„Lebensansichten eines Huhns“: Ein Film aus der Vogelperspektive

Niemals mit Kindern oder Tieren drehen, denn sie sind unberechenbar. Diese goldene Regel hat der ungarische Regisseur György Pálfi für seinen erstaunlichen Film „Lebensansichten eines Huhns“ komplett ignoriert, sich das Leben sogar noch schwieriger gemacht, und vollständig auf Computereffekte verzichtet. Zum Glück, denn das Ergebnis ist spektakulär: Ein Film, aus der Perspektive eines Huhns erzählt, dessen Blick auf die Welt auch den der menschlichen Zuschauer:innen ändert.
Am Anfang schlüpft ein Küken aus einem Ei, inmitten einer Legebatterie der industrialisierten Tierhaltung. Zum Glück hat das Küken ein schwarzes Gefieder, bleibt somit leicht identifizierbar. Sein Leben soll bald im Kochtopf enden, doch bei einem Autostopp des Fahrers hüpft das Huhn aus dem Fenster und macht sich auf den Weg. Es landet in einem abgelegenen Haus, irgendwo an der griechischen Küste.
„Lebensansichten eines Huhns“: Hennen als Flüchtlingsmetapher?
Hier lebt ein älterer Mann (Ioannis Kokiasmenos), zusammen mit seiner Tochter und deren Partner, der kriminelle Geschäfte betreibt. Wenn es um Schmuggel von Zigaretten geht, schaut der Mann noch weg, doch bald landen auch Migranten in der Scheune, die übers Mittelmeer nach Europa kamen, die ebenso eine Heimat suchen wie das Huhn.
Das lebt nun in einem Käfig, verguckt sich zu Klängen von Ravels Bolero in einen feschen Hahn, doch aus dem Kinderwunsch wird nichts: Jeden Morgen kommt der Mann, nimmt dem Huhn das Ei weg und schlägt es in die Pfanne. All das zeigt Pálfi aus Hühnerperspektive und arbeitet dabei mit acht Hennen mit unterschiedlichen „schauspielerischen“ Fähigkeiten: Manche konnten gut rennen oder picken, andere überzeugten bei Nahaufnahmen. Mit suggestiven Schnitten, angelehnt an Montage-Experimente im Sowjetkino, inszeniert Pálfi die Henne wie eine ganz normale Hauptdarstellerin, lässt sie die Welt wahrnehmen und auf unerwartete Weise in das Schicksal der Menschen eingreifen.
Ob er bei den angedeuteten Parallelen zwischen Huhn und Flüchtlingen zu weit geht, mag man sich fragen, ob das Schicksal der Henne, gefangen zu sein, tatsächlich mit dem von Migranten vergleichbar ist, die von Schmugglern ausgebeutet werden. Im Sinne einer ethischen Haltung, die allem Leben in der Natur einen Wert zumisst, sicherlich durchaus. Wenn man nach den „Lebensansichten eines Huhns“ also demnächst mal wieder essen geht, könnte man beim Bestellen erst recht überlegen, ob man statt Huhn nicht lieber Fleischersatz bestellt.