Der kolumbianische Hit „Un Poeta“ erzählt von einem lächerlichen Literaten

Oscar Restrepo ist ein armes Schwein. Ein passionierter Poet, aber kommerziell erfolglos, und nur in literarischen Zirkeln bekannt und geduldet. Der missmutige Kolumbianer lebt bei seiner kranken Mutter, getrennt von Frau und Tochter, die ihn verachten. Finanziell völlig abgebrannt und alkoholabhängig, ist er von Rauswurf und Obdachlosigkeit bedroht, ihn quälen Selbstmitleid und Scham. Sonst eher kleinlaut, hat er nur im Rausch eine große Klappe, gelegentlich schläft er ihn auf Gehwegen aus.
„Un Poeta“: Der gescheiterte Literat wird zum Lehrer
Obwohl Oscar, der mit seinen groben Gesichtszügen und leicht gebeugter Haltung an Comicfiguren von Robert Crumb erinnert, alles andere als ein Sympathieträger ist, entwickelt man allmählich Mitgefühl für diesen starrköpfigen Loser, expressiv gespielt von Ubeimar Ríos in seiner ersten Filmrolle. Als Oskar, genötigt von seiner Schwester, einen Job als Lehrer annimmt, lernt er eine pummelige, 15-jährige Schülerin kennen, die gefühlvolle Gedichte schreibt und gut zeichnen kann. Oscar wird Yurladys Mentor, und lebt dabei wieder auf. Parallel sucht er den Kontakt zu seiner Tochter, ebenfalls eine Teenagerin. Versuche, ihre Zuneigung mit Geld zu erkaufen, scheitern. Die phlegmatische Yurlady wohnt mit einer Großfamilie in einer Favela von Medellín und hat keine Ambitionen auf eine Karriere als Lyrikerin, lässt sich aber animiert durch Essensgeschenke für die Familie und Kosmetikprodukte für sich auf eine Freundschaft mit Oscar ein, das Geschehen wirkt wechselweise lächerlich und tragisch. Es eskaliert, als Oscar unschuldig in den Verdacht gerät, Yurlady sexuell zu belästigen. Verzweifelte Versuche, ihre Familie zu beschwichtigen, geraten zur Farce.
Teil zwei der in vier Kapitel unterteilten Milieu- und Charakterstudie beinhaltet eine Satire auf den literarischen Kulturbetrieb, wo um Sponsoren gebuhlt wird und Yurlady auf Drängen von Festivalveranstaltern ein sozialkritisches Gedicht nach dem Geschmack des Publikums vorträgt.
Der 1968 in Medellín geborene Autorenfilmer Simón Mesa Soto hat selber als Lehrer gearbeitet. Er bezeichnete „Un Poeta“ als sein persönlichstes Werk, das seine Probleme und Ängste seit dem Gewinn der Goldenen Palme 2014 für seinen Kurzfilm „Leidi“ reflektiert, das naturalistische Portrait einer unglücklichen Mutter aus der Unterschicht. Sozialkritische Sujets kommen auf Filmfestivals gut an, und so kann „Un Poeta“ auch als Allegorie auf die Arthouse-Kinoszene gesehen werden.
Text: Ralph Umard