• Kultur
  • „Gegenwert“ von Eva Apraku

Kultur

„Gegenwert“ von Eva Apraku

Jedes Mal, wenn ich mich dem Lebensmittelmarkt meines Vertrauens nähere, blinzele ich schon von weitem: Ist sie heute da? Sie, das ist eine Roma, etwa Mitte 30 Jahre alt, die die Kunden mit einem freundlichen „Hallo“ begrüßt und eine Straßenzeitung feil bietet. Manchmal    gebe ich ihr beim Verlassen des Marktes 50 Cent, manchmal gebe ich aber auch gar nichts. „Muss ich auch nicht“, denke ich dann störrisch. Und bin dann ein bisschen sauer auf die Frau, deren Gegenwart mich jedes Mal herausfordert. Dabei hatte sie schon mal auf mein Fahrrad aufgepasst, als ich das Schloss zum Abschließen vergessen hatte. Das war mir dann zwei Euro wert. Eine Zeitung jedoch habe ich ihr noch nie abgekauft, keiner der Kunden macht das. Wir glauben wahrscheinlich alle, dass sie das irritieren würde. Und spenden lieber so. Wenn es uns gerade passt.
Straßenzeitungsverkäufer, mobile Musikanten oder heruntergekommene Dichter, die in der U-Bahn ein paar Reime zum Besten geben: Der Alltag in Berlin besteht aus einem Slalomlauf zwischen Bettlern der unterschiedlichsten Art. Sie haben mich irgendwie bescheidener gemacht. Dachte ich früher angesichts besonders glasig dreinblickender Gestalten noch: „Der kauft von dem erbettelten Geld ja sowieso nur Drogen“, verbiete ich mir diese dämliche Besserwisserei inzwischen. Denn – so what? Für 50 Cent oder einen Euro habe ich kaum einen Anspruch darauf, das Leben eines mir völlig Fremden umkrempeln zu können. Doch auch so bekommt man für eine kleine Spende genug: Ein Lächeln, manchmal ein kurzes Gespräch – und immer etwas Selbstreflektion.

Mehr über Cookies erfahren