Die Berlinerin Valeska Grisebach im Wettbewerb von Cannes

Zwei Filmemacherinnen aus Berlin haben in den letzten Jahren die Neugierde der Branche immer wieder beschäftigt: Maren Ade und Valeska Grisebach. Beide haben Mitte der zehner Jahre wichtige, ja große Filme gemacht: Ades „Toni Erdmann“ hatte 2016 im Wettbewerb von Cannes Premiere, ein Jahr später lief Grisebachs „Western“ in der Reihe Un Certain Regards ebenfalls an der Croisette. Seither ist einige Zeit vergangen, auf jeweils unterschiedliche Weise.
Maren Ade ist als Produzentin mit der Firma Komplizen Film sehr aktiv. 2025 war der von ihr mitproduzierte „Sentimental Value” im Wettbewerb von Cannes. Über ein neues Projekt aber hält sie Stillschweigen. Von Valeska Grisebach, die auf digitalen Kanälen kommuniziert, konnte man gelegentlich Dinge mitkriegen, die auf ihr nächstes Filmprojekt hindeuteten. Seit Donnerstag wissen wir ein wenig genauer, was Sache ist. Denn da wurde vermeldet, dass ihr neuer Film „Das geträumte Abenteuer“ im Mai ebenfalls wieder in Cannes laufen wird, dieses Mal im Wettbewerb. Produktionsfirma ist übrigens Komplizen Film, damit ist Maren Ade auch hier beteiligt, wie auch ihre Kompagnons Jonas Dornbach und Janine Jackowski.
Man kann davon ausgehen, dass die Berlinale Valeska Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“ auch gern gezeigt hätte. Aber Cannes ist eine andere Liga
Viel weiß man noch nicht über „Das geträumte Abenteuer“, aber ein entscheidender Umstand ist immerhin bekannt: Valeska Grisebach hat wieder in Südosteuropa gedreht, wie schon bei „Western“, der von einer Gruppe deutscher Bauarbeiter in einer Gegend an der Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland erzählte. Man kann davon ausgehen, dass die Regisseurin ihre Methode nicht radikal verändert haben wird: sie arbeitet mit Menschen vor Ort, sie lässt sich von den lokalen Umständen inspirieren, und entwickelt mit einem Ensemble von weitgehend nicht professionellen Darsteller:innen eine Geschichte, bei der im Hintergrund immer der ganze Reichtum des Kinos mit seinen Erzählmustern präsent ist. „Western“ war deswegen auch, was der Titel versprach: eine Geschichte nach dem Vorbild der amerikanischen Mythologie, nur eben um ein paar Ecken gedacht und neu erfunden.

Valeska Grisebach begann ja als Dokumentarfilmerin. Mit „Berlino“ begab sie sich 1999 in die Gesellschaft italienischer Bauarbeiter in Deutschland, schon in diesem Debüt gab es Ansätze zu zahlreichen Geschichten, mit denen sich weitererzählen hätte lassen können. Ihre ersten beiden Spielfilme „Mein Stern“ (2001) und „Sehnsucht“ (2006) waren dann auch direkt aus einem Berliner und ostdeutschen Alltag heraus entwickelt, mit großer Nähe zu Figuren, die manchmal erst auf den zweiten Blick ihr Charisma und auch ihre Nöte zu erkennen geben. Dieser zweite Blick, für den im Alltag oft keine Zeit ist, ist das wesentliche Geschenk des Kinos. Und Valeska Grisebach nimmt sich alle Zeit der Welt, um etwas zu sehen und zu erleben, und aus diesen Erfahrungen etwas schöpferisch zu entfalten.
Man kann davon ausgehen, dass die Berlinale „Das geträumte Abenteuer“ auch gern gezeigt hätte. Aber Cannes ist eben noch einmal eine andere Liga. Und Valeska Grisebach ist nun mit einer Teilnahme am Wettbewerb auch ganz offiziell als eine der großen Filmemacherinnen des Weltkinos anerkannt. Das war sie vorher auch schon, aber in der Filmbrache läuft viel über Status und symbolisches Kapital. Der tipBerlin wird in Cannes vertreten sein und aktuell berichten, was von „Das geträumte Abenteuer“ auf den ersten, zweiten und auch noch späteren Blick zu halten ist.