Der doppelte Detektiv: Sherlock Holmes in Serie

Er war ein Großmeister des analytischen Denkens, der Detektiv Sherlock Holmes, kreiert vom britischen Schriftsteller Arthur Conan Doyle. Ungezählte Male ist er für Kino und Fernsehen adaptiert worden, zuletzt sehr erfolgreich zwischen 2010 und 2016 in der 13-teiligen BBC-Serie „Sherlock“, die den Detektiv (Benedict Cumberbatch) ins London des 21. Jahrhunderts versetzte. Die beiden neuen Serien setzen nun einerseits Holmes Abenteuer fort, gehen andererseits an den Ursprung der Geschichte zurück.
„Sherlock & Daughter“ (Magenta) beginnt mit einem nicht mehr ganz jungen Ermittler, der uns allerdings diesmal nicht an seinen Gedankengängen teilhaben lässt, mit denen er Rätsel löst, sondern damit, dass er am Tatort einer Entführung nach der Entdeckung eines roten Wollfadens erklärt, er wolle den Fall nicht übernehmen. „Young Sherlock“ (Prime Video) dagegen stimmt den Zuschauer mit einem aufwändig animierten Vorspann, in dem verschiedenste, zunächst einmal rätselhaft bleibende Elemente durch eine sie umkreisende Kamera miteinander verknüpft werden, auf eine höchst moderne Erzählweise ein – eben typisch Guy Ritchie, könnte man sagen. Der britische Filmemacher, der 2009 und 2011 in zwei Kinofilmen (mit Robert Downey Jr. in der Rolle des Meisterdetektivs) Sherlock zum veritablen Actionhelden machte, zeichnet hier allerdings nur für die Regie der ersten zwei Episoden verantwortlich und hat zudem eine Nennung als Mitentwickler der Serie, sein Name wird gleichwohl von der Werbung publikumswirksam hervorgehoben.
„Sherlock & Daughter“ ist im Jahr 1896 in London angesiedelt, das gerade neu entwickelte Telefon wird in den letzten Folgen eine höchst wichtige Rolle spielen. Bei Sherlock Holmes stellt sich eines Tages eine junge Frau aus Amerika vor, die behauptet, seine Tochter zu sein. Da sei sie nicht die erste, kanzelt er sie ab; als sie ihm jedoch bei seinen Ermittlungen entscheidende Hinweise geben kann, beginnt er sie nach und nach als Mitarbeiterin zu akzeptieren, wobei David Thewlis (einst durch Mike Leighs „Naked“ bekannt geworden) lange Zeit seine arrogante Fassade bewahrt. Dabei finden sie heraus, dass es bei der Entführung der Tochter des neuen amerikanischen Botschafters, mit der sich Amelia auf der Überfahrt anfreundete, um mehr geht als um ein Lösegeld. Mehrere machthungrige Menschen haben sich verschworen, das britische Empire ins Chaos zu stürzen.
Wo ist eigentlich Dr. Watson?
Das Empire steht auch schon fast 40 Jahre zuvor in „Young Sherlock“ – inspiriert von der gleichnamigen Jugendbuchreihe von Andrew Lane – auf dem Spiel, als der 19-jährige Sherlock von seinem älteren Bruder Mycroft aus dem Gefängnis geholt wird. An der Universität Oxford soll er unter Mycrofts Aufsicht als „Scout“ (nicht mehr als eine Art Hilfshausmeister) arbeiten.
Dort schliesst Sherlock Freundschaft mit einem Mathematikstudenten, fasziniert von dessen Selbstsicherheit. Sein Name allerdings lässt jeden, der Sherlock Holmes aus einem Roman oder Film kennt, unweigerlich aufhorchen: James Moriarty, Holmes‘ späterer Erzfeind. Der Diebstahl wertvoller Dokumente und die Explosion einer Bombe bei einer Veranstaltung führen dazu, dass sich beide fortan als Ermittler betätigen, zum Missvergnügen des einflussreichen Mr. Hodge (von Colin Firth lustvoll als arrogantes Ekelpaket verkörpert), dem Finanzier eines geheimen Projekts, das Mycroft für seinen Dienstherren, den Innenminister, überwachen soll. Und welche Rolle spielt die Chinesin, die zu Beginn hier eingetroffen ist, nachdem sie ihre Entführung und den Raub wertvoller Dokumente dank ihrer Kampfkünste zunächst eigenhändig vereiteln konnte?
Immer undurchsichtiger werden die Geschehnisse, zumal als die Chinesin eine Verbindung zu Holmes‘ Mutter herstellt. Ist sie vielleicht zu Unrecht in der psychiatrischen Anstalt, in die ihr Ehemann Silas sie einweisen ließ, nachdem der Unfalltod ihrer kleinen Tochter Beatrice sie um den Verstand brachte? Auch vor Sherlock, damals noch ein kleiner Junge, taucht immer wieder das Gesicht seiner Schwester auf, er fühlt sich mitschuldig an ihrem Tod.

Die Verbindung zwischen beiden Elementen findet sich schließlich in Gestalt von Sherlocks Vater, der eines Tages, zurück von einer langen Auslandsreise, vor der Tür steht. Verdachtsmomente, die sich gegen ihn richten, erhärten sich, seine Verfolgung führt nach Paris und weiter in die Türkei. Bis wir erfahren, an welcher unheilvollen Erfindung die vier Professoren (von denen drei inzwischen durch vermeintlichen Selbstmord umgekommen sind) in Oxford arbeiteten, dauert es allerdings noch.
Erstaunlich sind die zahlreichen Parallelen zwischen beiden Serien: Dr. Watson, Sherlock Holmes‘ treuer Begleiter, der dessen Abenteuer überhaupt erst zu Papier brachte (und sich dabei zahlreiche dichterische Freiheiten herausnahm), fehlt in „Young Sherlock“ ganz, in „Sherlock & Daughter“ ist er eine Nebenfigur. Holmes‘ Erzfeind Moriarty spielt in beiden Serien eine gewichtige, wenn auch sehr unterschiedliche Rolle – und in einer Rolle werden beide Male die geheimen Pläne für die Erfindung/Entdeckung versteckt. Diese sollen zahlungskräftigen Interessenten auf einer Art Börse in einer Auktion angeboten werden. Vor allem aber verzahnen beide Serien geschickt die Familiengeschichte des Ermittlers mit der Weltpolitik. Wobei man sagen mus, dass die Methode, mit der die Schurken in „Sherlock & Daughter“ die Weltherrschaft an sich reißen wollen, als die fortgeschrittenere erscheint.
Sherlock & Daughter Magenta, seit 1.2., 8 Episoden à 45 Min ●●●●○
Young Sherlock Prime Video, seit 4.3., 8 Episoden, 43-51 Min ●●●●○
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