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Gespräch mit Thomas Mücke

Gespräch mit dem Psychologen Thomas Mücke

Thomas ­Mücke ist Pädagoge und Psychologe; als Dozent, Referent und Coach bundes­weit u.?a. bei der Anti­gewalt­arbeit mit Jugend­lichen tätig Mitbegründer u.?a. des Violence Prevention Network und des Vereins für aufsuchende Jugend- und Sozial­arbeit in Berlin (Gangway e.?V.).

Hass, Gewalt und Vorurteile lassen sich nicht wegsperren. Das ist das Credo des bundesweit aktiven Vereins Violence Prevention Network aus Berlin. Eines der Projekte ist das auf drei Jahre angelegte interkulturelle und interreligiöse Präventionsprojekt zur Toleranz- und Demokratie­entwicklung MAXIME Berlin. Dabei geht es, wie zuvor beim ebenfalls dreijährigen Modellprojekt ­MAXIME Wedding, speziell an Schulen auch darum, Jugendliche vor Radikalisierung und dschihadistischem Extremismus zu bewahren – weil das dazu führen kann, dass manche nach Syrien ausreisen, um sich der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS, früher: ISIS) anzuschließen.

tip Herr Mücke, wie haben die Terror­anschläge von Paris einerseits und der Wirbel um die Pegida-Demonstrationen andererseits Ihre Arbeit verändert?
Thomas Mücke Die Diskussionen sind emotionalisierter geworden. Das kann dazu führen, dass manche jungen Menschen aus Trotz sagen: Jetzt reise ich auch nach Syrien aus. Die andere Sache ist, dass Menschen muslimischer Identität jetzt weitere Ausgrenzungs­prozesse befürchten. Es ist immer das Problem, dass Extremismusphänomene sich gegenseitig hochschaukeln können.

tip Wie arbeitet MAXIME Berlin genau?
Thomas Mücke Wir veranstalten interkulturelle Workshops in Schulen, die sehr oft in sozialen Brennpunkten liegen. Es geht dabei nicht nur um religiöse Bildung, sondern auch um interreligiöse Toleranz, um sich nicht von Extremisten beeinflussen zu lassen. Das ist im Präventions­bereich immer die Grund­impfung. Man kriegt das ja bei jungen Menschen mit, die eventuell beabsichtigen, nach Syrien auszureisen oder es getan haben und zurückgekehrt sind: Die meisten sind religiös völlig ungebildet. Sie haben wenig Ahnung von ihren eigenen religiösen Wurzeln. In unseren Reli­gions-­Work­shops sollen diese Jugendlichen andere Sichtweisen erfahren als sie eventuell in diesem neosalafis­tischen Milieu zu hören kriegen. Und natürlich kann es sein, dass wir merken: Der eine oder andere ist besonders gefähr­det. Dann kümmern wir uns um diesen Menschen sehr verantwortungs­voll.

tip Wie viele Jugend­liche betreuen Sie an den Schulen?
Thomas Mücke Es gibt wahnsinnig viele Anfragen. Wir arbeiten im Jahr in den Workshops mit Hunderten Jugendlichen. Manche Schulen erlauben uns auch, längere Zeit mit den Jugendlichen weiter­zu­arbeiten. Bei der Prävention geht es erst mal allgemein um die Themen Islam, Religion, Extremismus, interkulturelle Toleranz. Aber natürlich kriegen wir auch mit, dass der eine oder andere eine intensivere Betreuung braucht. Und da sind wir in Berlin dabei, das aufzubauen, dass wir hier bei der Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen mehr Angebote machen können.

tip Was geht in einem jungen Mann vor, wenn er sich durch die Grausam­keit der Terror­gruppe Islamischer Staat in Syrien dazu animiert fühlt, da mitzumachen?
Thomas Mücke Man muss sich anschauen: Was bietet die extremistische Szene an Attraktivitäts­momenten an? Einer ist der exklusive Wahrheits­anspruch dieser Szene: „Wir wissen, was das Große, Wahre ist. Und du kannst zu dieser großen, wahren Sache dazugehören. Du musst einfach nur folgen. Nicht nachdenken.“ Diese Jugendlichen sind oft sozial isoliert. Nicht selten haben wir es auch mit Familien zu tun, wo die Vaterfigur nicht präsent ist. Dann spielen die charismatischen Autoritäten der Szene einen Vater­ersatz.

tip Was können Sie dagegen tun?
Thomas Mücke Es geht um die Altersgruppe der 14- bis 21-Jährigen. Die machen Fehler. Die haben aber nie schon ein abgeschlossenes, unveränderbares Weltbild. Da geht es darum, ihnen Angebote zu offerieren. Wir wollen sie unterstützen, beraten, begleiten, uns immer wieder mit ihnen auseinandersetzen, auch wenn es schwerfällt. Aber wenn wir das nicht tun, tun es andere. Und dann werden diese Jungen noch mehr in die Hände der Extremisten hineingetrieben.

