Kultur

Georgette Dee im Tipi

Georgette_DeeAchtzehn Jahre ist es her, da pilgerte halb Kreuzberg ins Schillertheater, um eine ganz und gar ungewöhnliche Diseuse zu sehen. Eine, die einen Männerkörper hatte und Frauenkleider trug und trotzdem alle gängigen Travestieklischees unterlief. Die Rotwein auf der Bühne, nein, nicht trank, sondern soff. Gleich aus der Flasche. Und die zwischen ihre Chansons so harte, nüchterne Überlegungen streute, wie man sie überhaupt nur in alkoholisiertem Zustand anstellen kann. Das war Georgette Dee. Sie hatte damals schon rund zehn Jahre Bühnenerfahrung gesammelt, vor allem am Hamburger Schmidt-Theater mit Lilo Wanders und Gunter Schmidt. Beim Auftritt im Schillertheater war Georgette Dee reif für den großen Durchbruch, und der kam dann auch.
Und seitdem trinkt die Dee ihren Rotwein und raucht ihre Zigaretten auf den großen Bühnen Europas.Wobei es längst auch mal Wodka statt Wein und Zigarre statt Zigarette sein darf. Man wird schließlich nicht jünger. „Wo meine Sonne scheint“ heißt Georgette Dees neuester Soloabend, mit dem sie nach der Uraufführung im Hamburger Tivoli im vergangenen September jetzt im Tipi am Kanzleramt gastiert. Es ist natürlich ein typischer Dee-Abend mit Gedichten, Schlagern, Schnulzen und Chansons. Die Dee macht da keinen Unterschied. Sie singt das eine wie das andere in ihrem trockenen Sprechgesang, der ganz plötzlich in großes Pathos und überhaupt in alle Abgründe dieser Welt kippen kann.Wobei es dann aber allerhöchste Zeit ist für eine Unterbrechung und für einen Kommentar, und dafür braucht es wahrscheinlich erst mal einen großen Schluck und einen Zug an der Zigarre. Aber manchmal meint Georgette Dee es auch ernst mit dem Pathos, so ernst, dass sie es durch keine Sprüche brechen will. Sie kann auch das: absolutes Gänsehautfeeling. Das aber auf ihre sehr eigene Weise. Georgette Dee textet das Schubertsche Liedgut genauso unverfroren um wie Kultschlager von Alexandra oder Leonard Cohen. Sie gibt zuweilen Philosophisches über die Liebe zum Besten. Etwa darüber, dass sich die Welt immer so gestaltet, wie man an sie glaubt.Wobei es hilfreich ist, das eine oder andere für eine gelungene Partnerschaft zu beherzigen. Etwa: „Wenn man einen buddhistischen Liebhaber hat, ist es nicht an der Zeit, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, sondern eher damit, wie evangelisch man eigentlich ist.“ Dann geht der Rest schon klar. Zumindest besteht eine gewisse Chance. Und aus einem Lied wie „Grau zieht der Nebel“ kann ganz plötzlich „Guten Morgen, Sonnenschein“ werden. Und so verbindet sich dann ganz schlüssig ein Lied mit dem anderen. Cohen mit Alexandra und Alexandra mit Schubert und mit Georgette Dees Erfahrungen in den Kellerbars dieser Welt. Denn in diesen ist Georgette Dee in „Wo meine Sonne scheint“ vornehmlich unterwegs. Zwei, drei Stunden lang singt sie und schweift ab, zu Politik und Sex, zu Ole und Guido, Helmut und Loki, zur Liebe von Männern und die Lust am Rausch. Georgette Dee ist eine begnadete Trinkerin, zumindest auf der Bühne. Sie hat ihr Bühnentrinken kultiviert – inzwischen benutzt sie in der Regel ein Glas – und zu einer Art Markenzeichen ausgebaut.
Überhaupt hat Georgette Dee ihren Künstlernamen schon vor vielen Jahren als geschützte Marke eintragen lassen. Der Sohn einer Gärtnerin und eines Drogisten lernte zunächst Krankenhelfer, fühlte sich ratlos als Frau in einem Männerkörper, lernte dann Lilo Wanders & Co. kennen und hat sich seitdem als derbes Kunstgeschöpf, das auch in Frauenkleidern ganz wie ein Mann aussieht und das auch nicht zu verbergen versucht, erschaffen.
Auch ihre merkwürdige Mischung aus Grobheit und Empfindlichkeit ist von ähnlicher Machart. Georgette Dee kann Gedichte vortragen und sich dann plötzlich an einer Wendung festhaken, an einer Wendung wie etwa „lavendelfarbene Dämmerung“. Das ist dann zu viel, jedenfalls für den Moment, es muss mit Hohn und Spott begossen werden, bevor sie sich dann eben doch dem Kitsch einer solchen Sprache restlos und genussvoll ergibt. Jetzt darf man es auch. Mit dieser Kitschsehnsucht, der eigenen wie der des Publikums, spielt Georgette Dee nur zu gerne und wendet sie dabei natürlich gleichzeitig wie unter einem Vergrößerungsglas hin und her.
Kurz: Obwohl sie sich bei all dem inzwischen oft auch im Floskel- und Klischeehaften bewegt, macht Georgette Dee immer noch Spaß.Wobei die zuweilen grauenhaften Fummel, die sie trägt, aber trotzdem nicht zu entschuldigen sind. Georgette Dee, die, wie manche sagen „kantiger“ oder schlicht „runder“ geworden ist, ist mittlerweile 51 Jahre alt. Natürlich trägt sie das mit Würde und stoischem Humor und mit sehr, sehr viel Hoffnung: Man kommt schreiend zur Welt, vielleicht kann man sie ja wenigstens mit einem Lächeln auf dem Gesicht verlassen. So jedenfalls lautet das Motto von „Wenn meine Sonne scheint“.
Georgette Dee lebt bis heute in ihrem Heimatdorf Sülze (so heißt es wirklich) in der Lüneburger Heide. Seit dem vergangenen Sommer schon feiert sie ihr 30-jähiges Bühnenjubiläum, und weil das eine große Sache ist, wird sie es noch bis zum kommenden Jahr tun. Denn 1979 stand sie erstmals mit einem Chanson auf der Bühne, und 1981 hatte ihr erstes eigenes Bühnenprogamm Premiere. Kurt Weill und Zarah Leander, Marlene Dietrich und Billie Holiday, das war schon damals die Mischung der Sängerin, die von der Zeitschrift „Zeit“ einmal als „Deutschlands beste Diseuse“ gefeiert wurde. Es hat sich seitdem nur immer weiter angereichert. Mit großen Gefühlen und großen Träumen, mit Bierdeckel in der Jeans des Geliebten, auf dem eine Telefonnummer steht, die nicht die eigene ist. Und den Versuchen, generös zu sein, die in kleinlichem Gezänk enden. Etwa über die Herkunft des Gemüses, das gerade auf dem Tisch steht. Ach, Zeit für die Badewanne, in der man den Silberfischen beim Ertrinken zusehen kann. Zeit für ein Lied, für einen Schluck Wein, ein Zug an der Zigarre. Trost für die liebeskranke Freundin, die einem wie ein Sack am Arm hängt: Du bist nur verlassen worden, du hast keine Tuberkulose, du kannst alleine gehen. Klar, für einen selbst gilt das dann sowieso.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Daniel von Johnson

Wo meine Sonne scheint
im ?Tipi am Kanzleramt, 27.4.-2.5., Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr, Karten unter 39 06 65 50

PORTRÄT EDGAR SELGE

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