Klassiker in neuer Deutung: „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ mit Grégory Gadebois

Der Regisseur und Drehbuchautor Eric Besnard ist im derzeitigen französischen Kino eine heiße Aktie. Mit „Die einfachen Dinge“ traf er 2023 einen Nerv und fand einen interessanten Mittelweg zwischen einer Gegenwart voller digitaler Abhängigkeiten und dem Versprechen eines vermeintlich unberührten Lebens auf dem Land. Mit „Louise und die Schule der Freiheit“ erzählte er von einer Lehrerin, die in ein Dorf voller archaischer Traditionen im 19. Jahrhundert die Werte der Revolution und der Republik bringen wollte. Besnard machte nebenbei auch den Schauspieler Grégory Gadebois zu einem Star, und zur Feier des gemeinsamen Erfolgs gibt es nun einen weiteren historischen Film, der sich mit einer der bekanntesten Figuren der Weltliteratur beschäftigt: Gadebois spielt Jean Valjean in „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“, nach dem Roman von Victor Hugo, der dutzendfach für das Kino aufbereitet wurde.

Im Vergleich zu den oft opulenten Adaptionen, in denen „Die Elenden“ meist mit viel historischem Dekor und mit Massenszenen zu sehen waren, geht es hier beinahe bescheiden zu. Jean Valjean wird nach neunzehn Jahren Haft entlassen, und hat nun keinerlei Perspektive. Auf der Suche nach Obdach und Hilfe kommt er in ein Dorf, wo er zuerst mehrfach demütigt wird, dann aber weist ihm jemand den Weg zu einem Haushalt, in dem er gastfreundlich empfangen wird: Ein Mann mit dem sprechenden Namen Bienvenu („Willkommen“) lebt mit seiner Schwester Baptistine und der Haushälterin Madame Magloire in stiller Abgeschiedenheit. Die Nacht, die Valjean im Haus Bienvenu verbringt, gibt Gelegenheit, einerseits die Geschichte dieses „Armseligen“ noch einmal zu erzählen – seine erste Verhaftung, nachdem er nur einen Laib Brot entwendet hat, seine Fron als Steinarbeiter, die Verhärtung seines Hasses, der ihn schließlich zu einem „bösen“ Menschen werden lässt. Andererseits beginnt in diesen Momenten auch schon eine Therapie der Verhärtungen, die Valjean potentiell zu einem Mörder werden lassen – der sich mit dem wertvollen Silber der Bienvenus aus dem Staub machen könnte.
„Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ gibt sich als philosophierendes und räsonnierendes Drama, das nebenbei mit herrlichen französischen Landschaften zu punkten versucht. Neben den Kostümfilmen, die man mit dem Stoff meistens assoziiert, präsentiert Eric Besnard deutlich eine Perspektive, die einen Klassiker ein wenig gegen den Strich zu bürsten versucht. Als eine Studie über Ressentiment und Barmherzigkeit ist der Film aber letztlich theoretisch ein wenig überfrachtet, erzählerisch hingegen ziemlich spröde. Es spricht einiges dafür, dass dieser Jean Valjean nicht ganz so populär wird wie viele seiner Vorgänger.
Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean (Les Misérables) F 2026; 99 Min.; R: Eric Besnard; D: Grégroy Gadebois, Bernard Campa, Alexandra Lamy; Kinostart: 2.4.
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