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„Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“: Der Erste wird der Letzte sein

Zeitgleich mit dem Fall der Mauer erschütterte ein Serien­mörder Brandenburg. Die ARD-Serie „Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“ beleuchtet die Folgen der Taten bis heute
Text: Marie Ladstätter
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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„Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“: In der Region Potsdam-Mittelmark hält sich in der Wendezeit der Serienmörder „Rosa Riese“ manchmal tagelang im Wald auf. Foto: SWR/Kinescope Film/Henning Wirtz 

Auf einmal ist da ein Bruch. So erzählen es die Opfer von damals. Wenn vor der eigenen Haustür jemand umgebracht wird, verändert das alles. Manfred Apel, Anni Apel, Christiane Ziehl, Ingeborg Ebel, Antje Ebel und Gundula Wollanky heißen neben vielen anderen die Leidtragenden dieser Geschichte. Sie haben den Fall um den Rosa Riesen im Brandenburg der Nachwendezeit miterlebt.

Auch Kriminalbuchautorin Sophie Sumburane (39) kommt aus der Gegend. Zwei Jahre vor dem Mauerfall wird sie in Potsdam geboren, wo sie immer noch lebt. Über den Kriminalfall mit dem grotesken Titel erfährt sie sehr viel später.

Am 24. Oktober 1989 findet Klaus Ebel eine tote Frau: Edeltraut N. (51), Verkäuferin im Dorf-Konsum. Sie liegt vor dem eigenen Garten in eine Decke gehüllt. Sofort eilt er zu seinem Freund Manfred Apel, der in derselben Bungalow-Siedlung in Deetz im Landkreis Potsdam-Mittelmark lebt. „Der hat sich getraut, den Puls zu fühlen. Aber da war kein Leben mehr“, erinnert sich Apel heute. „Ich hatte eine Stunde zuvor noch mit ihr gesprochen.“ Nach und nach erlebt Sophie Sumburane dieselben Reaktionen, als wäre es gestern gewesen: betroffenes Schweigen, Fassungslosigkeit. Die Polizei stellt damals massive Gewalteinwirkung fest. Abgesehen von einem Schuhabdruck haben sie nichts.

„Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“ räumt den Hinterbliebenen viel Platz ein

Begleitet von der ARD-Crimetime hat die Autorin Sophie Sumburane diese Mordserie recherchiert. Es geht um den Serien- und Frauenmörder Wolfgang Schmidt, der heute als Transfrau lebt. Die Recherche ist gleichzeitig Grundlage für einen Kriminalroman. Die „Bild“-Zeitung bezeichnete Schmidt damals als „Rosa Riesen“: Er war 1,90m groß und drapierte um seine Opfer Damen-Unterwäsche.

True Crime ist überall. Es überrascht also nicht, dass auch die ARD ein eigenes Format hat. Seit 2021 erzählt die ARD-Crimetime reale Verbrechen: Pro Fall gibt es drei Folgen. Journalist:innen, Zeitzeug:innen, die Polizei und Staatsanwaltschaft liefern mit ihren Erzählungen unterschiedliche Perspektiven. Was an dem Format vor allem auffällt: Den Hinterbliebenen und Angehörigen der Taten wird viel Platz eingeräumt. So auch in der neuen Staffel „Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“.

Zwischen 1989 und 1991 begeht Wolfgang Schmidt sechs Morde und drei versuchte Morde. „Das Alter ist nicht wichtig. Hauptsache weiblich“, beschreibt der damalige Kripo-Chef Detlef Schulze das Vorgehen des Täters. Die Opfer sind zwischen 12 und 66 Jahre alt. Eines davon ist ein wenige Monate alter Säugling. Schmidt erdrosselt oder ersticht die Frauen. Er vergewaltigt sie posthum. Der gebürtige Beelitzer ist zu Beginn der Taten 23 Jahre alt.

Sehr häufig verlieren sich True-Crime-Formate in einer Umkreisung des Täters: Warum hat er das getan, wie steht es um seine Psyche? Die Angehörigen, die bereits verloren haben, verlieren noch mal. Ihr Leid bleibt im Hintergrund. Sophie Sumburane findet für diesen Mechanismus eindringliche Worte: „In der Sensationslust multipliziert sich das Leid der Betroffenen und macht es zugleich unsichtbar.”

