„Töchter Europas“ geht an die Grenzen der Reisefreiheit

Wer begreifen möchte, was die weltweit einzigartige zwischenstaatliche Reisefreiheit in Europa ist, der begibt sich am besten auf eine Fernbusreise durch den Kontinent. Vor allem an den EU-Außengrenzen, seit dem letzten Jahr aber auch immer öfter innerhalb des Schengen-Raums, heißt es ausnahmslos für alle Busreisenden: aussteigen, lange warten, Passkontrolle, während Polizisten mit Spürhunden den leeren Bus kontrollieren. Nicht selten fährt ein Fernbus nach der Grenzkontrolle mit weniger Passagieren weiter, das sieht man auch im Dokumentarfilm „Töchter Europas“. Hier zeigt sich, dass Europa doch nicht end- und grenzenlos ist. Solche Szenen ereignen sich nicht an Flughäfen und kaum in Zügen, jedenfalls nicht so offenkundig.
In „Töchter Europas“ begleiten die Regisseurinnen unterschiedliche Frauen in den Fernbussen Europas
Den Fernbus, seine überall ähnlich trostlosen Terminals und die Schnellstraßen, auf denen er zuhause ist, haben Verena Kuri und Iris Janssen also als Motiv für ihren Dokumentarfilm „Töchter Europas“ genommen. Ohne erklärtes Ziel und ohne festen Rahmen begleiten sie mit der Kamera unterschiedliche Frauen in den Fernbussen Europas: Eine ostdeutsche Busfahrerin, die im grenzüberschreitenden Buslenken endlich die Freiheit findet, die ihr in der DDR genommen wurde. Eine Ukrainerin, die ihrer bereits geflüchteten Familie nach Berlin nachreist. Eine Spanierin, die Busterminals putzt.
Mit langen Einstellungen und kontemplativen Bildern nimmt der Film Tempo heraus. Als Zuschauer fühlt man sich dabei fast, als säße man selbst mit im Bus und (er-)fahre Europa über seine Straßen. „Töchter Europas“ ist ein schöner, ruhiger Film, der nicht viel erklärt, auf den man sich aber ein wenig einlassen muss.