer Heide, Dünen, Steilküste und Sandstrand. Nicht chronologisch, nicht neutral. Nicht ohne Längen, aber nie langweilig.
Immer wieder springt der Film zwischen dem Jetzt und dem, was war: Ein Fotoshooting der Modedesignerin Maren Lass, die ihre im Berliner Atelier genähten Entwürfe in einer ehemaligen Gärtnereibude in Kloster verkauft, bildet den Einstieg in eine liebevolle und bisweilen wilde filmische Collage aus alten Fotos, beschaulichen Landschaftsaufnahmen und aufschlussreichen Gesprächen – mal witzig, mal hitzig, mal intim. Rückblenden in die „Goldenen Zwanziger“ wechseln sich ab mit Reflexionen über die Nazi-Zeit, szenischen Impressionen des Hiddenseer Puppenspielers Karl Huck oder Besuchen im Gerhart-Hauptmann-Museum, einer beliebten Pilgerstätte für die unzähligen Tagestouristen.
Neben Hendels privaten Künstler-Freunden kommen zudem der ortsansässige Pastor sowie der umstrittene Bürgermeister zu Wort. Letzterer steht angesichts seiner kühnen Visionen in der Kritik bei denen, die um den besonderen Zauber des Ortes fürchten. So wird Kommunalpolitik auch auf und in „Hiddensee“ zum Thema – und sie spaltet das Inselvolk.