„The Chronology of Water“: Unter der Oberfläche

Manche Bücher lassen uns lange nach dem Lesen nicht los. So ging es Kristen Stewart, als sie 2017 zum ersten Mal „The Chronology of Water“ von Lidia Yuknavitch las: Wie ein „heiliger Text“ kam es ihr vor, und sie wusste sofort, dass sie es verfilmen muss.
„The Chronology of Water“, veröffentlicht bereits 2011, erzählt auf schonungslose Weise von sexuellem Missbrauch, Trauer, Abhängigkeit und Selbstzerstörung. Damals beworben als „Anti-Memoir“, eignet sich das Buch dennoch als hervorragendes Beispiel, um den Unterschied zwischen dem englischen „Memoir“ und den deutschen Entsprechungen des Genres zu verdeutlichen. Eine „Biografie“ verspricht, ein Leben von Anfang bis Ende – oder im Fall einer Autobiografie zumindest bis zur Gegenwart – möglichst vollständig zu erzählen. „Memoiren“, das klingt so staatsmännisch, man denkt an Angela Merkel oder gleich an Helmut Kohl. Ein „Memoir“ dagegen ist viel literarischer, subjektiver und verletzlicher; es konzentriert sich nicht auf die lückenlose Chronologie eines Lebens, sondern auf prägende Erfahrungen. Schreiben als Mittel der Selbstvergewisserung oder Verarbeitung – und für Lesende ein Zugang zu Themen, die sonst schwer zu fassen sind.
In „The Chronology of Water“ erschließen sich Momente fragmentarisch
Auch „The Chronology of Water“ verläuft keineswegs chronologisch, eher fragmentarisch erschließen sich die Momente in Yuknavitchs Leben: der Schmerz, die Sucht, der verzweifelte Versuch, ihrem Elternhaus zu entkommen. Zum Beispiel im Wasser. Als Teenager war Yuknavitch Leistungsschwimmerin, und der Sport ermöglicht es ihr, vor dem Vater zu fliehen, der sie und ihre Schwester sexuell missbrauchte. Am Ende ist es aber nicht das Schwimmen, das Lidia Yuknavitch rettet. Sondern das Schreiben.
Der literarischen Kraft dieser Vorlage gerecht zu werden, das ist eine große Aufgabe, die sich Kristen Stewart für ihr Regiedebüt vorgenommen hat. Fast zehn Jahre hat sie daran gearbeitet, das Projekt zu realisieren, Finanzierung aufzubringen für ihre Vision. Die ersten Szenen zeigen Lidia (Imogen Poots), in kurzen Erinnerungs-Vignetten: Bahnen ziehen im College-Pool. Ein Rinnsal Blut im Abfluss. Lidia als Kind im Auto, der Vater, der es ihrer Schwester antut. Am College wird deutlich, dass Yuknavitch ihre Kindheit nicht so einfach hinter sich lassen kann, und dass sie nicht nur im Chlorwasser Erlösung sucht, sondern auch im Alkohol.
„The Chronology of Water“: Filmstills
Den Schmerz in Worte verwandeln
Auf ein Trauma folgen ungesunde Coping-Mechanismen, daraus folgt – noch mehr Trauma. Betrunken schreit sie ihren Freund an, weil sie nicht versteht, wieso dieser sie so verdammt gut behandelt, so unerträglich verständnisvoll ist. Sie masturbiert zu Gedanken an ihren missbräuchlichen Vater. Sie experimentiert mit BDSM. Stewart inszeniert all das fast träumerisch auf 16mm-Film. Andere Zeitebenen blitzen auf, ebenso wie Yuknavitchs Memoir erzählt Stewarts visuelle Sprache Trauma mit all den Spiralen und Schleifen, die die Protagonistin immer wieder einholen. Selbst als sie es schon ins Seminar für Kreatives Schreiben beim berühmten Schriftsteller Ken Kesey geschafft hat, der ihr Mentor wird und ihr hilft, die Stärke zu entwickeln, ihr Leben mit Worten zu bearbeiten. Imogen Poots spielt grandios, von den schmerzhaftesten bis in die glücklichen, starken Momente.
Es ist ein passender Stoff für Stewart. Frauen, die den Erwartungen der Gesellschaft nicht entsprechen, tauchten im Schaffen der Schauspielerin immer wieder auf, ob im Noir-Thriller „Love Lies Bleeding“ vor zwei Jahren auf der Berlinale (eine lesbischen Bodybuilder-Affäre, in der gewalttätige Männer blutig enden und weibliche Körper auf Steroiden zur Geltung kommen) oder als Lady Di im Kampf gegen die Erwartungen der britischen Monarchie. „The Chronology of Water“ zeigt eine unbequeme, ungeschönte Weiblichkeit, die kaum weiter entfernt sein könnte vom Frauenbild der „Twilight“-Reihe, die sie einst berühmt machte. Mit ihrer Vampir-Vergangenheit kokettiert Stewart, die im vergangenen Jahr ihre langjährige Partnerin Dylan Meyer geheiratet hat, wohl gern: Kürzlich spielte sie öffentlich mit dem Gedanken, ein queeres „Twilight“-Reboot zu inszenieren.
In jüngster Zeit ist viel über sogenannte „trauma plots“ diskutiert worden – über Erzählmuster, die Traumata gewissermaßen als billigen Trick nutzen, um Mitgefühl für die Protagonist:innen zu erzeugen. Ein Vorwurf, der für „The Chronology of Water“ – trotz der überwältigenden Präsenz traumatischer Erfahrungen – nicht gilt, aus zwei Gründen. Der erste Grund ist die Kunst. Nur wenige Filme schaffen es, ihre Protagonistin auf eine solche Reise durch sich selbst zu schicken, ihre Geschichte so zu erzählen wie die Bewegung des Wassers – das sich seinen Weg bahnt, zurückzieht, sich bricht. Lidias Traumata sind nicht der große Reveal, der alles erklärt. Sie sind von Anfang an präsent. Noch dazu so bedacht umgesetzt: Zum Beispiel wird der Missbrauch durch den Vater nicht explizit gezeigt, sondern in Einstellungen, in denen die Kamera beim Vater unterhalb des Kinns bleibt, wie aus kindlicher Perspektive.
Der zweite Grund ist viel simpler. Wer darf welche Geschichten wie erzählen? Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, die 2022 für ihre autobiografische Literatur mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, formulierte es radikal schlicht: „Ich habe es erlebt, und das gibt mir das Recht, darüber zu schreiben, wie ich es möchte.“ Zum Glück tun andere es ihr gleich.



