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Galerie Lacke Farben zeigt Thomas Rauchfuss

RauchfussVier Männer in Business-Anzug und weißen Hemden versammeln sich in giftgrün hochgewachsenem Gras. Insistierend starren sie auf anthrazitgraue dräuende Wolkengeschwader. Zu Raffaels Zeiten nannte man so was den „himmelnden Blick“. Doch hier ist das Anliegen eher profan: „Beobachtung der Flugenten“ (2008) hat Thomas Rauchfuss sein Werk genannt. Überhaupt eignet seinen Bildern ein kammerspielartiger Ton. Besonders gerne assortiert der Maler seine Figuren in Gruppen, die praktisch nie zu verorten, dafür aber zumeist schweigend ins Gespräch vertieft sind. Oder lebhaft gestikulierend vor naiven Landschaftsversatzstücken wie in „Die Aussprache“ oder „So ein Unfug …“. Das notorisch schwarz-dezente Outfit der Männer, die Frau offeriert Dekolletй, lassen auf einen Galerien-Kontext schließen. Seltsam entrückt erscheint Rauchfussens Personal — die prägnanten Mienen wie hinter einem Gazeschleier verborgen. Das umflort sie mit einem geheimnisvollen Nimbus.
Möchte uns der Maler das alltägliche Ausmaß nie gelingender Kommunikation vorführen, insbesondere derjenigen zwischen Paaren? Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Bedeutungsschwanger sind die Blicke seiner Protagonisten, wie die der Dreiergruppe in „Das Wetter macht mir Sorge“. Und selbst ein Titel wie „Gute Nachrichten“ ist mit der allwaltenden Melancholie nicht unbedingt in Einklang zu bringen. Kess hingegen dreht er in „Das Urteil der Aphrodite I“ den Spieß herum, und so berührt mit spitzen Fingern die Anführerin des verführerischen wie herablassenden Frauentrios die Nase einer Paris-Büste. Damit untergraben sie die Deutungshoheit des unschuldigen Jünglings, der die Qual der Wahl und die Schönste zu küren hatte. Die betont manieristische Geste taucht erneut auf in der „Göttlichen Berührung“, welche den pikanten Busen-Dialog zweier Hofdamen aus der Schule von Fontainebleau Ende des 16. Jahrhunderts in die Gegenwart projiziert. Der Maler hat nach seinem Kunststudium in Hamburg intensiv die Alten Meister im Louvre studiert. Existentiell wird es, wenn Rauchfuss seine Gestalten auf ein Floß packt, das reißenden Stromschnellen ausgeliefert ist. Die Klaviatur der Gefühle dieser schicksalhaft Verbundenen spielt er virtuos durch (und erinnert wie von ferne an Delacroix’ berühmtes „Floß der Medusa“, das letztlich zum Kannibalismus seiner Insassen führte). Über den Wolken …
Augenscheinlich ist nicht allen Passagieren seines „Flugs über die Anden“ die archaische Konstruktion des Gefährts ganz koscher. Das unverantwortliche Delegieren an die Instanz des Vorangehenden thematisiert er in „Drei Blinde (nach Bruegel)“. Im Galerienkeller nimmt sich Rauchfuss selbst auf den Arm mit seiner Serie „Der Maler“.
Auf einem aberwitzig hohen und wackeligen feuerroten Stuhl kauert da das Alter Ego mit Künstlerkappe. Die verwischten Gesichter, der jäh aufgerissene Mund wie auch die gedrückte Körperhaltung sind wahlverwandt mit Francis Bacon. Zur Betonung der notwendigen Distanz des Malenden wie zugleich der Instabilität der unbehaglichen Bohиme wurde den Gemälden ein fragiles Feuerstühlchen aus Holz beigesellt.

Text: Martina Jammers

tip-Bewertung: Sehenswert

Thomas RauchfussGemälde 2005–2010“ in der Galerie Lacke Farben, Brunnenstraße 170, Mitte, Mi-Fr 15-19 Uhr, Sa 14-19 Uhr, bis 17.4.

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