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Jodie Foster im Interview: „Frankreich ist so zivilisiert“

Jodie Foster ist seit ihrer Kindheit ein Star. Nun spielt sie in „Paris Murder Mystery“ eine Psycho­analytikerin in einer Fremdsprache
Text: Pamela Jahn
Veröffentlicht am: 26.03.2026
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Die Psychoanalyse klärt Geheimnisse auf. Da ist der Schritt zur Privatdetektivin nicht weit: Jodie Foster spielt Lilian Steiner in „Paris Murder Mystery“. Foto: Jérôme Prébois/George Lechaptois © Jérôme Prébois/George Lechaptois
Frau Foster, Ihre Figur im Film, die Psychoanalytikerin Lilian Steiner, ist zu Beginn mit sich selbst überfordert. Kennen Sie dieses Gefühl auch?

Unbedingt. Mein ganzes Leben drehte sich fast ausschließlich um mich, das war nicht immer leicht. Es ändert sich erst, wenn man selbst Kinder hat und plötzlich mitten in der Nacht aufwacht und sich fragt, ob der eigene Sohn einmal glücklich sein wird. Das hat meine Sichtweise geändert. Die nächste große Wandlung kam dann mit Mitte 50.

Was ist da passiert?

Ich spielte weniger und war irgendwie unglücklich, auch voller Selbstzweifel. Ich fragte mich, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, beziehungsweise ob ich es jemals war. Die Wechseljahre sind generell eine schwierige Übergangsphase für Frauen – besonders für Schauspielerinnen. Ich wusste, dass ich es erst gar nicht versuchen würde, mit meinem früheren Ich zu konkurrieren und so zu tun, als sei ich optisch noch in meinen Zwanzigern. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis mir all das nichts mehr ausmachte.

Was hat Ihnen dabei geholfen?

Ich habe begonnen, den Menschen um mich herum intensiv zuzuhören. Ich begann zu verstehen, wie ich anderen helfen kann, ihre Geschichten zu erzählen. Ich muss nicht immer die Hauptrolle spielen.

Ist „Paris Murder Mystery“ in der Hinsicht für Sie eine Ausnahme?

Ich war gerade für „True Detective“ auf Promo-Tour, als ich den ersten Entwurf von Rebecca Zlotowskis Drehbuch erhielt. Es hat mich nicht mehr losgelassen. Man liest immer seltener Geschichte mit einer von vornherein so gut durchdachten Struktur, in der es zudem verschiedene Bedeutungsebenen gibt. Ich bin nicht der Typ Schauspielerin, die sofort denkt: Oh, welche Rolle könnte ich hier spielen? Aber ich gebe zu, mal wieder einen Film auf Französisch zu drehen, hat mich in dem Fall schon auch besonders gereizt.

Im Herzen bin ich vielleicht eher eine Akademikerin

Jodie Foster
Zum letzten Mal Französisch gesprochen haben Sie in Jean-Pierre Jeunets „Mathilde – Eine große Liebe“ vor über 20 Jahren.

Ja, in einer kleinen Nebenrolle. Ich hatte schon lange nach einer neuen Gelegenheit gesucht, aber einfach nie das richtige Projekt gefunden, einschließlich des Regisseurs. Ich wollte nicht mit einem Newcomer arbeiten, weil ich Angst hatte, die Sprache nicht richtig hinzubekommen. Es musste jemand sein, bei dem ich mich zu hundert Prozent sicher fühlen konnte, noch mehr als bei jedem anderen Film.

Wie haben Sie den ersten Tag am Set erlebt?

Ich hatte wahnsinnige Angst. Mein Dialekt-Coach, mit der ich monatelang gearbeitet hatte, konnte bei den Dreharbeiten nicht dabei sein. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Aber dann schlug sie vor, mir ihre Tochter ans Set zu schicken, die zweisprachig aufgewachsen war. Das war perfekt, denn sie saß mir nicht ständig im Nacken, sondern hat mich gerade so viel unterstützt, wie es nötig war. Etwa, wenn sie das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmig klang oder die Grammatik falsch war. Ich bin auch eine schreckliche Perfektionistin und wollte nicht den kleinsten Fehler machen. Das ging dann so weit, dass wir in der Postproduktion zusätzlich ein paar Schimpfwörter auf Englisch einbauen mussten.

