Für Philipp Fussenegger ist das KitKat ein Ort der Utopie

Philipp Fussenegger kommt mehr oder weniger direkt vom Kitesurfen in Ostafrika zum Gespräch mit dem tipBerlin. Gut, ein paar längere Stunden Flug lagen auch noch dazwischen, doch nun ist er wieder da. Wir treffen uns bei einem Nepalesen in der Rykestraße, wo er um die Ecke wohnt. Während er seinen Hunger stillt, erzählt er von seinem neuen Film: „KitKatClub – Kinks of Berlin“. Ein Dokumentarfilm über den zweitberühmtesten Club der Stadt. Oder vielleicht doch den berühmtesten? Anders als ins Berghain, wo man auch Sex haben kann, geht man in den KitKatClub in erster Linie, um Sex zu haben. Und zwar im Sinne einer „utopischen Idee“, so sieht Fussenegger es. Als er 2015 nach Berlin kam, wurde der KitKatClub mehr oder weniger sofort zu seinem Wohnzimmer, wie er sagt. Er hatte davor in Köln studiert, er war angehender Filmemacher, nun fand er sich in einer Welt wieder, in der die Freiheit exzessiv ausgelebt wird. Berlin ist für ihn auch bis heute die „capital city of the free world. Definitiv.“
Während der Pandemie entstand die Idee, über den Club einen Film zu machen. Fussenegger hat an Corona nur gute Erinnerungen: „Wir haben Orgien gefeiert daheim, und ich habe viel gearbeitet.“ 2021 wurde „I Am the Tigress“ fertig, ein Film über eine amerikanische Bodybuilderin und über eine ganze Kultur der Arbeit am eigenen Körper. Wer in den KitKatClub geht, greift sich auch nicht einfach ein T-Shirt und schlüpft in Latschen. Die ausführliche Vorbereitung des Auftritts gehört zum Ritual und wird von Fussenegger in seinem Film auch gewürdigt. Er hat eine Reihe von Menschen vor die Kamera geholt, die er kennt, und die teilweise zu den Stars des sexpositiven Nachtlebens gehören. Mit diesen Menschen hat er auch nach privateren Momenten gesucht. Und so bekommt man in „KitKatClub – Kinks of Berlin“ einen guten Eindruck davon, was diese Utopie ausmacht.
„KitKatClub“: Kink-Doku mit Bildungsauftrag

Fussenegger hat den Film in Schwarz-Weiß gedreht. Dadurch kommt eine gewisse Distanz ins Spiel, die Gefahr eines touristischen Voyeurismus wird gebrochen: „Es sollte etwas offen bleiben.“ Er ist aber ohnehin viel zu gut verwurzelt in der Szene, als dass er sich wie ein Außenseiter dazwischendrängen hätte müssen. So kann er auch Dinge ansprechen, die aus der Utopie manchmal wieder in den Alltag zurückholen. „Probleme, die es in der Gesellschaft gibt, gibt es auch drinnen, also zum Beispiel Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch.“ Oder das natürlich allgegenwärtige Thema Drogen. Einmal verwendet er sogar das Wort „Bildungsauftrag“, wohl wissend, dass „KitKatClub – Kinks of Berlin“ ein Publikum finden wird, das in vielen Fällen „es nie in den Club schaffen wird“ – oder dies auch gar nicht versucht.
Philipp Fussenegger war mit seiner Mutter im Berghain
Durch „I am the Tigress“ war Fussenegger in Kontakt mit Peaches gekommen, über die er dann 2024 die Doku „Teaches of Peaches“ herausbrachte. Mit der großen Sängerin des transgressiven Berlin verbindet ihn auch eine persönliche Erinnerung: „Als ich das erste Mal Sex mit einem Mann hatte, lief dazu Peaches.“ Fussenegger versteht und erlebt sich als bi, seit seiner Kindheit im westösterreichischen Vorarlberg hat er seinen Erfahrungsraum immer mehr erweitert, zugleich immer darauf geachtet, dass seine Mutter versteht, was in seinem Leben geschieht. Einmal war er sogar mit ihr im Berghain.
Nach „KitKatClub – Kinks of Berlin“ arbeitet er nun an einem Drehbuch für einen Spielfilm, in dem es um einen Menschen mit einem Care-Roboter gehen soll. Kein unbekanntes Terrain, schließlich hat er während der Pandemie das Cybrothel eröffnet, das nach wie vor läuft, und das Sex mit Performance und Apparaten verbindet. „Ich bin vielleicht ein wenig früh dran“, sagt er, und ist fest davon überzeugt, mit dieser Idee auch als Geschäftsmann reüssieren zu können. Utopien sind das eine, aber Fussenegger ist auch Filmproduzent, und dafür braucht es Geld. Es sieht aber alles danach aus, als stünde ihm gerade die Welt offen.