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Kontroverses Pop-Märchen: „Michael“ von Antoine Fuqua

Das Michael-Jackson-Biopic ist ein mit Effekten und Emotionen aufgeladener Durchmarsch von der Armut in der Provinz bis zum Starruhm. Dass der Film es nicht allen recht machen wird, dass er es nie wollte und vielleicht auch gar nicht kann, war vorprogrammiert.
Text: Jacek Slaski
Veröffentlicht am: 21.04.2026
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Jaafar Jackson als Michael Jackson in "Michael". Foto: Glen Wilson
In „Michael“ spielt Jaafar Jackson die Hauptrolle. © Foto: Glen Wilson

Schon lange vor der Premiere brodelten die sozialen Medien. Auf der einen Seite versammelten sich die kritischen Stimmen – es ging um jene Vorwürfe, die in Dan Reeds Dokumentation „Leaving Neverland“ (2019) erhoben wurden. Der zweiteilige Film behandelt Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson, die von Wade Robson und James Safechuck erhoben wurden, die als Kinder Zeit auf seinem Anwesen verbrachten. Jackson wird darin als ein „monströses Genie“ dargestellt; nichts davon findet sich nun in dem neuen Film wieder. Dies bringt aber erneut die aufgebrachten Fans auf die Palme – die Gegenseite, die entweder die Vorwürfe negiert oder verharmlost und das Werk des King of Pop nicht überschattet sehen will.

Antoine Fuquas „Michael“: Zur Kontroverse verdammt

So ist Antoine Fuquas „Michael“ von Beginn an dazu verdammt, kontrovers zu sein. Durch diesen Zwiespalt lässt sich der Film aus verschiedenen Perspektiven betrachten; ja, er ist von Kontroversen umgeben, er hat aber auch einen universellen, geradezu märchenhaften Charakter und erzählt eine uramerikanische Geschichte von Aufstieg, Emanzipation und künstlerischer Selbstverwirklichung.

Da wäre zuerst das Märchen: die Geschichte des kleinen afroamerikanischen Jungen, der in Gary, Indiana aufwächst, zwischen vielen Geschwistern, einer liebevollen, aber schwachen Mutter und einem tyrannischen Übervater. Dieser Vater, den Michael den gesamten Film lang nur „Joseph“ nennen wird, drängt, zwingt und prügelt seine fünf Söhne zum Erfolg. Seine martialischen und traumatisierenden Erziehungsmethoden geben ihm leider recht, und die Jackson 5 steigen zum ersten Ruhm auf. Dieser Aufstieg verstört Michael, den jüngsten und erfolgreichsten der Brüderband. Isoliert von seinen Altersgenossen verliert er sich in einer Traumwelt, die ihn zu noch mehr Erfolg und noch mehr Isolation führen soll – bis zum Weltruhm mit seinen Hitalben „Thriller“ und „Bad“, mit denen er bis heute die meisten Rekorde der Popgeschichte hält.

Es ist die alte Story vom Tellerwäscher zum Millionär, hier mit einem überambitionierten Vater und einem Wunderkind in den Schlüsselrollen. Fuqua lässt die großen Momente wie an einer Perlenschnur aufgereiht aufeinanderfolgen: Proben, Prügelstrafe, Pop-Olymp. Dazwischen ein neues Haus, exotische Tiere, die sich der immer exzentrischer werdende Michael anschafft, bis hin zu einem seltsam befremdlichen Computeraffen – dem digitalen Ebenbild von Jacksons legendärem Schimpansen „Bubbles“. Jacksons Leben ist seit seiner Kindheit perfekt dokumentiert, jede Phase ausgeleuchtet und gefilmt; die Anekdoten und Ereignisse, die Fuqua als tragendes Gerüst für seine Filmbiografie verwendet, bieten daher wenig Neuigkeitswert. Er dreht die berühmten Auftritte nach – etwa beim 25. Geburtstag des einstigen Jackson-5-Labels Motown, als der nun erwachsene Star erstmals den Moonwalk präsentiert. Man taucht in die Produktion des legendären Musikvideos zu „Thriller“ ein, in dem Michael als Zombie mit roter Lederjacke tanzt, oder zu den Aufnahmen für einen Pepsi-Spot, bei dem er sich lebensgefährlich verletzt.

Jaafar Jackson verkörpert seinen Onkel mehr als überzeugend

Diese Bilder bekommen einen visuellen Kontext; Michael tritt quasi aus der bislang festgelegten Rolle heraus – man sieht ihn backstage verzweifeln, spürt seine Einsamkeit, fühlt seinen Wunsch, die Welt zu heilen nach, man sieht ihn knallhart verhandeln und von jeglichen Bedenken befreit seinen Weg gehen. Wenig bis nichts davon war unbekannt, doch in dieser extrem aufwendigen, musik- und effektgeladenen, wunderbar ausgestatteten und gut gecasteten Produktion – allen voran mit Jaafar Jackson, dem Sohn von Michaels Bruder Jermaine Jackson, der seinen Onkel mehr als überzeugend verkörpert – sind diese Pop-Sternstunden hübsch anzusehen.

