Kultur

Formel E in Tempelhof

Formel E in Tempelhof

Was für ein merkwürdiger Sound! Wenn ein Formel-E-Rennwagen mit bis zu 225 km/h vorbeidüst, hört man kein PS-strotzendes Motorengeheul, sondern ein Geräusch, das mit sirrendem Fiepen oder fiependem Sirren noch am besten beschrieben ist – kaum lauter als ein Staubsauger. Kraftwerk hätten womöglich ihre Freude daran. Dieser Klang dürfte am Samstag, den 23. Mai das Vorfeld des ehemaligen Flughafen Tempelhofs dominieren. An diesem Tag wird zum ersten Mal in Anlehnung an den Grand Prix der Formel 1 der deutsche Formel ePrix ausgetragen –und Berlin zur Hauptstadt der elektrischen Rennwelt.
Nach Städten wie Peking, Monaco oder Miami ist Berlin die achte Station der elfteiligen FIA-Formel-E-Rennserie. Diese haben die Macher der Formel 1 im letzten September als rein elektronische Alternative zum klassischen Rennzirkus gestartet. „Es wird nichts Geringeres als Motorsport-Geschichte geschrieben“, jubiliert ePrix-Event-Operator Ulrich Weingärtner zur Deutschland-Premiere. Dazu wird auf dem Vorfeld des Flughafens für einen Tag ein 2,47 Kilometer großer Renn-Parcours mit 17 Kurven aufgebaut, der innerhalb der Rennserie als einer der anspruchsvollsten Kurse gilt. Rund 20?000 Zuschauer werden erwartet.  Zugute komme der Formel E, dass es in diesem Jahr das erste Mal seit 1955 in Deutschland kein Formel-1-Rennen gibt, weil man sich nicht mit Bernie Ecclestone über die Finanzen einigen konnte, räumt Weingärtner ein. Aber die Formel E sehe sich ohnehin nicht als Konkurrenzveranstaltung – viel mehr spreche sie eine neue Generation von Motorsport-Fans an. Tatsächlich werden diese werden auch auf neue Weise ins Rennen integriert. Mittels des „FanBoost“-Votings im Internet können sie ihren drei Lieblingsfahrern für einige Sekunden zusätzliche PS-Power freischalten, die diese zum Beispiel für Überholmanöver nutzen können.
Das Berliner Rennspektakel wird an nur einem Tag abgehandelt. Das ist nur einer der vielen Unterschiede zur großen Formel 1 und Ausdruck des Anspruchs, umweltverträglicher, nachhaltiger und fortschrittlicher zu sein als die Schwesterserie. Der Renntag beginnt mit dem freien Training der zehn teilnehmenden Teams. Jedes Team besteht aus zwei Fahrern.  Am späten Vormittag gibt es vier Qualifying-Läufe mit je fünf Autos, am späten Nachmittag beginnt dann das eigentliche Rennen. Dessen Dauer ist auf maximal eine Stunde limitiert. Da die Batterien der Autos für diese Zeit nicht voll ausreichen, wechseln die Fahrer im Laufe des Rennens in ein zweites bereitstehendes Auto.
In der Formel E haben alle Teams der Debütsaison baugleiche Autos mit identischen Chassis und Motoren sowie Allwetterreifen von klassischen Racing-Ausrüstern wie Re­nault, McLaren, Williams und Michelin. Außerdem gilt in der Saison 2014/2015 für alle Teams eine Budget-Obergrenze von 2,5 Millionen Dollar. So gesehen erlebt man in diesem Jahr ein vergleichsweise faires Autorennen, bei dem fahrerisches Können mehr zählt als der Technik- oder Geldvorsprung. Aber schon im nächsten Jahr soll die Formel E keine Einheitsserie mehr bleiben. Die Teams dürfen Weiterentwicklungen an den Motoren, Getrieben und Kühlsystemen vornehmen, die dann wünschenswerterweise der Serientechnik brauchbare Impulse liefern. Das ist die traditionelle Legitimation des Motorrennsports.
Formel-1-Flair hat die Formel E durchaus zu bieten. Auch wenn die Stars meist Fahrer sind, die für die Formel 1 entweder zu alt oder zu jung sind. Jarno Trulli, Nelson Piquet jr., Nicolas Prost, Bruno Senna und der Ex-Toro-Rosso-Star Sebastian Buemi sind heute Formel-E- Stars. Deutschland ist mit dem Team Audi Sport Abt vertreten, das neben dem Filius des Hauses, Daniel Abt, auch den derzeit Führenden der Rennserie, Lucas de Grassi aus Brasilien, stellt.

Formel E in Tempelhof

Der populärste deutsche Fahrer allerdings ist „Quick Nick“ Heidfeld, langjähriger Formel-1-Pilot, der im Venturi-Team fährt, das Hollywoods Vorzeige-Grünen Leonardo DiCaprio gehört. Heidfelds Saisonverlauf ist allerdings Sinnbild dafür, dass noch nicht alles rundläuft im Formel-E-Sport. Mit „Pleiten, Pech und Pannen“ ist seine Saison eher dezent beschrieben: ein spektakulärer Crash gleich im ersten Rennen, später weitere Ausfälle. Oder auch Zeit- und Durchfahrtsstrafen. Allenfalls hintere Punktplätze bescherten ihm einige Häme.
Überhaupt hat es die ganze Formel-E in ihrer Startsaison genauso wenig leicht wie Elektroautos im normalen Straßenverkehr. Die weltweiten TV -Zuschauerquoten lassen zu wünschen übrig. Und auch von höherer Stelle gibt es despektierliche Äußerungen. So bezeichnete Sebastian Vettel die ganze Formel E als „Käse“, für den er sich als Motorsportfan niemals begeistern könne. „Die Zukunft des Motorsports ist elektrisch, Herr Vettel“, entgegnet ihm ePrix-Event-Operator Weingärtner. Man habe auch nichts dagegen, wenn die Formel E kontrovers diskutiert werde. Tatsächlich ist es manchen Zuschauern auf den Rennstrecken schlichtweg zu leise. Die Idee einiger Teams, den klassischen Racing-Krawall-Sound via Megafon-Auspuff wiederherzustellen, wurde allerdings verworfen. Das würde die Idee der Rennserie schlichtweg ad absurdum führen.
Immerhin steht, ganz gleich, wie die Premiere läuft, Berlin Tempelhof auch 2016 als Rennstrecke für die nächste Formel-E-Saisons bereits fest im Kalender.

Text:
Jürgen Laarmann

Foto:
FIA Formula E Championship; Jerome Cambier

Die Boliden

Gewicht Inklusive Fahrer kommen die Autos auf 800 Kilogramm, allein die Lithium-Ionen-Batterie wiegt 200 Kilogramm.
Tempo Von 0 auf 100 sind sie in 3 Sekunden, Formel-1-Autos brauchen 2,5 Sekunden. Die Spitzengeschwindigkeit liegt bei 225 km/h.  
Leistung im Energiesparmodus: 180 PS, maximale Leistung: 270 PS. Die Batterie hält gut 25 Minuten lang.
Lärm 80 Dezibel, bei der Formel 1 sind es 130 Dezibel.

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