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Fortsetzung: Touristen in Berlin: Wirtschaftsfaktor oder Ärgernis?

NEUES FEINDBILD

Auch in Kreuzkölln macht sich eine seltsame „Berlin den Berlinern!“-Stimmung breit. Volle Lokale, neue Geschäfte und eine hohe Fluktuation von Urlaubern und Übergangsmietern werden als zerstörerisch wahrgenommen. „Was für mich den Reiz von Berlin ausmacht, ist die Mischung“, meint Schiedlofsky. „Dazu gehören die Zugezogenen, die Besucher, Leute, die sich oft mehr für die Stadt interessieren als die Ur-Berliner, die immer nur in ihrem Kiez bleiben.“ Wenn dann entlang der Sonnenallee an Geschäften Parolen und Plakate zu sehen seien, die den Besuchern „Haut ab!“ zuriefen, sei ihr das unangenehm und etwas peinlich. „Ich glaube“, sagt Susan Schiedlofsky, „es gibt hier bei einigen ein neues Feindbild: der angeblich reiche West-Europäer.“

Auch auf der anderen Seite des Kottbusser Damms hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. „Viele Geschäfte des täglichen Bedarfs sind heute weg“, erklärt Martin Breger von der Mieten-AG im Graefe-Kiez, „an deren Stelle sind Lifestyle-Produkte gerückt.“ Auch das ehemals eher ruhige Viertel ist zu einem beliebten Ausflugsort geworden, einem belebten, auch lauten Stadtteil. Das beunruhigt Breger weniger als die grassierende Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. „Da läuft teilweise die Mietpreisbindung aus, das verdrängt einkommensschwache Bewohner und Migranten aus dem Kiez“, sagt Breger. Besonders Leute aus Italien und Skandinavien kauften sich im Stadtteil ein, ob zur eigenen Nutzung als Hauptstadt-Unterkunft oder doch als Investitionsobjekt und profitable Ferienwohnung, ist meist unklar.

PROBLEM FERIENWOHNUNGEN

Ferienwohnungen werden in Berlin zunehmend als Problem gesehen. Allein das – man möchte fast sagen: pikanterweise – in Kreuzberg angesiedelte Unternehmen Wimdu vermittelt weltweit 50?000 Unterkünfte von privat an privat. Auch in Berlin boomt das Angebot, eine Studie aus dem letzten Oktober geht von 12?000 Ferienwohnungen aus. Für Berlin-Besucher ist dieses Leben mittendrin inte­ressant, doch das lukrative Geschäft schraubt auch Mieten in die Höhe und ruiniert schon jetzt in einigen Häusern und ganzen Straßenzügen jegliches nachbarschaftliches Klima.

In diesem Teilbereich der ansonsten komplexen bis verfahrenen Tourismus-Diskussion sind sich jedoch fast alle Akteure und Interessengruppen einig. Noch in diesem Sommer soll eine Wiedereinführung der – tolles Wort – „Zweckentfremdungsverbotsverordnung“ (ZwVVO) auf den Weg gebracht werden. Die war vor etwa zehn Jahren per Gerichtsentscheid aufgrund des damals  noch entspannten Wohnungsmarkts und der eher kleinen Zahl verfügbarer Ferienwohnungsangebote gekippt worden. Petra Roh­land von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung beschreibt die anvisierte ZwVVO-Wiedereinführung als Maßnahme gegen eine „Fehlentwicklung auf dem Wohnungsmarkt“ und als Ansatzpunkt, um „die Ausdehnung weiterer Vermietung von Wohnraum zum Zwecke der Nutzung als Ferienwohnung“ einzudämmen.

CITYTAX

Gute Nachrichten für Partner, die sonst eher Gegner sind: Über eine Reduzierung des Ferienwohnungsangebots freuen sich der Berliner Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) ebenso wie Tourismus- und Gentrifizierungskritiker. Auf Anbieterseite wartet man noch ab, wann, wie und vielleicht auch ob sich die rechtliche Situation ändert. „Wir beobachten die Entwicklungen bezüglich dieser Fragestellung aufmerksam“, erklärt Wimdu-Sprecherin Stefanie Gruber. „Zum aktuellen Zeitpunkt ergeben sich jedoch keine neuen Handlungsvorgaben für Vermieter von Privatunterkünften.“
Auch bei einem anderen politischen Vorhaben muss man abwarten. Laut Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und CDU soll 2013 die „City Tax“ kommen, ein fünfprozentiger Aufschlag auf die Übernachtungskosten. So sieht zumindest die Planung aus. Wie es aus der Senatsverwaltung für Finanzen heißt, müssten Einführung, Form und Höhe absolut rechtssicher sein, die Berliner City Tax hänge auch von Urteilen in anderen Städten zu diesem Thema ab. Die Berliner und die Bezirke würden von der „Bettensteuer“ höchstens indirekt profitieren, die Mehreinnahmen würden für die Konsolidierung des Berliner Haushaltes benutzt.