Fühlt sich Lilian als Figur, wenn Sie auf Französisch spielen, anders für Sie an?

Nein, die Figuren an sich sind ja immer schon da. Es liegt nur an mir, sie freizulegen. Die Sprache spielt dabei weniger eine Rolle als meine Intuition. Die beiden Fragen, die ich mir jedes Mal wieder stelle, lauten: Ist das wahr? Oder wirkt das falsch?

Sie haben „True Detective“ erwähnt. Auch Lilian, von Beruf Psychoanalytikerin, wird zu einer verdeckten Ermittlerin. Dahinter verbirgt sich ein Rollenmuster, das sich seit ihrem Erfolg als Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ wie ein roter Faden durch ihre Karriere zieht.

Ja, aber ich habe auch das Gefühl, dass es beim Geschichtenerzählen immer darum geht, dem Kern des Ganzen auf die Spur zu kommen, herauszufinden, warum dieses und jenes geschieht, und dabei immer auch ein Stück weit sich selbst einzubringen.

Sehen Sie Schauspielerei als eine Form der Psychoanalyse?

Beide Disziplinen gehen für mich Hand in Hand. Wenn man sich für Menschen interessiert und dafür, warum sie so sind, wie sie sind, kommt man um die Erforschung der Seele nicht herum. Andererseits hatte ich im College in Psychologie immer die schlechtesten Noten.

Warum?

Ich trenne die Dinge gerne klar voneinander. Ich mag die Theorie, und ich bin ein Gefühlsmensch. Beides zusammen zu denken, fällt mir schwer. Im Herzen bin ich wahrscheinlich eher eine Akademikerin. Intellektuell. Sachlich. Ich betrachte die Dinge sehr mathematisch. Gleichzeitig stecke ich seit meiner Kindheit in diesen merkwürdigen Job, in dem sich alles um die Darstellung und Wirkung von Emotionen dreht.

Wir haben mittlerweile komplett die Kontrolle über KI verloren

Jodie Foster
Wie schaffen Sie es, die beiden Seelen in Ihrer Brust miteinander zu vereinen?

Es gibt immer eine Intention und dann die Freiheit. Wir spielen ständig zwischen diesen beiden Polen. Ein Regisseur kommt mit seiner gesamten Vision ans Set. Er oder sie hat eine konkrete Vorstellung, wie alles sein soll. Aber dann heißt es „Action“, und man arbeitet mit echten Menschen zusammen. Plötzlich sieht alles nicht so aus wie im vorgezeichneten Storyboard. Man muss nicht nur damit klarkommen, sondern man muss offen sein für diesen Prozess und ihn auch genießen können. Sonst hat man in diesem Beruf nichts verloren.

Die Traumsequenzen in „Paris Murder Mystery“ wurden mit Hilfe von KI erstellt. Machen Sie sich als Schauspielerin und Regisseurin Sorgen um die Zukunft für Ihre Branche?

Ich habe Angst, wie fast jeder, der oder die im kreativen Bereich tätig ist. Und ich habe auch schon Filme darüber gedreht: „Black Mirror“ zum Beispiel, eine tolle Serie, für die ich eine Folge inszenieren durfte. Charlie Brooker, der Autor der Show, ist unglaublich klug. Seine gesamte Philosophie, die Idee, dass unsere schlimmsten Laster auf eine Black Box projiziert werden und diese sie uns einfach zurückspiegelt, fühlt sich für mich schon lange erschreckend real an. Das Problem ist, dass wir mittlerweile komplett die Kontrolle darüber verloren haben.

