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Fluchthelfer Peter Mibus

Fluchthelfer Peter Mibus

Schwer wiegt die Akte. An Kilogramm ohnehin, bei der Fülle von Informationen, die der Staatssicherheitsdienst der DDR über den einstigen Westberliner Fluchthelfer Peter Mibus gesammelt hat. Doch die Stasi-Opfer-Akte lastet auch auf der Seele. Denn dort las Mibus schwarz auf weiß, was er von manchen Bekannten geahnt, von anderen niemals für möglich gehalten hätte. Menschen, die sich als seine Freunde ausgaben, waren im Auftrag der Stasi auf ihn angesetzt. Von der banalsten Plauderei bis zum intimsten Gespräch protokollierten die inoffiziellen Mitarbeiter alles, was Mibus und andere in ihrem Beisein so von sich gaben.
Die Wut und die Enttäuschung darüber halten bis heute an. Auch die Verachtung für das totalitäre System des untergegangenen ostdeutschen Staates, mit dem er bis zur letzten Minute auf Kriegsfuß stand. Den Humor und die Chuzpe, die für seine Fluchtaktionen von Vorteil waren, hat er darüber nicht verloren. „Meine Geschichte könnte lauten ‚Der Naive und die Stasi’„, sagt Mibus und lacht. „Wenigstens hab ich ein staatlich subventioniertes Tagebuch, in dem drin steht, welche Hemden und welche Krawatten ich an welchen Tagen getragen habe.“
Auch eine gehörige Portion Stolz auf seine halsbrecherischen Tätigkeiten begleiten seinen ambivalenten Blick auf die Vergangenheit. Immerhin hat Mibus drei Menschen im Alleingang zur Flucht verholfen. Jede Aktion stand auf des Messers Schneide. Wie dicht ihm die Stasi jeweils auf den Fersen war, erfuhr er erst Jahre später, während der Akteneinsicht.
Die Initialzündung für Mibus’ Aktionismus gab – wie sollte es anders sein – die Liebe zu einer Frau. „Wenn du dich in ‚ne Braut verliebst, dann sagst du dir, die musst du raus schaffen, komme was wolle.“ Der Plan, seine Ostberliner-Freundin Uschi, die er auf einer Autobahnraststätte kennengelernt hatte, in den Westen zu holen, sei von der ersten Begegnung an da gewesen.
Da man die Widrigkeiten der deutschen Landesgrenzen zur Genüge kannte, beschloss das junge Paar, auf einer gemeinsamen Reise durch die sozialistischen Bruderstaaten der DDR von Rumänien aus durch die Donau nach Jugoslawien zu schwimmen. Denn dort gab es seit dem Ende der Hallstein-Doktrin die erste westdeutsche Botschaft hinterm Eisernen Vorhang und wegen Titos sozialistischen Sonderwegs Möglichkeiten zur Ausreise in den Westen.
Wenn Mibus sich mit der Akte auf ?dem Schoß in die Details der Fluchtge­schichte hinein erzählt, gleitet er immer wieder hin und her zwischen Schwelgen und Schaudern.
Da sind zum Beispiel die Verhaftung und das anschließende Verhör durch russische Geheimpolizisten im ungarisch-rumänischen Grenzgebiet, das sie nur knapp überstehen. Dann das Warten in einem Wald an der Donau, in den ein bewaffnetes Patrouillenboot im Akkord große Kegel aus Licht schleudert, während man sich auf den Sichtschutz verlassen muss, den die kargen Birken am Uferrand bieten. Schließlich das Schwimmen durch die Donau selbst, während dessen Peter die Kräfte ausgehen, und er sich unterkühlt an Uschis Seesack festhalten muss, um das jugoslawische Ufer nicht als Wasserleiche zu erreichen.
„Das war Lebenshochzeit“, sagt Peter ?Mibus, „Euphorie pur, als ich den Sand unter den Füßen spürte. Und nur ein paar Minuten, nachdem ich mich mit schlackernden Gliedern an einen Baum gelehnt hatte, hörten ?wir wieder das Motorengeräusch der Grenzpatrouille.“
Die Fluchtgeschichte erzählt Peter Mibus minutiös und mit großer Verve. In blutleerem Beamtendeutsch steht die gleiche Geschichte in der Stasi-Akte. Niemand war dabei, als Peter und Uschi gen Westen schwammen. Wie also gelangte die Story in die Schreibstuben der Stasi? Um das zu erklären, muss man ein klein wenig ausholen.
Noch im Jahr 1970, wenige Monate nach dem Ritt durch den Eisernen Vorhang – sie haben inzwischen geheiratet – wird Uschi ein unheilbarer Krebs attestiert, der sie bald darauf das Leben kostet. Peter sucht den Kontakt zu Uschis Eltern und Freunden, um sie irgendwie festzuhalten. In der Akte steht, die Stasi habe erwogen, Uschis Vater als „IM“ anzuwerben, um ihn „zwecks Rückführung“ seiner Tochter in den Westen zu schicken. Aufgrund von Uschis Krankheit und ihrer Schwangerschaft maß man diesem perfiden Plan nur wenig Aussicht auf Erfolg zu, deshalb ließ man schon bald davon ab.