tip Wo versucht diese extremistische Szene, in Berlin möglichen Nachwuchs zu rekrutieren?
Thomas Mücke Rekrutiert wird überall, wo junge Leute sich aufhalten. Das kann im Fitness­center sein, in der Sprachschule, in der Schule, in Jugendhilfe­einrichtungen, in der Moschee. Oder über soziale Netzwerke. Auch die Koran­verteilung (bei der salafistischen „Lies!“-Aktion in deutschen Groß­städten, Anm. d. Red.) war eine Methode der Rekrutierung.

tip Wie man aus Frank­reich weiß, haben sich einige islamistische Terroristen auch im Gefängnis radikalisiert.
Thomas Mücke Ich hatte letztens den Fall eines 15-Jährigen in einer Jugend­vollzugs­anstalt, der mir gesagt hat: Er sei noch drei Monate hier, danach reist er nach Syrien aus. Ich habe ihm geantwortet: „Das wird nicht klappen, denn ich habe noch zwei Monate Zeit, mit dir zu arbeiten.“ Der Punkt war: Der hatte nichts mehr im Leben, kein privates Unterstützungs­system, sein Leben war gescheitert. Der hatte sich ein Stück weit aufgegeben. Er selber hatte kurdische Wurzeln. Ich habe ihn gefragt: „Ist dir klar, dass die ISIS gegen Kurden kämpft?“ – „Nee, das wusste ich noch gar nicht.“

Extremismus-Prävention bei Jugendlichen

tip Ihr Projekt zur Deradikalisierung im Strafvollzug läuft in den Ländern Berlin, Brandenburg und Hessen.
Thomas Mücke Die Lebens­verläufe von diesen Jugendlichen sind genau das, wo Extremisten zugreifen: niedriges Bildungs­niveau, niedriges Selbstwert­gefühl, sehr schnell anfällig für einfache Erklärungs­weisen. Damit kriegt man auch in den Vollzugs­anstalten eine mögliche Rekrutierungs­welle.

tip Inwiefern?
Thomas Mücke Der Strafverfolgungs­druck in der Szene nimmt derzeit stark zu. Es wird also passieren, dass Leute, die sehr stark ideologisiert sind, in die Vollzugsanstalten kommen. Die werden ihre extremistische Identität nicht aufgeben. Und sie werden versuchen, dort Anhänger zu finden. Und da müssen wir aufpassen: dass nicht ein Extremist in den Knast reinkommt, und mehrere kommen wieder raus. Und das bedeutet, andere Insassen stark zu machen, dass sie sich davon nicht beeinflussen lassen. Das schaffen die aber nicht alleine. Dafür ist unsere Prävention da.

tip MAXIME war zuerst ein drei­jähriges Modell­projekt im Wedding. Berlinweit läuft es wieder drei Jahre.
Thomas Mücke Das jetzige Projekt MAXIME Berlin ist aus Mitteln der Klassen­lotterie finanziert. Es läuft Ende 2016 aus. Wir müssen aber eine Regel­mäßigkeit in der Angebots­finanzierung entwickeln. Mein Eindruck ist, dass die politischen Entscheidungs­träger da ein deutlich offenes Ohr haben, dass die Prävention ein ganz wichtiges Thema ist. Es hat ja wenig Sinn, alles nur den Sicherheits­organen zu über­lassen. Das ist eine gesellschaftliche Heraus­forderung.

tip Was sind Ihre nächsten Pläne?
Thomas Mücke Demnächst machen wir ein neues Projekt, wieder ein Modell­projekt allerdings, in der ?ehitlik-Moschee am Columbiadamm, wo wir eine Beratungsstelle für betroffene Eltern und Jugendliche direkt in der Moschee aufbauen werden. Das ist bundesweit einmalig. Wir führen auch Work­shops direkt in der Moschee durch. Das ist ganz wichtig. Wir müssen die Moscheen in diesem Diskussions­prozess mit ihren jungen Menschen unterstützen.

tip Haben Sie eigentlich selbst bei Ihrer Arbeit manchmal das Gefühl „Diesen Jungen erreiche ich einfach nicht“?
Thomas Mücke Natürlich gibt es welche, die eigensinnig oder hart sind. Wenn ich in der Vollzugs­anstalt zum Thema Ehrenmord einen Workshop mache, habe ich da acht Jugendliche, von denen ich weiß: Wenn ihre Väter das verlangen würden, würden sie es tun. Die haben erst mal ein festes Bild. Aber wir versuchen ja, eine Diskussion in Gang zu setzen. Diese jungen Menschen kennen es nicht, zu diskutieren und auch mal unterschiedliche Meinungen gemeinsam auszuhalten. Deshalb sind Misstrauen und Ablehnung uns Pädagogen gegenüber manchmal auch etwas ganz Normales. Und trotzdem bleibt meine Hand ausgestreckt.

Interview:
Erik Heier

Fotos: Sven Klages, imago / Ralph Peters

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