Die Psychoanalyse klärt Geheimnisse auf. Da ist der Schritt zur Privatdetektivin nicht weit: Jodie Foster spielt Lilian Steiner in „Paris Murder Mystery“. Foto: Jérôme Prébois/Les Films Velvet © Jérôme Prébois / Les Films Velvet
Daniel Auteuil spielt Lilians Ex-Mann. Auch er dreht seine eigenen Filme. Macht es die Arbeit vor der Kamera einfacher, wenn Sie wissen, wie es ist, dahinter zu stehen?

Ja, aber das ist meine persönliche Sichtweise. Ich habe jedoch auch Leute wie David Fincher gefragt und glaube, Regisseure sind grundsätzlich immer froh, wenn sie mit Schauspielern arbeiten, die auch selbst Regie führen, weil wir intuitiv spüren, wonach man als Filmemacher sucht.

Ihre Kollegin Rebecca Miller hat kürzlich eine faszinierende Doku-Serie über Martin Scorsese gedreht, den vielleicht wichtigsten Regisseur in Ihrem Leben.

Wie es der Zufall will, haben Rebecca und ich zusammen studiert. Wir waren im selben Jahrgang. Sie spricht übrigens besser Französisch als ich. Wir haben dieselben Kurse besucht, einmal sogar ein Seminar über Freud und Lacan.

Wie denken Sie an Ihre Anfangszeit mit Scorsese zurück, mit dem sie dann „Taxi Driver“ drehten, als Sie noch sehr jung waren?

Mit ihm zu arbeiten, war die größte Ehre meines Lebens. Ich war ja kaum neun oder zehn, als er mich für „Alice lebt hier nicht mehr“ castete. Davor hatte er gerade mal drei Langfilme gedreht.

Wussten Sie damals, wer er war?

Ich hatte mit meiner Mutter ein paar Mal „Mean Streets“ angeschaut, da war ich kaum acht Jahre alt. Aber ich erinnere mich noch daran, dass sie und ich eines Tages in der Schlange vor dem Arbeitsamt standen, wo man 50 Dollar pro Woche bekam. Und an dem Tag wartete ein anderer Schauspieler hinter uns, mit dem ich bereits gearbeitet hatte. Meine Mutter sagte zu ihm: „Hey, Jodie überlegt, mit diesem Typen Martin Scorsese zu arbeiten. Was hältst du von dem?“ Er meinte daraufhin, eine Chance, mit Scorsese zu arbeiten, sollte man nicht verpassen. Und recht hatte er!

Hat sich Ihre Erwartung, wieder einen Film auf Französisch zu drehen, mit „Paris Murder Mystery“ erfüllt?

Ganz ehrlich, es ging mir nicht nur um die Sprache, sondern auch darum, wieder einmal in Paris zu sein. Das Leben in Frankreich ist so unglaublich zivilisiert.

Was ist anders, wenn Sie in Amerika arbeiten?

Es ist das genaue Gegenteil. In Europa dreht man acht, neun Stunden am Tag. In den USA gibt es solche strikten Regelungen nicht. Von klein auf habe ich stets sechs Tage die Woche und bis zu zwölf Stunden am Stück gearbeitet. Jetzt sind es manchmal 14, 15, 16 Stunden. Wir machen nichts anderes. Stattdessen legt man in Europa großen Wert auf eine sogenannte Life-Work-Balance, das finde ich enorm wichtig. Während es für uns nur ums Arbeiten geht, damit man am Ende seine Krankenversicherung bezahlen kann.

Gibt es außer Rebecca Zlotowski noch andere Regisseur:innen außerhalb Hollywoods, mit denen Sie gerne zusammenarbeiten würden?

Er ist nicht der Einzige, aber: Steve McQueen („12 Years a Slave“). Und einige andere jüngere Leute. Mich begeistert eine ganz bestimmte Art des Filmemachens. Jetzt, wo die großen Studios nichts Interessantes mehr produzieren, sondern nur noch Marken­ware in Fortsetzungen, ist es spannend, all die neuen Regisseur:innen zu entdecken, die sich von der Seite her nach oben arbeiten, entweder im Streaming-Bereich oder in kleineren Filmen wie unserem. Davon sollte es in Zukunft wieder mehr geben.


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