Kultur

Fotografie als Mahnung

Jonas Bendriksen Kann man sie eigentlich noch sehen, die Bilder der Armen, Kranken und Hungernden, wie sie irgendwo in abgelegen Regionen der dritten Welt still und namenlos vor sich hin leiden? Der Anblick der spindeldürren Beinchen afrikanischer Kinder oder die Trostlosigkeit in den Augen vietnamesischer Familien, die ihre Toten beklagen, ist zuweilen schwer erträglich. Die Frage aber ist nicht, ob man die Bilder noch sehen kann und will, sondern die nach den Gründen für den Missstand, den Hunger und die soziale Ungerechtigkeit und genau deshalb muss man diese Bilder sehen – oder vielmehr, sich ihnen stellen.

Daran erinnern uns eindrucksvoll die beiden Fotografen Don McCullin und Jonas Bendiksen, deren Ausstellungen sich zurzeit bei C/O Berlin sowohl thematisch wie auch ästhetisch gelungen ergänzen. Auf der einen Seite stehen die strengen Schwarzweiß-Fotografien von Don McCullin. Seine Schau „The Impossible Peace“ spannt einen Bogen über 50 Jahre Zeitgeschichte, die der 1935 in London geborene Reportage- und Kriegsfotograf mit seiner Kamera begleitet hat. Die archetypischen Bilder zeigen die Spaltung Zyperns, den Vietnamkrieg, AIDS in Afrika und Terror in El Salvador. McCullin ist ein Fotograf aus Berufung, der sich die Dokumentation des menschlichen Leids zur Lebensaufgabe gemacht hat, er ist ein Mahner, der nicht dramatisiert sondern das Grauen zeigt wie es ist, in seiner banalen, alltäglichen Form.

Im Kontrast dazu stehen die Farbfotografien des erst 32-jährigen Norwegers Jonas Bendiksen, der seit mehreren Jahren für die exklusive Agentur Magnum arbeitet. In „The Places We Live“ projiziert er 360-Grad-Panoramen von Wohnräumen sozial ausgegrenzter Menschen aus Kenia, Venezuela, Indien und Indonesien, an speziell dafür installierte Leinwände. So entsteht der Eindruck, als würde man unmittelbar in die Lebenswirklichkeit der Abgelichteten eintreten. Dies kann ein unangenehmes Gefühl sein, eine Mischung aus Reue, Traurigkeit und Empörung und genau das fordern die Bilder Bendiksens, ebenso wie McCullins, ein.

Text: Jacek Slaski

tip-Bewertung: Herausragend

Don McCullin „The Impossible Peace“ und Jonas Bendiksen „The Places We Live“
, C/O Berlin, bis 28.2.2010, Eintritt: 8/5 Ђ

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