Der Weg zum Ruhm: The Jackson 5 proben im Wohnzimmer. Foto: Glen Wilson
Der Weg zum Ruhm: The Jackson 5 proben im Wohnzimmer. Foto: Glen Wilson/Courtesy of Lionsgate

Doch jenseits der eingangs erwähnten Kontroverse um die vollständig fehlenden Vorwürfe hat der Film ein zweites, schwerwiegendes Problem. Er ist ein gigantischer Werbespot für das Michael Jackson Estate, die milliardenschwere Körperschaft, die sich seit dem Tod Jacksons im August 2009 um dessen irdischen Nachlass kümmert. Ein glattgebügeltes Narrativ, das nur so viel Drama und Abgrund zulässt, wie es eben nötig ist, um nicht komplett unglaubwürdig zu werden. Die Kontrolle des Michael-Images steht stets im Vordergrund. So ist die weitere männliche Hauptfigur des Films, neben dem Vater und dem sympathischen Leibwächter und Michael-Vertrauten Bill Bray, der smarte Anwalt und Manager John Branca, gespielt von Miles Teller, der Jackson zur Lösung vom übermächtigen Vater und zum Weltruhm als Solostar verhilft. Branca ist – neben einem großen Teil der Jackson-Familie – nicht zufällig Produzent des Films, und Michael Jackson ist bis heute der erfolgreichste verstorbene Musiker, dessen Werk jedes Jahr Dutzende, wenn nicht Hunderte Millionen Dollar einspielt. Bei Michael Jackson geht es immer auch um das ganz große Geld.

Interessant für die Handlung ist der geschäftliche Aspekt, der anfangs in den Händen des Vaters liegt, der als Manager der Jackson 5 die finanziellen Entscheidungen trifft, auch in anderer Hinsicht. Joseph hält sich – zwar diktatorisch und in wichtigtuerischer Manier, aber aus tiefer Überzeugung – an die legendären Afroamerikaner im Business: an den Motown-Chef Berry Gordy oder den Box-Promoter Don King. In diesem emanzipierten Gefüge der Black Excellence verortet er die Jackson-Marke. Michael hingegen, der sich von ihm privat wie auch geschäftlich abwendet, sucht die Nähe zur weißen Musikwelt, zum White Establishment, das sich in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren noch wenig Mühe gab, seinen Rassismus zu kaschieren. Der Deal mit dem Plattenlabel CBS und sein neuer Manager, der besagte John Branca, brachten ihn als ersten afroamerikanischen Künstler überhaupt ins Programm des damals extrem einflussreichen Musiksenders MTV. Damit bleibt die Rolle Michael Jacksons als wegweisender und türöffnender Anwalt für die Sache der Afroamerikaner – nicht nur im Showbusiness – zementiert. Und doch ist es der weiße Branca, der bis heute die Geschicke des milliardenschweren Jackson Estate leitet; eine Tatsache, die Joseph Jackson mehr als geärgert haben muss.

„Michael“ lässt sich auch einfach als Popcorn-Kino sehen

Antoine Fuquas „Michael“ lässt sich sicherlich auch ohne diesen Kontext sehen, ohne die Intrigen, Hintergründe und Unterlassungen, einfach nur als unterhaltsames Popcorn-Kino. Und warum auch nicht? Jacksons Musik ist Unterhaltung pur – sie funktioniert auch bei der nachwachsenden Generation, die ganz selbstverständlich seine 40 und mehr Jahre alten Hits kennt und streamt. Doch seine enorme Bedeutung und die problematischen Umstände seines Lebens und Wirkens machen es eben doch schwer, den Film unvoreingenommen anzunehmen. Dafür spricht auch die völlige Abwesenheit seiner Schwester Janet, der zweitberühmtesten Vertreterin der Jackson-Familie, die ihre Teilnahme an dem Biopic verweigerte. In einem Fernsehinterview verkündete Jaafar Jackson jedoch kürzlich, seiner Großmutter Katherine – der demnächst 96-jährigen Matriarchin des Clans und Michaels Mutter – habe der Film sehr gefallen. Man kann es so sehen oder so.

Michael USA 2025. Regie: Antoine Fuqua. Drehbuch: John Logan. Mit: Jaafar Jackson, Miles Teller, Nia Long, Colman Domingo, Kinostart: 22.4.2026


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