Überall Persönlichkeitsstruggles: Das XPOSED-Filmfestival präsentiert spannende Filme zu queeren Themen

Ein Schicksal auf einem globalen Planeten: Die Mutter der Filmemacherin Mala Reinhardt wollte eigentlich von Malaysia nach England, wo sie ein Anrecht auf Staatsbürgerschaft hatte. Doch aufgrund einer veränderten Rechtslage war sie plötzlich zwei Monate zu jung. So ergab es sich, dass sie in Deutschland blieb, eine Tochter bekam, und nun in einem Dokumentarfilm auftritt, der eine Vielzahl von „Persönlichkeitsstruggles“ aufeinander bezieht. Er heißt „Familiar Places“, und läuft bei Xposed, beim XX. Queer Film Festival Berlin.
Beim XPOSED Filmfestival tauchen Migration und Flucht mehrfach als Thema auf
Mala Reinhardt, die gerade mit ihrem afroamerikanischen Partner ein Kind bekommen hat, erzählt von ihrer Freundin Akosua, einer jungen Frau, deren Vater aus Ghana stammt, die Mutter ist (Bio-)Deutsche. In der Logik der Asante, ihres Volks, ist Akosua weiß, denn dort wird matrilinear gedacht – die Identität kommt von der Mutter. Akosua hat etwas übrig für Isaac, ihn stellt sie sich als Vater ihrer Kinder vor, doch er ist in Ghana und kann nicht nach Deutschland kommen. Hier aber hat Akosua eine queere Beziehung mit Nana, die gerade eine neue Geburtsurkunde bekommen hat, denn sie wurde zuerst als Mann eingetragen, nun wurde das korrigiert. Für etwaige Anhänger „traditioneller“ Familienverhältnisse wäre der Film „Familiar Places“ ein idealer Crashkurs in Diversität und Queerness: denn verschlungener und verflochtener bekommt man die Verhältnisse auf dieser Welt, wie sie sich in die deutsche Gesellschaft zwischen Berlin und Düsseldorf eingeschrieben haben, kaum einmal zu sehen.
„Familiar Places“ ist einer der Dokumentarfilme im Programm von XPOSED. Migration und Flucht tauchen mehrfach als Thema auf, so auch in „Mea Culpa“ von Patrick Tass, der zwischen Belgien und Libanon spielt. Der Filmemacher hat sich in Europa ein Leben aufgebaut, auch mit seinem schwulen Partner, aber die näheren Umstände der Beziehung werden in den vielen Video-Gesprächen mit der Mutter nicht benannt. Tass hütet sein Geheimnis, eine „weiße Lüge“, weil er seiner Mutter die Wahrheit nicht zumuten will. In seinem Fall ist die (politische) Identität patrilinear bestimmt, also durch den Vater. Denn der ist Palästinenser, und weil das nun auch in den Dokumenten von Patrick steht, steht sein ganzes Leben im Zeichen dieser Staatenlosigkeit, die er in Belgien hinter sich bringen konnte, die aber seine Kindheit geprägt hat. Als die Mutter einwilligt, an dem Film mitzumachen, ist dann natürlich klar, dass nun auch die Geheimnisse auf den Tisch müssen.
XPOSED hatte im Sinéma Transtopia einen mehrtägigen Vorlauf mit Kurzfilmen, am 28. Mai beginnt das Hauptprogramm mit dem philippinischen Thriller „Moonglow“ von Isabel Sandoval. Die Regisseurin spielt selbst die Hauptrolle, eine androgyne Polizistin namens Dahlia, die einem korrupten Cop Geld stiehlt, und dann dabei zusehen muss, wie ein Mann, den sie einmal geliebt hat, die Ermittlungen aufnimmt, und ihr dabei immer näher kommt. Isabel Sandoval hat selbst Parallelen zu „In the Mood for Love“ von Wong Kar-wai gezogen, den sie als Vorbild nennt für ihren sehr atmosphärischen Film, der in die Zeit der Diktatur unter der Marcos-Familie auf den Philippinen zurückführt. Für XPOSED ist „Moonglow“ ein angemessen glamouröser Eröffnungsfilm, bis 31. Mai lassen sich dann täglich Entdeckungen machen.