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Gekaufte Hochschule: Wenn Unternehmen in Unis investieren

Konzerne mehren an den Unis ihren Einfluss: mit Sponsorengeldern, Lehrmaterial, Events. Steht die Unabhängigkeit der Lehre auf dem Spiel?

Foto: TU-Pressestelle / Böck

Die Geldsumme, die die Seiten wechselt, ist ­gewaltig. 1,4 Milliarden Euro spülen Unternehmen jährlich in die Kassen deutscher Hochschulen. In Berlin sprudeln diese Ströme besonders ausufernd, weil hier viele Ver­bände und Lobbyorganisationen niedergelassen sind. ­Allein an die drei großen Drei der Hochschullandschaft, an TU, HU und FU, wurden 2016 etwa 30 Millionen Euro verteilt – je nach Uni zwischen drei und 13 Prozent der Drittmittel.

Die Geldschleusen öffnen sich zugunsten wissenschaftlicher Studien. Am Institut für Veterinärmedizin der FU sponsert Novartis zum Beispiel die Forschung an Anti-Wurm-Medikamenten. Mit Pharma-Firmen in Kontakt stehen auch Koryphäen der ständigen Impfkommission, jenem Gremium am Robert-Koch-Institut, das Behörden empfiehlt, welche ansteckenden Krankheiten den vorbeugenden Griff zur Kanüle erfordern. Ein Mitglied, das unter anderem Masern und Mumps eindämmen soll, war für die Firma „GlaxoSmithKline“ tätig. Dazu gibt es in der Hauptstadt allein 95 Stiftungsprofessuren, spendiert von der Telekom oder der Bundesdruckerei. Nur in Schleswig-Holstein ist der Anteil größer.

Könnte es sein, dass sich Wissenschaftsgeist und Wirtschaftsmacht zu nah sind?
Die Einflusssphären, die sich Unternehmen erkaufen wollen, sind ethische Graubereiche. Es bleibt nebulös, ob ein essenzielles Gut unseres Rechtssystems auf dem Spiel steht: die Unabhängigkeit geistiger Arbeit, wie sie im Artikel 5 des Grundgesetzes festgehalten ist: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

In Berlin gibt es kein Gesetz, das Hochschulen verpflichtet, eigenmächtig Aktenschränke zu öffnen und Kooperationsverträge mit Spendern und Stiftern publik zu machen.
Manchmal führen erst Skandale, die am Ruf der Alma Mater kratzen könnten, zu einer Lernkurve. So wie 2011, als ein Professor die Information leakte, dass die Deutsche Bank der HU und TU ein Institut für Finanz­mathematik beschert hatte. Die erwartete Gegenleistung: Repräsentanten des Konzerns sollten bei der Auswahl von Professoren an diesem Institut mitreden dürfen sowie bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen. Uni-Gelehrte wären somit in der Bredouille gewesen, womöglich Studieninhalte unter Verschluss zu halten. Das öffentliche Echo war so verheerend, dass der Vertrag aufgekündigt wurde.

Eine Spielwiese für den Lobbyismus von Global Playern ist auch das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft der TU, angesiedelt in der Nähe der Friedrichstraße, mitten im politischen Berlin also – es wird mit den Gewinnen eines Silicon-Valley-Konzerns gepäppelt.

Mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr fördert Google die Denkfabrik, deren Mitarbeiter sich der vielleicht bedeutsamsten Frage unserer Zeit widmen. Sie untersuchen, wie die Digitalisierung unsere Leben beeinflusst. Das Institut pocht auf seine Unabhängigkeit, zumal auch andere Geldgeber ihre Schatullen geöffnet haben, etwa die Uni Freiburg, das Bildungsministerium des Bunds, die Volks­wagen-Stiftung und die RWE-Stiftung. ­Google habe weder Einfluss auf die Bewilligung von Projekten noch einen schnellen Zugriff auf Forschungsergebnisse, heißt es. Doch selbst wenn die Forscher die Sogkräfte des Netzes vermessen, von Big Data bis künstlicher Intelligenz, ohne Zwischenrufe aus der Google-Zentrale zu erhalten: Das Weltunternehmen profitiert von einem Image-Gewinn.

Dass Firmen immer mehr in Hörsälen, ­Laboren und Kolloquien präsent sind, ist eine Folge des Bologna-Prozesses der ­Nullerjahre. Die in Umlauf gebrachten Schlagworte: „Wettbewerb“,„Flexibilität“, „Unternehmerische Uni“. Der bisherige Treibstoff von Lehre und Forschung wird verknappt, nämlich öffentliches Geld aus Landesmitteln – und damit der Durst nach anderen Quellen gemehrt, darunter eben auch Drittmittel von Unternehmen. Wer deren Gunst erobern will, muss die eigene Hochschule in gutes Licht rücken. Ein Leistungsanreiz, der den Homo Oeconomicus im Hochschulbeamten wecken soll. „Diese Denkweise hat Hochschulen vielerorts in die Abhängigkeit von privaten Zuschüssen getrieben“, sagt Peter Büttner, Aktivist vom Portal „Hochschulwatch“.

Natürlich ist der Austausch zwischen Hochschulen und Unternehmen nicht per se anstößig, vor allem in Wirtschafts-, ­Natur- und Ingenieurswissenschaften. Die Bildungsinstitutionen versorgen Fabriken und Vorstandsetagen mit Fachkräften und frischem Wissen. Unternehmen ihrerseits revanchieren sich mit Technologie und Know-how. Ob die Unis allerdings autonom bleiben, wenn hohe Summen die Seiten wechseln – dafür gibt es keine Garantie.

Ein Transparenzgesetz brächte Licht ins Dunkel. Es zwänge Hochschulen, die Kooperationsverträge mit Unternehmen offen zu legen – damit die Öffentlichkeit darüber diskutieren könnte, ob ein Deal grenzwertig ist. Angst vor Negativ-Schlagzeilen könnte dazu führen, dass Hochschulvertreter manche Dokumente erst gar nicht unterzeichnen. Bislang sind Klagen meist der einzige Weg, um Geheimnisse zu lüften. Die Informationsfreiheitsgesetze der Bundesländer liefern die Grundlage, zumindest in der Theorie. Denn die rechtlichen Hürden, hinter denen sich Hochschulen dabei verschanzen können, sind hoch. Als Hindernisse können sie eigene Bedürfnisse geltend machen, etwa „zum Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen oder zum Schutz von ordnungsbehördlichen Maßnahmen“, wie es beim Senat heißt.

In Nordrhein-Westfalen scheiterte bereits ein Kämpfer der NGO „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ mit seinem Furor. Er wollte die Einsicht in einen Vertrag zwischen der Uni Köln und dem Pharma-Riesen Bayer einklagen – und wurde von Verwaltungsgerichten in die Schranken gewiesen.

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