Kultur

Flippern in Berlin

Im Kugelhagel der ?Popkultur: In guten Kneipen steht heute noch ein Flipper. Kleine Archäologie eines Zeitvertreibs. Mit Adressliste und Aufruf.

Der Flipper im Franken
Foto: F. Anthea Schaap

Plunger ziehen. Metallkugel rast hinaus. Peng! Rechter Flipper, linker Flipper. Bumper. Erste Rampe. Loop. Ratschatäng! Ruckeln. Zweite Rampe. Doing! Jackpot. Tadäng! Mist! Ball geht ins linke Aus. Nächster Spieler. Zeit für einen Schluck Bier. Die bunten Lichter, rasenden Zahlen, Soundeffekte, Highscores, alles verschwimmt mit dem Kneipenlärm, Gesprächsfetzen, Musik. Der kurze Ärger über die verlorene Kugel verfliegt schnell, sofort folgt man gebannt dem Können des Gegners, freut sich über gelungene Aktionen und hofft insgeheim, den Punktestand stets im Auge, auf eine kleine Unachtsamkeit. Bloß kein Extraball, nicht zu viele Punkte machen, man will wieder selbst ans Gerät. Weiterspielen.

„He stands like a statue, Becomes part of the machine“, sangen The Who über einen blinden, taubstummen  Jungen, einen Flipperkönig, der zum „Teil der Maschine“ wurde. Das war 1969, „Pinball Wizard“ und die Rockoper „Tommy“ stürmten die Charts, und Flippern gehörte damals, auch in Deutschland, wo die Geräte seit den späten 1950ern in Kneipen und Spielhallen aufkamen, zum Alltag von Jugendlichen. Technik, Pop, Geschicklichkeit und Geselligkeit – hier lief alles zusammen.
Moderne Flipper gehen auf die unmittelbare Nachkriegszeit zurück. Bei der amerikanischen Firma D. Gottlieb & Co. entstanden um 1947 erstmals Geräte, in die man durch die beiden „Flipper“ genannten Hebel aktiv ins Spiel eingreifen konnte. Aus dieser Erfindung entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine weltumspannende und millionenschwere Kultur, die in den 1970ern ihren absoluten Höhepunkt erreichte. Neue Features kamen hinzu, die anfangs rein mechanischen Geräte erhielten ein elektronisches Innenleben und mit der Lizenzierung auch popkulturelle Relevanz. Kaum ein Film- oder Comicheld, keine Rockgruppe oder Fernsehserie ohne den eigenen Flipper: Die Rolling Stones, Kiss und Elton John „Superman“, „Star Wars“, „Playboy“ und „Flash Gordon“ – alle hatten sie einen.

Gehört nicht hierher: Flipper mit Gedanken steuern…

Bis heute basieren die beliebtesten Flipper in den Berliner Kneipen auf Lizenzen. In der Astro Bar in Friedrichshain steht „Star Trek“, im White Trash Fast Food in Treptow der „Addams Family“, im Kreuzberger Trinkteufel ein „Metallica“, in den Lenau Stuben in Neukölln der „Sopranos“, im Morgen wird besser in Lichtenberg „The Simpsons Pinball Party“ und selbst im Ron Telesky, einer charmanten Pizzeria im Graefekiez, steht hinten in der Ecke der „Twilight Zone“.

So groß die Namen, so klein der Umsatz. Für 50 Cent gibt es einen Credit, also drei Kugeln, für zwei Euro fünf Credits. Ein Geschäft ist das nicht, für die Automatenaufsteller lohnt es sich kaum, da ist mit Geldspielgeräten weit mehr zu holen, und diese sind auch nicht so wartungsbedürftig. Engagierte Aufsteller wie Jens Domke, selbst ein passionierter Flipperspieler, sind selten. Dennoch lässt sich in Berlin recht gut flippern, über die Stadt verteilt findet man mehrere Dutzend Möglichkeiten und man kann bei der Jagd nach noch nicht gespielten Flippern auch mal eine neue Kneipe oder Spielhalle entdecken. Denn wer war schon mal im Mariendorfer Käfer? Oder im Spielcasino Glückspilz in Hönow? Wohl die wenigsten, dabei stehen im Letzteren gleich sieben Flipper, darunter der legendäre „Terminator“. Die Cola kostet dort einen Euro und Knabbereien sind gratis.

Computerspiele haben der Branche heftig zugesetzt und man könnte wohl das Liedchen „Computer Games killed the Pinball-Star“ anstimmen. Seit den 1990er-Jahren haben sich mehrere Hersteller vom Markt zurückgezogen, die Anzahl neu produzierter Geräte sinkt kontinuierlich. Den Flippern ergeht es heute ähnlich wie der Jukebox, der Schallplatte oder dem Toast Hawaii. Von wenigen geliebt, von der breiten Masse ignoriert. Längst ist der Flipper ein Retro-Phänomen, ein Relikt der Popmoderne. Aber vor allem ist er: ganz großer Spaß.

Kennen Sie Kneipen, wo ein Flipper steht und die wir nicht aufgelistet haben? Wenn ja, schreiben Sie an: [email protected]

Empfehlenswerte Flipper-Kneipen:

  • Astro Bar Simon-Dach-Str. 40, Friedrichshain
  • Casino Glückspilz Altlandsberger Chaussee 7, Hönow
  • Feuermelder Krossenerstr. 24, Friedrichshain
  • Franken Oranienstr. 19A, Kreuzberg
  • Jodelkeller Adalbertstr. 81, Kreuzberg
  • Lenau Stuben Hobrechtstr. 62, Neukölln
  • Morgen wird besser Hagenstr. 7a, Lichtenberg
  • Ron Telesky Dieffenbachstr. 62, Kreuzberg
  • Trinkteufel Naunynstr. 60, Kreuzberg
  • White Trash Fast Food Am Flutgraben 2, Treptow
  • Zosch Tucholskystr. 30, Mitte

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