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In der Nostalgie-Falle

Die ARD-Dokumentation „Love is Stronger“ versucht sich daran, Loveparade und die Nachfolger-Demo „Rave The Planet” als eine musikalische Bewegung darzustellen. Aber wurden die 1990er nicht schon genug ausgeschlachtet?
Text: Maximilian Hossner
Veröffentlicht am: 07.08.2026
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Dr. Motte und seine Lebensgefährtin Ellen Doesch-Roeingh in ihrem – wie wir vermuten – 80er-Jahre-Party-Keller © Foto: Tomasz Tworek

Halbnackte Körper, wohin das Auge reicht, wackelnde, von Menschen besetzte Laternen, mit Wasserpistolen spritzende Polizisten, ein vibrierender Strom, der durch den Tiergarten zieht: Die Bilder von der Loveparade, die von Berlin aus in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren in die Welt hinaus strahlten, haben sich fest in das kollektive Kulturgedächtnis der Nation eingebrannt. Der Love Parade ist es zu verdanken, dass Acid House, der sich dann zum Techno entwickelte, aus den muffigen Clubs heraus zu einer ganzen Mode- und Mainstreamkultur heranreifte. Und auch das internationale Ansehen der Bundesrepublik profitierte davon, wurde schließlich das Sepia der stocksteifen Schlager- und Disco-Nation nun von dem Polaroid einer ravenden, kosmopolitischen Gesellschaft überlagert.

Die Loveparade machte den Techno in Deutschland mainstreamtauglich und entwickelte sich in rasantem Tempo von einer musikalischen Demonstration zu einem millionenschweren Marketingevent, an dem es schließlich mit dem Umzug nach Duisburg und der Massenpanik zerbrach.

Ist Rave The Planet die Tribute-Show einer vergangenen Zeit?

Für die jüngere Generation, die von der Loveparade vielleicht noch nie was gehört hat, mag „Rave The Planet“, der 2022 ins Leben gerufene Loveparade-Nachfolger, geläufiger klingen. Oder auch nicht. Seit Jahren sind die Meinungen dazu gespalten. Während einige dankbar sind, wieder oder endlich selbst mal an einem großen Technoumzug durch Berlin teilzunehmen, empfinden andere „Rave The Planet“ als Tribute-Show einer vergangenen Zeit. Für den Mitgründer der Loveparade, Dr. Motte, bürgerlich Matthias Roeingh, der auch die Neuauflage mitorganisiert hat, sind diese Partys sein Lebenswerk.

Genau hier setzt der neue Dokumentarfilm „Love is Stronger“ an, den das Filmstudio Beetz Brothers im Auftrag von ARD Kultur, WDR, SWR und rbb produziert hat: Der nach dem Motto der 2024er-Ausgabe von „Rave the Planet“ benannte Film will Loveparade und Nachfolger-Rave zu einem Portrait über Technokultur und all ihren Widrigkeiten zusammenführen.

„Love is Stronger“ mit Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh

Als zentrale Protagonist:innen dienen dabei Dr. Motte und seine Lebensgefährtin Ellen Dosch-Roeingh, die als Kreativdirektorin die „Rave The Planet“-Parade mitorganisiert. Der Film beginnt im Winter 2022, mit den ersten Planungstreffen von Dosch-Roeingh und Dr. Motte. Schnell verortet der Film die Planung in die Gegenwart, mit der sterbenden Clubkultur, den schwindenden Räumen. Es braucht, so ist wird spätestens bei dem Auftritt des DJs auf einem Panel zum Erhalt des Nachtlebens deutlich, mehr denn je ein clubpolitisches Ausrufezeichen.

Frische Perspektiven von Danielle de Picciotto

Parallel startet dazu eine zweite Erzählebene, die den gesamten Entstehungsprozess der Loveparade in den Blick nimmt. Hier geben besonders die O-Töne von Mitgründerin Danielle de Picciotto den altbekannten Loveparade-Narrativen eine frische Perspektive. Wie die Parade am Ku’damm startete, wie sie binnen weniger Jahre von 50 auf eine Million Menschen anwuchs, das kennt man zur Genüge. Erst 2020 veröffentlichte der rbb eine umfangreiche Dokumentation zur Geschichte. Dass vielleicht aber die Frauen der 1990er, wie de Picciotto, wenig für ihren Beitrag zur Clubkultur gewürdigt wurden, und wie früh sich die Loveparade schon von ihrem politischen Ursprungsgedanken entfernte, dass erfährt man über de Picciotto. Sie fungiert auch als Gegenstimme zu der Rave-The-Planet-Euphorie.

Während aber die Bilder der Loveparade mit den Jahren immer eindrucksvoller werden, man erinnere sich an die Menschenmassen um die Siegessäule herum, an die kreisenden MTV-Helikopter, fehlt es dem Erzählblock von „Rave The Planet“ an Spannung.

rbb Fernsehen LOVE IS STRONGER - VON LOVEPARADE ZU RAVE THE PLANET, am Mittwoch (12.08.26) um 22:15 Uhr.
Die Doku zeichnet die Geschichte der Love Parade und ihrer Gründer*innen nach: von ihren Anfängen Ende der 1980er-Jahre über den Höhepunkt in den 1990ern, die zunehmende Kommerzialisierung bis hin zum tragischen Unglück von Duisburg, das das Ende der Love Parade markierte. - KeyVisual, Love is Stronger
© rbb/Fritz Gnad, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter rbb-Sendung bei Nennung
„Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave the Planet“ ist am 12. August 2026 im rbb zu sehen © Foto: rbb/Fritz Gnad

Dass die Fahrzeughöhe einiger Floats noch nicht regelkonform ist und nachjustiert werden muss, kurz bevor die ersten Wagen losrollen sollen, bildet auch mit dunklen Filmscores noch keine Geschichte. Dass Dr. Motte auf der zweiten Ausgabe des Umzugs einen Sticker eines querdenkernahen Festivals hochhält, den er, wie er sagt, verwechselt habe, ist erzwungenes Drama. An vermeintliche Shitstorms wie diese kann sich mittlerweile niemand erinnern. Und auch die Szenen tänzelnder Handbewegungen einiger Raver, die in Zeitlupe abgespielt wie ein Festival-Aftermovie aussehen, schaffen keine Gänsehaut. Was Gänsehaut schafft, sind, nun ja, die Szenen der alten Loveparade.

Vielleicht ist es unfair, die beiden Handlungsstränge gegeneinander auszuspielen. Bei einer fast ähnlichen zeitlichen Gewichtung aber muss man sich fragen, welchen dokumentarischen Mehrwert es gebracht hat, so lange die Rave the Planet-Organisatoren zu begleiten, außer, dass ein paar schöne Bilder vor dem Brandenburger Tor entstehen. Das große Portrait über den Berliner Techno von damals bis heute kann diese Dokumentation jedenfalls nicht leisten.

Dafür hätte sie sich als Biografie über Dr. Motte deutlich besser gemacht. Denn trotzdem bleibt man gerne bis zum Ende dran – das liegt nicht nur an der 1990er-Nostalgie, sondern an Interviews mit Weggefährten wie de Picciotto, Dr. Mottes Ex-Freundin Heike Mühlhaus und dem wunderbar charismatisch-fotogenen Maximilian Lenz alias DJ Westbam. So entsteht zumindest ein recht liebevolles Bild von einem der wichtigsten Figuren der deutschen Technoszene und seinen Mitmenschen.

Love is Stronger ARD Mediathek, 90 Min.


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