Flucht aus der DDR

Stattdessen wurde eine Freundin Uschis geworben, mit der Peter über Jahre hinweg engen Kontakt hatte, die er nicht nur über die Donau-Ereignisse, sondern auch über die Ideen zu weiteren Aktionen ins Bild setzte. Die ihn haarklein ausspionierte und sogar freiwillig ihre Wohnung verwanzen ließ. „Das ist die größte Enttäuschung, wenn du sowas dann erfährst“, sagt Peter Mibus. Verglichen damit ließen ihn die Observationen seiner Person durch ihm unbekannte Stasi-Agenten in Westberlin eher kalt.
Motiviert durch die relative Sicherheit des Berlin-Abkommens war Mibus ab 1973 wieder regelmäßig in die DDR gereist. Diesmal auf dem Landweg, schaffte er nacheinander seinen alten Schulfreund Bernd (Peter Mibus selbst war mit seinen Eltern 1960, ein Jahr vor Mauerbau, von Ost- nach Westberlin gezogen) und seine Freundin Karin in den Westen. „Ich kam also rüber und meinte: Berndchen, wir machen das jetzt, dann sind wir zu seinen Eltern in die Laube gefahren und haben Probeliegen im Kofferraum gemacht.“ Bernd wurde schließlich einfach in den Kofferraum bugsiert und Mibus passierte wie selbstverständlich die Grenze. „Und zwei Monate später“, sagt er, „hab ich das nochmal gemacht. Mit Karin. Gleiches Spiel, selber Wagen.“
„Hier“, Mibus zeigt auf ein Papier, „in der Akte steht, dass die Stasi in Görlitz wusste, dass ich Karin rausholen wollte, da war ein Leck gewesen, wir sind ein paar Stunden vor dem Fallbeil über die Grenze gefahren.“
Lecks hat es mehrere gegeben. Auch ein Freund und Ex-Kollege von Bernd, der nach seiner durch die Stasi fingierten Flucht in der Wohngemeinschaft von Bernd und Peter lebte, notierte en detail, was in der WG-Küche so gesprochen wurde. Wobei das Protokoll zuweilen absurde Blüten treibt, wenn die Stasi zum Beispiel darüber mutmaßt, „Objekt Pilot“ (Peter) und „Objekt Flieger“ (Bernd) hätten einen Sprengstoffanschlag auf die Berliner Mauer geplant. Der „IM Sascha“ habe erfahren, man habe Feuerwerkskörper im Wert von 100 Westmark erworben, um diese über die Grenze zu feuern.
„IM Sascha“, der vermeintliche Freund, wurde bereits 1974 von westlichen Geheimdiensten enttarnt und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Schaden angerichtet hat er trotzdem. So verriet er wohl die geplante Flucht von Bernds Schwester, deren Festnahme auf dem Fuße folgte.
Mibus erklärt, die meisten westlichen Fluchthilfeorganisationen seien vom DDR-Geheimdienst infiltriert gewesen. Die Stasi, meint Mibus, (und so in etwa steht es auch in der Akte) habe ihn für den Kopf einer Schleuserbande gehalten und nur deshalb immer wieder seine Einreise geduldet, um ihn bei einer Fluchtaktion in flagranti zu erwischen und seine „Geister-Clique“ zu zerschlagen.  
Im Anschluss an die Akteneinsicht hat er einige der Denunzianten mit ihrer feigen Janusköpfigkeit konfrontiert, um ihnen zu zeigen, dass er Bescheid wusste. Mit der Familie seiner Liebe von einst ist er bis heute befreundet.

Text: Christoph David Piorkowski

Foto: Mauermuseum / MUSEUM HAUS AM CHECKPOINT CHARLIE; Christoph David Piorkowski

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