Nach der Nouvelle Vague: Das Monumentalwerk „La Maman et la putain“ wieder im Kino

Alexandre ist kein Mann für eine Frau. Gerade stellt er noch einer Verflossenen nach, im nächsten Moment hält er seiner Freundin Marie Monologe. Als er dann noch im Café die selbstbewusste Veronika anspricht und eine Affäre mit ihr beginnt, ist das Chaos komplett. Über insgesamt 219 Minuten entwickelt Jean Eustache in seinem Monumentalwerk „Die Mama und die Hure“ von 1973 eine ménage à trois aus Alexandre, Marie und Veronika, die toxisch zu nennen wohl noch untertrieben ist. Zusammen mit Eustaches einzigem anderen Spielfilm, dem wehmütigen Jugendrückblick „Meine kleinen Liebenden“, bringt Grandfilm den Film wieder ins Kino, unter dem Label „Re:Visited“. Der erste Eintrag dieser Reihe war im April „Wanda“ von Barbara Loden, ein einzigartiges Stück New-Hollywood-Kino; auch Eustache hat eine Ausnahmeposition in seiner Zeit inne, folgten seine Filme doch auf die Nouvelle Vague, die französische Kinorevolution der 60er Jahre.
Jean Eustache erschuf ein anderes Kino als die Nouvelle Vague vor ihm
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern erzählt Eustache geradlinig, durchbricht nie die vierte Wand oder abstrahiert seine Szenen im Schnitt. Man ist in langen Dialogszenen schonungslos Zeuge von Alexandres Neurosen und Manipulation. Dreiecksbeziehungen und selbstverliebte Männer gab es in der Nouvelle Vague zuhauf, doch selten verzichteten die Werke so sehr auf formale Spielereien. Kontrastierte Agnés Varda in „Das Glück“ die Abgründe der Figuren mit dem gutbürgerlichen Milieu drumherum, sind hier die Schwarz-Weiß-Bilder stechend karg, so ungeschönt wie Alexandre selbst.
Sein Darsteller Jean-Pierre Léaud war ein Aushängeschild der Nouvelle Vague, spielte für Truffaut, Rivette und Godard – dessen Film „Die Chinesin“ könnte Alexandre entwachsen sein, ein narzisstischer Pseudointellektueller. Doch sein Spiel ist reifer, trauriger als noch in den 60ern, als treibe seine Figur nicht mehr jugendlicher Hochmut, sondern die Angst vor der tickenden Uhr. Auch „Meine kleinen Liebenden“ ironisiert seine Kindheitserinnerungen nicht, sondern bietet der passiven Traurigkeit des Protagonisten viel Raum. Das Schlussbild könnte das genaue Gegenstück zur berühmten letzten Einstellung aus „Sie küssten und sie schlugen ihn“ sein. Es ist, als gehe ein Kapitel Filmgeschichte zu Ende.