• Kultur
  • „Gesichtertes“ von Hanna Lemke

Kultur

„Gesichtertes“ von Hanna Lemke

LemkeHanna Lemke ist so ziemlich das Gegenteil von Helene Hegemann. Sie veröffentlicht ihr Debüt mit Ende 20, also in einem Alter, in dem das hierzulande Jungschriftstellerinnen normalerweise zu tun pflegen, sie lächelt offen auf ihrem Autorinnenfoto – übrigens: kein Haar im Gesicht – und sie beschreibt das, was man als eine in Wuppertal geborene und nun in Berlin lebende Autorin, die zwischendurch am Leipziger ?Literaturinstitut studiert hat, nun mal kennt: die Welt der Twentysomethings, die sich in Bars und Kneipen treffen, oft zuviel trinken, miteinander herumziehen und in einer Art Interimszustand leben – noch nicht wirklich bereit, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, nicht mehr unbedarft genug, einfach ihre Jugend zu genießen.
Die Ich-Erzählerinnen nehmen Jobs an, die sie nicht verstehen, spüren die Anziehungskraft von Frauen und Männern, denen sie begegnen, und versuchen so ?etwas wie Beziehungen aufrecht zu erhalten oder aufzubauen – zu Liebhabern, zu Freunden, zu Geschwistern. Oft reden sie kaum miteinander, wie Georg, der vom Geld seiner Eltern lebt und vom Vater am Telefon gefragt wurde, ob er inzwischen „anderweitig ein gesichertes Einkommen“ hätte. „Und was hast du gesagt?“, fragte ich. Georg antwortete nicht. „Das fand ich nett, wie der das gesagt hat“, sagte er nur. „Anderweitig ein gesichertes Einkommen.“

Doch, es gibt in den Geschichten durchaus gelungene Passagen. Auch wie der wortkarge Boris eine eingespielte Freundesclique erst analysiert und dann als Katalysator deren Reduzierung vorantreibt, ist schön beobachtet und lakonisch beschrieben. Allerdings fehlt es den Geschichten an Tragik, an Fallhöhe, an Relevanz. Sie beschreiben abgesicherte Welten, in denen das Weiterkommen vielleicht noch etwas unsicher ist, junge Leute, die ein bisschen einsam sind und ein bisschen was ausprobieren, bis sie irgendwann die sicheren bürgerlichen Bahnen einschlagen werden.
Auch stilistisch bieten diese Stories nicht viel, nur die übliche Reduktion und das nicht zu Eindeutige – Dinge, die man in Leipzig lernt. Angesichts dieser Prosa spürt man ein Dilemma, in dem junge, wohlbehütet aufgewachsene Autoren und Autorinnen heutzutage stecken: Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen und nicht stehlen? Und man ist fast geneigt, der ?Methode Hegemann zuzustimmen: Lieber eine geborgte Erfahrung als die Banalität des Normalen.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Andreas Rost/ tip-Edition

tip-Bewertung: Zwiespältig

Hanna Lemke „Gesichertes“, Kunstmann Verlag, 192 Seiten, ?17,90??Ђ

Lesung: Literarisches Colloquium Berlin, ?Am Sandwerder 5, Wannsee, ?Lesung und Gespräch mit Hanna Lemke und Ulrike Almut Sandig, ?Di 4.5., 20 Uhr, Eintritt 6/4 Ђ, ?www.lcb.de

Weitere Buchbesprechungen:

LESENSWERT: DIETMAR DATHS „DEUTSCHLAND MACHT DICHT“

LESENSWERT: BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRES „AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPERN“ 

LESENSWERT: „KOKOSCHKINS REISE“ VON HANS-JOACHIM SCHÄDLICH 

HERAUSRAGEND: J.M. COETZEES „SOMMER DES LEBENS“

HERAUSRAGEND: T.C.BOYLES „DAS WILDE KIND“

LESENSWERT: DON DELILLOS „DER OMEGA-PUNKT“

HERAUSRAGEND: BURNSIDES „GLISTER“

LESENSWERT: „FRANKIE MACHINE“ VON DON WINSLOW

GAY TALESE: FRANK SINATRA IST ERKÄLTET – REPORTAGE-MEISTERSTÜCKE

BILDBAND: MAGIC 1400s – 1950s

 

Mehr über Cookies erfahren