Studie der Nachwendezeit

Als einfühlsames Voice-Over führt Sophie Sumburane durch die Geschichte. Neben den eingangs erwähnten Zeitzeugen der Serie, ist es ein ganzer Landkreis, der traumatisiert ist: Deetz, Ferch, Wust, Neuendorf, Beelitz, Sputendorf und Fichtenwalde waren die Tatorte. Schmidt beging seine Taten meist am helllichten Tag. Ergänzt wird Sumburanes Perspektive durch eine zusätzliche Erzählerstimme, die den Ablauf sachlich einordnet und Kontext liefert. Diese behutsame Aufarbeitung steht in krassem Gegensatz zur Boulevardpresse, die Schmidts Taten damals sensationslustig ausschlachtete.

Regisseurin Dina Dada hat sich für einen reduzierten Stil entschieden. Die Perspektive der Zeitzeug:innen verdichtet sie mit reichlich Archivmaterial: „Sie hat abgetrieben“ titelt damals die „Super“, das Ost-Äquivalent zur „Bild“-Zeitung. Die Verlobte von Wolfgang Schmidt war zum Zeitpunkt seiner Inhaftierung schwanger. Wir sehen Ausschnitte damaliger Fernsehbeiträge, in denen von „Reporter-Schwärmen wie Heuschrecken“ die Rede ist. Sie stürmten damals die brandenburgischen Dörfer. Immer ist von einer heilen Welt die Rede, die mit den Verbrechen ein Ende findet.

Trotz des Respekts, den Dina Dada ihren Protagonist:innen entgegenbringt, bleibt True Crime ein Unterhaltungsformat. Die Musik ist unheilvoll, es gibt nachgestellte Szenen und manchmal steigt rosa Rauch aus dem Waldboden auf.

Kriminalbuchautorin Sophie Sumburane (39) ist in den Wäldern Brandenburgs auf den Spuren des Rosa Riesen unterwegs. Foto: SWR/Kinescope Film/Henning Wirtz

Am eindrucksvollsten zeigt sich die Serie in der Verknüpfung des Falls mit der politischen und gesellschaftlichen Lage der Zeit. 16 Tage nach dem ersten Mord fällt die Mauer. Gewaltverbrechen geraten plötzlich an die Öffentlichkeit. Der sozialistische Bürger als unfehlbares Geschöpf? Gewissheiten wie diese fallen in sich zusammen. „Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom“ wird zur Studie der Nachwendezeit. Die Verbrechen sind ein Brennglas für die kollektive Verunsicherung einer Gesellschaft im Umbruch.

Die Volkspolizei der DDR löst sich auf, Ermittlungen rund um den Rosa Riesen versickern im Chaos der Kripo-Neuaufstellung. Viel zu spät wird eine 50-köpfige SOKU gebildet. Der einzige Vorteil: Durch das Mitwissen der Bevölkerung steigt der Druck auf die Polizei. Im Sommer 1991 wird Wolfgang Schmidt endlich gefasst.

Ein Jahr später wird öffentlich, dass Schmidt fortan als Transfrau lebt. Für den Boulevard ist das wie ein gefundenes Fressen: Schmidts Andersartigkeit sei der Grund für seine Grausamkeit. Dieser stigmatisierenden Schlussfolgerung räumt die ARD-Serie glücklicherweise nur so viel Platz ein: „Wolfgang Schmidt ist trans und ein Sexualstraftäter, aber nicht letzteres, weil er trans ist“. Mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen.

Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom D 2026;
R: Dina Dada; D: Sophie Sumburane, Detlef
Schulze, Gisela Friedrichsen; ARD Mediathek
seit 23.2., linear 23., 24. und 25.2., ARD 23.35 Uhr,
3 Episoden à 30 Min
Podcast in der ARD Audiothek:
Sophie Sumburane: Keine besonderen
Auffälligkeiten
Edition Nautilus, 296 S., 20 €


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