Die Berliner Hoteliers wollen nötigenfalls gegen die City Tax klagen. DEHOGA-Hauptgeschäftsführer Thomas Lengfelder betont, dass die Zusatzkosten besonders für kleinere Betriebe ernste wirtschaftliche Folgen hätten. Außerdem sei die Abgabe im Kern unfair, schließlich profitierten auch Taxiunternehmen, Kultureinrichtungen und Einzelhandel vom Tourismus.
Burkhard Kieker sitzt bei diesem Thema zwischen den Stühlen. Er ist Geschäftsführer von visitBerlin, das als „private-public partnership“ des Landes Berlin und der Wirtschaft seit 1993 die Tourismus-Werbung gestaltet und koordiniert. „Eine City Tax gibt es auch an anderen Orten der Welt, ohne dass der touristische Erfolg in sich zusammengebrochen wäre“, sagt Kieker. Man solle nicht die Anziehungskraft einer Stadt wie Berlin unterschätzen. „Nehmen Sie diese ‚Berlin doesn’t love you‘-Kampagne: Das hat die Stadt nur noch interessanter gemacht, die Aktion hätte von uns sein können.“

REISEFÜHRER

Berlin und die Berliner müssten sich „mental, aber auch infrastrukturell auf das vorbereiten, was da noch auf uns zukommt“, die Entwicklung der letzten Jahre sieht er als „Zurückschwingen in den Normalzustand einer Weltstadt“. Und er ergänzt: „Wir leben alle gerne in der Stadt und sind vielleicht hierhergezogen, weil wir das, was sie zu bieten hat, attraktiv finden. Und wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir das auch zu teilen haben. Andere Leute finden Berlin nämlich auch schön.“
Grenzenloses touristisches Wachstum um jeden Preis könne jedoch kein Ziel sein, betont Kieker. „Wenn Sie Berlin und Venedig vergleichen, wissen Sie, welche Stadt das größere Problem hat: In der Lagunenstadt wohnen keine Italiener mehr, da gibt es nur noch Ferienwohnungen. Sie können sich dort im Sommer kaum noch bewegen. Das sind Verhältnisse, die wir hier nicht haben wollen und nicht haben werden.“ Berlin sei groß und infrastrukturell für deutlich mehr Menschen angelegt als die 3,5 Millionen, die heute hier leben. Es gäbe hier viel Platz, das Portfolio an Sehenswürdigkeiten sei sehr umfang- und abwechslungsreich. In Einzelfällen sieht Burkhard Kieker aber auch konkreten Handlungsbedarf. „Das Beispiel Admiralbrücke ist ein Thema fürs Ordnungsamt – wenn Menschen da leben, sollen sie dort auch in Ruhe leben können. Wir von visitBerlin haben da die Notbremse gezogen und mit den Reiseführern geredet. Der Autorin vom ‚Lonely Planet‘ haben wir gesagt: Nimm den Tipp doch raus.“

Wer mal den unbeschreiblichen Andrang am Mehringdamm gesehen hat, wo zwischen Curry 36 und Mustafas Gemüsekebap Schlangen stehen, wie man sie sonst nur von populären Großausstellungen kennt, ahnt, welche Rolle Reiseführer spielen. Touristisch läutet der Massenandrang dabei oft schon das Ende ein. Denn gerade die jüngeren Besucher, denen sich Berlin auch in der Tourismus-Werbung als Szene-Metropole zwischen Clubmusik und Undergroundkultur empfiehlt, sind sehr wählerisch. Mit fast sportlichem Ehrgeiz geht es darum, echte Geheimtipps und wirklich angesagte Szenetreffs aufzuspüren.
Aber cool bleibt nicht, cool ist flüchtig: Partylocations, die in jedem Stadtführer gelistet sind und mit Star-Besuch kokettieren, müssen irgendwann ihr Konzept ändern, umziehen oder dichtmachen. Um noch etwas länger „street credibility“ zu bewahren, bitten einige Clubs und Geschäfte gerüchteweise schon darum, doch bitte nicht in den Reiseführern gelistet zu werden. 

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Text: Thomas Klein
Fotos: Harry Schnitger, Susan Schiedlofski

Fünf Gastgeber und ihre Erfahrungen mit Besuchern aus aller Welt. 

 

TOURISMUS IN BERLIN: ZAHLEN UND FAKTENn
Übernachtungen 2011: 22?359?470
Veränderung gegenüber 2010: +7,5?%
Gäste im Beherbergungsgewerbe 2011: 9?866?088 Anteil ausländischer Gäste: 36,5?%
Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 2,3 Tage
Übernachtungen Januar–März 2012: 4?675?100
Veränderung gegenüber Vorjahr: +14,8?%
Gäste im Beherbergungsgewerbe
Januar–März 2012: 2?176?100

Zahl der Beherbergungsbetriebe 2011: 769
Bettenzahl 2011: 120?805, Auslastung: 51,2?%
2012 im Bau bzw. in Planung befindliche Hotels: 50; Anzahl zusätzlicher Betten ab 2012: mind. 20?000 (DEHOGA, Stand: April 2012)
Ferienwohnungen 2011: ca. 12?000
Durchschnittsgröße: 59?qm (MieterEcho Oktober 2011)
Gastronomische Betriebe 2011: 15?839

Tourismusbedingter Brutto-Umsatz aus Einzel­handel, Dienstleistung und Gastgewerbe 2008: ca. 8,99 Mrd. Euro (dwif-Studie „Wirtschaftsfaktor Tourismus Berlin“)
(Quelle, wenn nicht anders vermerkt)

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