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Geben ist seliger als nehmen

Geben ist seliger als nehmen

Der wohl klassischste Gebe-Anlass ist Weihnachten, das Fest der Nächsten­liebe. Unzählige strömen vor Heilig­abend in die Geschäfte, um Dinge zu kaufen, von denen sie annehmen, diese könnten die Beschenkten erfreuen. Oft macht das dem Schenker keinen Spaß. Vielleicht, weil diese Form des Gebens mit Materiellem zusammen­fällt. Und auch mit einem gewissen Zwang. Weihnachten ist ein Austausch von Gütern: Ich schenke dir was, du schenkst mir was, und wir beide müssen uns alljährlich überlegen, wie das vonstatten­gehen soll.  Aber die meisten bringen dennoch in der Vorweihnachts­zeit einige Hundert Euro in Umlauf und sind nicht selten erleichtert, wenn der ganze Spuk ein Ende hat. Andere fühlen sich veranlasst, den ursprünglichen Weihnachts­gedanken mit selbst­loseren Akten zu beleben. Man hilft Flüchtlingen. Oder leistet einen Dienst in der Suppen­küche. Die Essenz des Gebens ist bereits im Leben vieler Menschen integriert. Nicht nur in der Weihnachts­zeit, sondern das ganze Jahr hindurch. Was treibt sie an?
Seit knapp einem Jahr engagiert sich Lily Dukowski als ehren­amtliche Mit­arbeiterin bei der Berliner Aids-Hilfe, wo sie das Beratungs­telefon für eine Schicht pro Woche besetzt. Ungefähr vier Stunden ist sie dann anonyme Ansprech­partnerin, gibt Informationen weiter, fängt Ängste auf. Viele Menschen, die die Nummer des Krisentelefons wählen, sind psychisch anderweitig belastet und kanalisieren ihre Ängste über das Thema HIV-Infektion. Welchen Anspruch hat Lily Dukowski an ihre Arbeit? „Meine Aufgabe ist es nicht, Lösungen für jemanden zu finden. Aber wenn das Gespräch selbst­bestimmte Lösungen möglich macht, dann ist das für mich als Beraterin ein ziemlich gutes Gefühl.“
Über zwölf Millionen Deutsche engagieren sich in Freiwilligen­ämtern. Und das emotionale Zentrum jener Dienste befindet sich weit ab vom Konsum. Es geht um persönliche Beziehungen, um das Gefühl, gebraucht und akzeptiert zu werden. Der Mehrwert, der durch diese Form des Gebens entsteht, findet auf psychischer Ebene statt – und, wie wissenschaftliche Studien belegen, auch auf physischer. Geben reduziert Stress. Man verlässt seine eigene Welt ein Stück weit, vergisst Probleme, wird über sich selbst hinaus­gehoben. Was sich positiv auf das Befinden auswirkt. Hans Seyle, sogenannter Vater der Stress­forschung, spricht aus diesem Grund auch von einem „altruistischen Egoismus“.
Eine Verkürzung könnte also lauten: Wenn wir anderen etwas geben, geben wir auch uns selbst etwas. Diese Form des Schenkens ist etwas anderes als die bloße Trans­aktion materieller Güter. Michael Rosenberger, Professor für Moral­theologie, etwa schreibt: „Gabe und Gegengabe, beide subjektiv betrachtet ‚umsonst‘ gegeben, verbinden Schenkende und Empfangende miteinander, stiften Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.“ Davon kündet auch die Bibel in der Apostelgeschichte 20,35, wenn es dort heißt: „Geben ist seliger als nehmen.“ Und an anderer Stelle: „Gebt, dann wird auch euch gegeben. In reichem, vollem, gehäuftem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Lukas 6, 38).
Freilich muss nicht erst explizit die Religion bemüht werden, um zum Kern des Gebens vorzudringen. Es ist möglich, von einer Art „Zivilreligion“ zu sprechen, in der religiöse Werte so tief in der gesellschaftlichen Struktur verankert sind, dass sie nicht als solche extra herausgestellt werden müssen.
Von einer anderen Seite nähern sich Anthropologie und Soziologie, welche altruistischen Zügen traditionell eher skeptisch gegen­über­stehen. Ein Handeln, das keinerlei Eigen­interesse verfolgt, scheint dem menschlichen Wesen grundsätzlich zu widersprechen. Dass sich der Sachverhalt indes etwas schwieriger verhält, bemerkt der französische Sozial­anthropologe Gйrald Berthoud: „Der dringende Wunsch, anerkannt zu werden, ist grund­legender als der, Reichtum um seiner selbst willen anzuhäufen. Die Leistung der Gabe liegt also in der Möglichkeit, sich Wert­schätzung zu verschaffen.“
Geben erzeugt also einen ganz eigenen Wert, indem es die individuelle Position verbessert und sich gleichzeitig positiv auf das eigene Selbst­bild auswirkt. Prozesse, die oftmals unbemerkt ablaufen. Was die meisten jedoch ganz klar empfinden: Etwas von sich zu geben fühlt sich gut an. Ein anderer Aspekt betrifft die Wirksamkeit, mit der sich jemand in einer Gesellschaft bewegt. Unterhält man sich mit Menschen, die sich etwa in einem Ehren­amt engagieren, wird man schnell darauf stoßen, dass jene Engagements vor allem an Punkten ansetzen, an denen der Sozialstaat, die Politik und auch die Gesellschaft selbst versagen. Freiwilligen­hilfe ist da nötig, wo Gelder fehlen, die es eigentlich dringend bräuchte. Wo es materielle Güter und Arbeitskräfte geben sollte, die aber nicht da sind.
Ehrenämter entfalten sich nicht selten an eher un­attraktiven Orten, vor denen die meisten zurückschrecken. Und: an denen Hilfs­leistungen zudem als etwas Sinnloses erachtet werden. Kann ich die Situation von jemandem, den ich einmal pro Woche in einem Pflegeheim besuche, tatsächlich verbessern? Der Mensch ist ohnehin alt, krank und wird bald sterben. Lohnt sich das?
Ja. Weil im Geben unabänderliche Fakten transzendiert werden können. Es geht dann nicht mehr darum, den anderen aus seiner (vermeintlich) misslichen Lage zu befreien. Oder die ganze Welt zu einem besseren Ort zu machen. Eine Erfahrung, die viele freiwillige Helfer teilen, hat vielmehr mit der Einstellung zu tun, mit welcher man lernt, einem Menschen gegenüberzutreten: unvoreingenommen, wertfrei, erst mal abwartend. Das sind Kompetenzen, die sich auch in andere Beziehungen hineintragen. Und wer weiß: Vielleicht helfen sie auch bei der Suche nach den passenderen Weihnachtsgeschenken.

Text: Carolin Weidner

Foto: „Anbetung der Heiligen Drei Könige“  bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders

Anbetung der Heiligen Drei Könige

Das Gemälde von Hans Baldung genannt Grien entstand 1506/07 und hängt in der Berliner Gemäldegalerie. Die Familie auf der Flucht, die improvisierte Behausung, die Kriegs­szenen im Hintergrund, die Weisen aus dem Morgenland – das Motiv passt zu den aktuellen Flüchtlings­bewegungen. ??Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, ­Tiergarten

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