Kommentar: Warum zeigt das Kino Babylon Mitte einen prorussischen Propagandafilm?

Am 26. September 2022 kam es in der Ostsee östlich der Insel Bornholm zu Explosionen unter Wasser, die schnell als Anschläge auf die Rohstoff-Pipelines Nord Stream 1 und 2 erkannt wurden – beide Pipelines dienten der Versorgung der Bundesrepublik mit Erdgas aus der Russischen Föderation. In der Darstellung der Bundesstaatsanwaltschaft gilt der Vorgang inzwischen als aufgeklärt, im August 2025 wurde ein ukrainischer Hauptverdächtiger in Italien festgenommen. Weiterhin kursieren aber auch andere Versionen zum Tathergang. Eine der bis dato elaboriertesten kann man einem Film entnehmen, der dieser Tage mehrfach im Kino Babylon Mitte gezeigt wurde und auch noch weitere Male auf dem Programm steht: „Nord Stream – Die Sprengung“ entpuppt sich dabei als lupenreiner prorussischer Propagandafilm, der sein Ziel gleich in den ersten Minuten deutlich offenlegt – eine Rückkehr zu den deutsch-russischen Energiebeziehungen, die in der Folge der versuchten Vollinvasion der Ukraine durch Russland seit dem Februar 2022 sukzessive aufgekündigt wurden.
„Nord Stream – Die Sprengung“: Ausverkaufte Vorstellung Anfang Juli
Bei einer Vorstellung Anfang Juli war der große Saal des Babylon ausverkauft. Das Publikum bekam eine detailreiche Version der geläufigen Verschwörungstheorie, die nicht nur hinter der Sprengung von Nord Stream, sondern mehr oder weniger hinter allen politischen Vorgängen der letzten Jahrzehnte die USA sehen will. Die USA betreiben gegen Deutschland eine Kampagne, die zur Deindustralisierung des Landes führen soll, die wiederum nur durch Rohstofflieferungen aus Russland aufgehalten werden kann.
Historisch wird ein großer Bogen gespannt, der bei der Berlin-Bagdad-Eisenbahn vor hundert Jahren beginnt, und gegen das translatlantische Deutschland ein eurasisches setzen soll. Im Hintergrund operiert der Film bei diesem historischen Kontext auch mit antisemitischen Codes, denn das eurasische Deutschland ist in der Logik des Films auch als Gegenmacht gegen die Wall Street gedacht, wie man beispielsweise an der Kriegspolitik Hitlers oder bei dem reaktionären Denker Carl Schmitt („Land und Meer“) sehen kann.
Wie bei allen verschwörungstheoretischen Szenarien operiert auch der Film „Nord Stream – Die Sprengung“ mit vielen Details, die unwiderlegbar sind, und die erst durch den Kontext und vor allem durch eine suggerierte Eindeutigkeit der Zusammenhänge falsch werden. Im Ergebnis wird Russland zu einem ohnmächtigen Subjekt, das zum Krieg gegen die Ukraine mehr oder weniger genötigt wurde. Und Deutschland, das mit seinen Energieinteressen und seiner wirtschaftlich schwierigen Lage ja tatsächlich in einer prekären Konstellation ist, wird zum ohnmächtigen Vasallen der „privilegierten“ und ihre Privilegien mit allen Mitteln sichernden USA. „Nord Stream – Die Sprengung“ stellt dabei sogar das Szenario in den Raum, dass in absehbarer Zeit junge deutsche Wehrpflichtige zum Kriegseinsatz in der Ukraine verpflichtet werden könnten.
Das Kino Babylon verweist auf die Verantwortung der Mieter
Auf Anfrage ließ das Kino Babylon verlauten, dass der Film in alleiniger Verantwortung des Magazins „Hintergrund“ gezeigt wird – mit weiteren Terminen am 22.7. und am 5. August. Das Magazin tritt demnach als Mieter auf, das Babylon habe mit der Sache nichts zu tun. In den Aussendungen des Kinos wird der Film allerdings beworben, als gehöre er zum normalen Programm – einem unbefangenen Publikum wird der Unterschied, dass es sich um eine externe Veranstaltung handelt, nicht deutlich auffallen. Timothy Grossman, Leiter des Babylon Mitte, ließ auf Anfrage unbeantwortet, ob er den Film geprüft hat, bevor er die Vereinbarung mit dem Magazin „Hintergrund“ einging, das zu den typischen Publikationen einer Gegenöffentlichkeit gegen eine vorgebliche „Gleichschaltung“ der bundesdeutschen Medien gehört. Auch zu finanziellen Details (wieviel verdient das Babylon an den Vorstellungen?) wollte er sich nicht äußern.
Grossman verwies in seiner Antwort nur auf das Statut des Babylon Kinos Mitte, das unter anderem auch „AfD-Inhalte“ ausschließt. Zu „Nord Stream – Die Sprengung“ kann man nur sagen, dass es sich um Inhalte handelt, die im aktuellen Parteienspektrum sehr deutlich mit der AfD assoziierbar sind, die allerdings auch vom Bündnis Sarah Wagenknecht und von Teilen der Linkspartei geteilt werden.
Insgesamt muss man die Sache beim Namen nennen: „Nord Stream – Die Sprengung“ wirkt wie ein Teil der hybriden Kriegsführung Russlands. Ob ein kommunales Kino, das vom Senat aktuell (2026) mit 584.000 Euro unterstützt wird, dafür seine Räume öffnen soll, und sei es auch nur als vorgeblich unbeteiligter Vermieter, muss die Politik klären.