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Generationenprojekt für Schwule

Das Generationenprojekt für Schwule

Mal wieder dreht sich alles um den Garten. Es könnte metaphorisch gedeutet werden, dass den Bewohnern des Mehrgenerationenhauses „Lebensort Vielfalt“ in Charlottenburg der hauseigene Garten so wichtig ist. Immerhin können sie alle, Jung und Alt, hier das Spiel der Natur beobachten, das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, den Kreislauf des Lebens. Doch das wäre eine Überinterpretation. Wahrscheinlicher ist, dass es den Bewohnern des Hauses einfach sehr viel Spaß macht, gemeinsam im Garten zu werkeln.
Während also Robert Franke, mit 34 Jahren einer der jüngeren Mitbewohner, beherzt zu Harke und Spaten greift, beobachtet der 72 Jahre alte Peter Sybley das bunte Treiben zunächst von seinem Balkon aus. Obwohl der Termin zur Gartenarbeit per Aushang im Treppenhaus kommuniziert wurde, hatte er ihn schlichtweg vergessen. Mit seinem Rollator ist er derzeit außerdem sicher keine so große Unterstützung. Einbringen will er sich aber trotzdem, irgendwie. Da kommt ihm die Idee: Kaffee! Er wird die Hobbygärtner mit Kaffee versorgen. Kurzerhand sucht er sich alle Kännchen zusammen, die die Gemeinschaftsküche hergibt.
Mehrgenerationenhäuser sind immer ein bunter Haufen. Noch etwas bunter dürfte der Lebensort Vielfalt sein, denn die meisten seiner Bewohner sind schwul. „Homosexuelle Männer haben besonders Angst, in ein normales Altersheim zu gehen“, sagt Marcel de Groot, der Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin, von der das Haus im Jahr 2012 eröffnet wurde und die seitdem im Erdgeschoss auch ihre Büroräume unterhält. „In früheren Generationen gab es noch viel stärkere Vorbehalte gegenüber Homosexualität, und verständlicherweise haben pflegebedürftige ältere Menschen keine Lust, sich im Altersheim diskriminieren zu lassen.“
Die Idee, ein Altersheim für Homosexuelle einzurichten, lag deshalb auf der Hand, und der Erfolg gibt de Groot Recht: Aktuell befinden sich über 250 Interessenten auf der Warteliste für ein Zimmer. Doch darunter sind nicht nur Senioren – und auch nicht nur Männer. 20 Prozent der Bewohner sind Frauen, weitere 20 Prozent jüngere Männer – wie Robert. „Auf den ersten Blick ist das untypisch“, sagt der hauptberufliche Yogalehrer. „Die Schwulen-Community präsentiert sich ja nach außen gerne als sehr jung und dynamisch. Tatsächlich habe ich früher kaum Kontakt zu älteren schwulen Menschen gehabt.“ Als der Lebensort Vielfalt seine Türen öffnete, hat Robert Franke sich vor allem deshalb auf einen Platz darin beworben, um Kontakte zu knüpfen, für die sich in anderen Kontexten keine Gelegenheit ergeben hat.
„Bisher hat Franke es nicht bereut. „Viele unserer älteren Mieter sind sehr kulturinteressiert, Opern und Musik und so, genau wie ich“, berichtet er. „Nur haben die bereits viel mehr Lebenserfahrung! Einer der Bewohner hat 40 Jahre lang als Buchhändler gearbeitet, das ist eine großartige Chance, sich mit solchen Menschen austauschen zu können!“
Der Garten ist dabei zwar der beliebteste Treffpunkt, aber nicht der einzige. Die Bewohner organisieren Koch- und Spieleabende, haben eine gemeinsame Bibliothek und laden mit Unterstützung der Schwulenberatung auch mal externe Referenten für Diskussions­runden ein.
Homosexualität steht dabei nicht immer im Fokus. Oft geht es um ganz profane Dinge wie Versicherungsfragen oder Gesundheitstipps. Gerade, weil Homosexualität in diesem Haus Normalität ist und keine Ausnahme, wird sie selten zum Gesprächsthema. Manchmal aber eben doch. „Einer unserer älteren Bewohner hat den allerersten Christopher Street Day in Berlin polizeilich angemeldet und durchgezogen – trotz aller damaligen Risiken“, erzählt Franke. „Wenn ich mir anschaue, was der CSD heute erreicht hat, muss ich sagen: Danke schön! Danke, dass ihr damals so viel Mut hattet. Ohne euch wären wir heute nicht so weit.“

Text: Michael Metzger

Foto: David von Becker

Lebensort Vielfalt.
Der Lebensort Vielfalt ist das erste „Mehrgenerationenhaus für Schwule und Freunde von Schwulen“ und als Projekt einzigartig in Europa. Im ersten Stock existiert eine Wohneinheit für Pflegebedürftige. ?Mehr Infos: www.lebensort-vielfalt.de

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